Mi, 15. August 2018

Image aufpoliert

08.08.2011 07:33

Statt Actionfilme: Sarkozy entdeckt die Hochkultur

Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy galt lange als echter Kulturbanause. Seit einiger Zeit berichten Besucher des Élysée-Palastes allerdings von einer sonderbaren Wandlung. Während einige Beobachter seine Frau Carla Bruni hinter der Hinwendung zur Welt der Klassiker sehen, meinen Kritiker hingegen, dass es dem Staatschef wohl weniger um die Kultur als vielmehr um sein Image vor den Wahlen im nächsten Jahr gehe.

Aus seinem Faible für amerikanische Actionfilme hat Sarkozy nie einen Hehl gemacht. Wenn ordentlich die Fetzen flogen, war ihm das lieber als ein klassisches Theaterstück. Aber das war einmal: Neuerdings soll der Präsident verstärkt die großen Klassiker der Filmkunst anschauen und die berühmten Werke französischer Literaten lesen.

Es ist erst ein paar Jahre her, dass Sarkozy einen Sturm der Entrüstung auslöste, weil er öffentlich über den französischen Klassiker "La Princesse de Clèves" (von Marie-Madeleine de La Fayette) aus dem 17. Jahrhundert spottete. Der britische Fernsehsender BBC berichtete sogar einmal, Sarkozy erwecke den Anschein, als habe er in seinem ganzen Leben vielleicht zwei Bücher gelesen. Als sonderlich erfahren in der Welt der Literatur-Klassiker galt der Staatschef jedenfalls nicht.

Deutliche Fortschritte in der Welt der Klassiker
Aber die Zeiten ändern sich. Schauspieler, Autoren und Dramaturgen, die Sarkozy seit Beginn seiner Präsidentschaft 2007 regelmäßig zum Abendessen in den Élysée-Palast einlädt, hätten zuletzt deutliche Fortschritte bei ihm festgestellt, berichtete die linksgerichtete Pariser Zeitung "Libération". Zwar hatte er sich schon früher immer wieder mit einem Buch in der Hand ablichten lassen. Doch heute berichteten Besucher begeistert von seiner Kenntnis der großen Klassiker aus Literatur und Film. Sein altes Interesse für Slapstick-Comedy sei hingegen völlig erloschen.

Überschwänglich pries Sarkozy kürzlich die Verdienste des dänischen Regisseurs Carl Theodor Dreyer, dessen Stummfilm "Die Passion der Jungfrau von Orléans" als Klassiker des Historienfilms gilt. Und er diskutiert mit Vorliebe die Arbeiten von Gustave Flaubert und Honoré de Balzac.

Ehefrau Carla Bruni für Wandlung verantwortlich?
Nun rätseln die Franzosen, wem sie die Wandlung ihres Staatsoberhauptes zu verdanken haben. Viele glauben, dass seine dritte Ehefrau Carla Bruni den kulturellen Horizont ihres Mannes erweitert hat. Die beiden verbringen die Abende meist gemeinsam zu Hause, lesen oder schauen Filme an, so berichten Vertraute des Präsidentenpaares. Sarkozy soll sich diszipliniert und mit einem ungeheuren Eifer durch die großen Film-Klassiker arbeiten. Einen Regisseur nach dem anderen nehme er sich vor.

Aber einige seiner Gäste im Élysée fragen sich auch, wie ernst es dem Präsidenten mit seiner kulturellen Bildung wirklich ist. Sie glauben, dass es Sarkozy weniger um die Kultur als vielmehr um sein Image mit Blickrichtung auf die Präsidentenwahl im nächsten Frühjahr geht. Ein solch abrupter Wandel könne nicht echt sein, sagte Kulturjournalist Jerome Garci kürzlich. Dass Sarkozy statt seines alten Lieblingsfilms "Der Soldat James Ryan" nun plötzlich Stummfilm-Regisseur Dreyer verehre, nehme er ihm nicht ab.

"Stützräder von seinem Fahrrad gelöst"
Andere sind durchaus anderer Meinung. "Carla hat ihn am Anfang sicherlich anschieben müssen. Aber jetzt hat sie die Stützräder von seinem Fahrrad gelöst, und ich glaube, das Sarkozy wirklich Gefallen daran gefunden hat, alleine zu radeln", sagte Autor und Regisseur Yann Moix. Ob Sarkozy sich um das ganze Gerede Gedanken macht, ist nicht bekannt. In seinem Urlaub an der Cote d'Azur will er viel Sport treiben, Zeit mit der Familie verbringen und Bücher von Georges Simenon lesen. Die Kriminalgeschichten des belgischen Autors über Kommissar Maigret sind in Frankreich sehr beliebt - hochgeistige Literatur sind sie jedoch eher nicht...

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