Guten Morgen

Seitensprünge | Dürfen´s denn das?

Ukrainekrieg, Rekordinflation, Klimakrise, Corona. Alles düstere Themen, die die Menschen anhaltend schwer belasten. Wir Journalisten beschäftigen uns Tag für Tag mit diesen Themen, kein Wunder, wenn da der eine oder andere auch schwermütig wird. Alle, ob Produzenten oder Konsumenten der Nachrichten, lechzen da zunehmend nach thematischen Seitensprüngen. Positive Nachrichten wären begeht, sind aber immer schwerer zu finden. Dann wenigstens Themen, die zwar auch erregen, aber gleichzeitig doch nicht zu tief gehen. Wie die Videos der jungen und attraktiven finnischen Ministerpräsidentin Sanna Marin, die halb Europa darüber diskutieren lassen, ob eine Staatschefin im Privatleben ausgelassen tanzen darf. Oder jetzt die Debatte um das von einem renommierten Verlag zurückgezogene Buch zum neuen Winnetou-Film. Dem Rückzug war bekanntlich ein Shitstorm vorausgegangen, weil das Werk Stereotype transportiere und Vorurteile schüre. Das geht gar nicht mehr, seit die sogenannte Cancel Culture um sich greift. Seit unter vielem anderen Europäer nicht mehr Dreadlocks tragen dürfen, weil es sich auch dabei um eine verpönte „kulturelle Aneigung“ handle. Die Reaktionen auf den Buch-Rückzieher fallen allerdings nun noch viel heftiger aus als zuvor gegen die Buch-Veröffentlichung…

Dürfen´s denn das? Auch viele „Krone“-Leser melden sich zu Wort. Die allermeisten von ihnen haben wenig bis kein Verständnis für die Cancel Culture. Viele bringen Beispiele, was dabei noch alles verboten werden könnte. „Was kommt als Nächstes“, fragt ein Leser, „darf eine Nicht-Japanerin noch die Madame Butterfly singen? Achja, das ist ja eine italienische Oper! Also dürfen japanische Künstler noch europäische Musik spielen?“ Ja, dürfen´s denn das? An Oper denkt auch „Krone“-Kolumnistin Franziska Trost in ihrem Kommentar zur Debatte um die „kulturelle Aneignung“. So verweist sie auf Mozarts „Entführung aus dem Serail“, mit der, wie sie schreibt, Mozart „mit dem Mix aus neuen Klängen einer anderen Kultur und einem deutschen Libretto die traditionellen starren Formen der Oper durchbrach“. Ja, durfte er denn das? Trost bleibt freilich nicht allein bei Mozart hängen. Sie schreibt: „Kulturelle Aneignung? Natürlich. So wie sich Kulturen immer gegenseitig bereichert haben. Wie leer wären unsere Bühnen, wenn man alles Angeeignete canceln würde? Die Rolling Stones würden längst nicht mehr rollen, weil sie den Rock-Olymp mit schwarzen Blues-Klängen stürmten. Picasso ließ sich oft von afrikanischer Kunst inspirieren, Klimt von japanischer - also reif für den Museumskeller?“ Und Trost resümiert in ihrer Kolumne: „Es ist ein typisches Merkmal unserer Empörungsgesellschaft, dass kulturelle Aneignung so schnell zum Kulturkampf erhoben wird. Dabei kann gerade in der Kultur die Welt zusammenkommen, sie kann den Horizont erweitern, im besten Falle Vorurteile abbauen und vor allem zum Diskurs anregen. Aber nicht, wenn jeglicher Diskurs sofort gecancelt wird . . .“ Ja, darf unsere Autorin denn so etwas schreiben? Ja!

Kommen Sie gut durch den Donnerstag!

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