Meinung geändert

Nach Beben: Türkei bittet Ausland nun doch um Hilfe

Ausland
26.10.2011 08:27
Drei Tage nach dem schweren Erdbeben vom Sonntag nimmt die Türkei nun doch Hilfsangebote aus dem Ausland in Anspruch. Die Regierung bat die mehr als 30 Länder, die ihre Unterstützung angeboten hatten, um Beistand, wie ein Vertreter des Außenministeriums mitteilte. Unter anderem würden Notunterkünfte wie Zelte und Container benötigt. Ministerpräsident Tayyip Erdogan hatte zunächst erklärt, die Türkei komme ohne internationale Hilfe aus.

Die Regierung kam sogar auf das israelische Hilfsangebot zurück. Israel kündigte an, eine Luftbrücke in das Katastrophengebiet im Südosten der Türkei einzurichten.

Die Beziehungen zwischen der Türkei und Israel waren zuletzt auf einem Tiefpunkt. Hintergrund ist der Streit über einen israelischen Militäreinsatz gegen eine Hilfsflotte für den palästinensischen Gazastreifen, bei dem neun türkische Aktivisten getötet wurden (siehe Infobox). Über die Hilfe für die Bebenopfer könnten sich beide Seiten wieder annähern.

Schwere Vorwürfe gegen Baufirmen
Unterdessen warf Ministerpräsident Erdogan Baufirmen und Aufsichtsbehörden am Mittwoch schwere Versäumnisse vor, die Menschenleben gekostet hätten. Bei der Katastrophe sei der Beton einiger Gebäude wie Sand zerbröselt. "Den schmerzlichen Preis haben die Menschen drinnen bezahlt", sagte Erdogan. Die Nachlässigkeit von Kommunen, Bauunternehmen und Kontrolleuren sei als ein Verbrechen zu betrachten.

Erdogan räumte aber auch ein, dass die staatliche Hilfe am ersten Tag nach dem Beben unzureichend war. "In den ersten 24 Stunden waren wir nicht erfolgreich. Das gestehen wir ein", sagte er. Nun liefen die Hilfseinsätze aber kontrolliert. 

Tausende warten auf Hilfslieferungen
Der türkische Rote Halbmond brachte am Dienstagabend mit Geleitschutz der Armee Zelte für die Erdbebenopfer in die am stärksten zerstörte osttürkische Stadt Ercis. Der Konvoi sei von Tausenden Menschen erwartet worden, die sich in einer etwa einen Kilometer langen Schlange vor einer Wache der Gendarmerie aufgestellt hätten, berichtete ein Korrespondent der Nachrichtenagentur dpa.

"Ich warte seit mehr als 13 Stunden auf ein Zelt. Meine Familie besteht aus zehn Personen", sagte der 19-jährige Cemal Alam. Bei Temperaturen um den Gefrierpunkt hatten in den beiden Nächten zuvor viele Menschen im Freien übernachten müssen.

Meuterei im Krisengebiet: Häftlingsprotest
Während die Rettungskräfte fieberhaft weiter nach Verschütteten suchen, protestierten Häftlinge in der schwer vom Erdbeben getroffenen Provinz Van. Mit einer Meuterei in einem Gefängnis wollten sie auf ihre Situation in der Haftanstalt aufmerksam machen. Trotz Schäden an dem Gebäude weigern sich die Behörden, die Insassen an einen sichereren Ort zu verlegen. In der Nacht auf Mittwoch waren Schüsse zu hören, Rauch stand am Himmel, nachdem Häftlinge ihre Decken angezündet hatten. 

Vor der Haftanstalt versammelten sich Angehörige der Insassen und riefen "Erdogan - Mörder" in Bezug auf den Regierungschef. Unmittelbar nach dem Erdbeben am Sonntag waren etwa 200 Häftlinge aus dem Gefängnis geflohen. Nach Angaben der Behörden kehrten 50 von ihnen freiwillig wieder zurück, nachdem sie ihre Familien gesehen hatten.

Fast 500 Tote zu beklagen
Die Zahl der Todesopfer stieg unterdessen auf mindestens 461, mehr als 1.350 Menschen wurden verletzt. Das Ausmaß der Zerstörung wird von Tag zu Tag immer deutlicher. Die Behörden korrigierten die Zahl der zerstörten Häuser von 970 auf 2.262, berichtete der Fernsehsender CNN-Türk unter Berufung auf den Krisenstab der Regierung.

Dennoch gibt es auch immer wieder Glücksmomente für die Helfer. Am Mittwoch gelang es ihnen, nach fast 67 Stunden noch zwei Überlebende aus den Trümmern zu bergen. Eine 27-jährige Lehrerin und ein 18 Jahre alter Student wurde aus einem eingestürzten Gebäude gerettet. Ein kleines Wunder erlebten die Helfer bereits am Dienstag, als sie - 47 Stunden nach dem Erdbeben - ein Neugeborenes lebend aus den Trümmern ziehen konnten. Wenig später wurden auch die Mutter und die Großmutter gerettet (siehe Infobox).

Immer wieder heftige Beben in der Türkei
Die Türkei wird immer wieder von heftigen Erdbeben heimgesucht. In der Provinz Van gab es 1976 ein Erdbeben mit fast 4.000 Toten. Im Jahr 1999 wurden bei zwei großen Erdstößen im Nordwesten des Landes mehr als 20.000 Menschen getötet. Das Beben vom Sonntag hatte eine Stärke von 7,2.

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