Mi, 15. August 2018

Kritik an China

08.08.2011 12:11

Jurist Sangay neuer Chef der tibetischen Exilregierung

Nach seinem Wahlsieg im April ist Lobsang Sangay am Montag als neuer Chef der tibetischen Exilregierung vereidigt worden. Der 43-jährige Völkerrechtsexperte, der bisher in den USA lebte, legte am Sitz der Exilregierung im nordindischen Dharamsala seinen Amtseid ab. Sangay übte in seiner Antrittsrede scharfe Kritik an China und warf der Regierung in Peking "Kolonialismus" vor - die chinesische Herrschaft in Tibet sei "eindeutig ungerecht und unhaltbar".

An der Vereidigungszeremonie in einem Tempel in Dharamsala nahm auch der Dalai Lama teil. Der 76-Jährige hat seine politischen Aufgaben an den neuen Premier übertragen, bleibt aber geistliches Oberhaupt der Tibeter.

Sangay versprach, die Widerstandsbewegung der Tibeter so lange fortzusetzen, "bis in Tibet die Freiheit wiederhergestellt ist". Der Kampf der Exil-Tibeter richte sich nicht gegen das chinesische Volk oder China als Land. "Unser Kampf richtet sich gegen den harten politischen Kurs des chinesischen Regimes in Tibet", sagte der Jurist.

Echte Autonomie" Tibets als Hauptziel
Der Exil-Premier kündigte an, der politischen Linie des Dalai Lama zu folgen. Mit dessen "Weg der Mitte" solle im Dialog und im Rahmen der chinesischen Verfassung eine "echte Autonomie" mit kulturellen und religiösen Freiheiten für die Tibeter herbeigeführt werden. Er selbst und die Exilregierung seien bereit, darüber "zu jeder Zeit, an jedem Ort" mit der chinesischen Regierung zu verhandeln, sagte Sangay. Gleichzeitig kritisierte er das Regime in Peking, das direkte Gespräche mit der von keinem Land der Welt anerkannten Exilregierung ablehnt. "Es gibt keinen Sozialismus in Tibet. Tibet ist nicht das Paradies, das es sein könnte. Es ist eine Tragödie", sagte er. "Die chinesische Regierung sollte das wissen."

Sangay versprach, wie der Dalai Lama an Gewaltlosigkeit festhalten zu wollen. Der Dalai Lama setzt sich seit seiner Flucht aus dem von China besetzten Tibet 1959 für eine friedliche Lösung des Tibet-Konflikts und mehr Autonomie für die Region ein. Im Jahr 1989 wurde er dafür mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. Peking hingegen wirft ihm vor, unter einem religiösen Deckmantel auf die Unabhängigkeit Tibets hinzuarbeiten.

Exilregierung von keinem Staat anerkannt
Dem Chef der tibetischen Exilregierung, der alle fünf Jahre neu gewählt wird, kommt nach dem Rückzug des Dalai Lama aus der Politik künftig eine stärkere Rolle zu. Insgesamt ist die Macht der Exilregierung in Dharamsala jedoch beschränkt - trotz weltweiter Sympathien für den Dalai Lama hat bisher kein Staat die Exilregierung als legitime Vertretung der Tibeter anerkannt.

Sangay hatte im April bei einer Abstimmung unter Exil-Tibetern in aller Welt die meisten Stimmen erhalten, sein Vorgänger Samdhong Rinpoche war nicht mehr angetreten. Der neue Premier will sein Kabinett Mitte September vorstellen. Dann treten die Abgeordneten des neu gewählten Exilparlaments erstmals in Dharamsala zusammen, wo die Exilregierung und der Dalai Lama ihren Sitz haben.

Exil-Premier verdankt Karriere einer Kuh
Sangay hat seine Heimat noch nie gesehen: Seine Eltern waren 1959 vor der chinesischen Besatzung geflohen und lernten sich im indischen Exil kennen. In demselben Jahr verließ auch der Dalai Lama mit hunderttausend Landsleuten das Hochland im Himalaya. Sangay kam am 10. März 1968 in einfachen Verhältnissen in einer Flüchtlingssiedlung bei Darjeeling im indischen Unionsstaat Westbengalen zur Welt.

In Tibet war Sangays Vater ein buddhistischer Mönch, in Nordindien schlug sich die Familie mit kleinen Geschäften durch. Sangay erzählte in Interviews, als Kind habe er Holz gesammelt und Strickwaren verkauft. Die Familie hielt außerdem Hühner und Kühe. Eines der Tiere habe sein Vater damals verkauft, um sein Schulgeld bezahlen zu können, sagte Sangay der britischen BBC. "Ich schulde einer Kuh eine Menge", so der 43-Jährige bezüglich seiner steilen Karriere. Nach dem Schulabschluss studierte Sangay an der Universität Delhi. Dort engagierte er sich im Tibetischen Jugendkongress, einer der radikaleren Gruppen, die die Unabhängigkeit Tibets von China forderte.

1995 bekam Sangay ein Stipendium für die renommierte US-Universität Harvard. Dort promovierte der Jurist, gleichzeitig setzte er sich für die Anliegen seines Volkes ein. Mit Ehefrau und Tochter lebte er im Großraum Boston und arbeitete als Wissenschaftler in Harvard. In den USA erreichte Sangay im Frühjahr auch die Nachricht von seiner neuen Aufgabe. Inzwischen ist der 43-Jährige nach Nordindien zurückgekehrt, wo weltweit die meisten Exil-Tibeter leben.

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