Schneider-Serie

Christian Mähr: Ein Misanthrop wider Willen

Vorarlberg
07.08.2022 11:25

In seiner Reihe „Hier war ich glücklich“ begleitet der Autor Robert Schneider Vorarlberger an die Lieblingsplätze ihrer Kindheit. In Matschels traf er jüngst einen der klügsten und produktivsten Köpfe des Ländles: Christian Mähr.

„Zur Synthese von Azabicycloheptanen mit Substituenten in 1-Stellung“ - das war der Titel seiner Doktorarbeit. Den Mann zu dieser Dissertation, von deren Titel ich nicht eine Silbe verstehe, geschweige flüssig lesen kann, treffe ich in Matschels, nördlich von Nofels. Das ist in der Roten Au, der größten zusammenhängenden Waldfläche im Vorarlberger Rheintal. Ganz in der Nähe erhebt sich der niedrigste Berg des Landes, das Matschelser Bergle, mit einer relativen Höhe von 16 Metern. „Sie hätten mich im Frühjahr interviewen müssen, dann wären Sie hier vom leuchtenden Hellblau der Sibirischen Schwertlilien erschlagen worden.“ Christian Mähr, dessen legendär sonore Stimme jahrzehntelang in den Wissenschaftssendungen des ORF erklang, hat ein Faible für das Undenkbare, das Skurril-Absurde. Von Haus aus Chemiker, Pragmatiker durch und durch, hat er sich in seinen Romanen, Krimis und Hörspielen eine phantastische Gegenwelt erschaffen. Sein Roman „Fatous Staub“, eine Geschichte über eine Parallelwelt, hat im Jahr 1992 gleich die beiden wichtigsten deutschen Science-Fiction-Preise gewonnen.

Robert Schneider: Jetzt erklären Sie mir doch bitte den Titel Ihrer Doktorarbeit.
Christian Mähr: Damals war es noch so, dass man in der organischen Chemie eine Substanz zu synthetisieren hatte, die es noch nicht gibt. Da hockte man zuerst einmal wochenlang in Bibliotheken herum. Am Ende sollte man dann ein Reagenzglas in Händen halten und sagen können: Diese Substanz kommt im ganzen Universum - wahrscheinlich - nur ein Mal vor, und zwar hier in diesem Glas. Und ich habe sie erschaffen. Die Substanz war eigentlich zu nichts nütze. Als junger Chemiker träumt man doch davon, etwas gegen Krebs zu erfinden, oder sei es nur etwas gegen eingewachsene Zehennägel.

Schneider: Das Matschels ist sehr weitläufig. Verliert man sich da nicht als Dreikäsehoch?
Mähr: Drum bin ich auch immer mit dem Fahrrad hier her gekommen. Mein Vater hatte in Matschels ein Holzlos. So habe ich das alles kennengelernt. Mit fünf Jahren bekam ich eine kleine Axt. Heute unvorstellbar. Da durfte ich dann das Matschelser Bächle ausholzen. Plötzlich stand ich mit meinen neuen Stiefeln knietief im Wasser. Himmel, wie das den Eltern erklären? So hat der Eine seine Abenteuer in Südamerika erlebt und ich eben in Matschels.

Schneider: Sie stammen aus einfachen Verhältnissen. Der Vater war Zollwachbeamter. Woher die Leidenschaft für die Literatur?
Mähr: Ich konnte noch gar nicht richtig sprechen, da bin ich mit meiner Mutter schon in die Bibliothek zur „Bilden-Tante“ mitgezockelt und habe Bilderbücher ausgeliehen. Für 20 Groschen. Die Arbeiterkammer-Bibliotheken waren eine nicht zu unterschätzende Grundlage der Volksbildung überhaupt. Lesen war für mich das grundsätzliche Lebenselixier.

Schneider: Sie stottern, was Ihre große Zuhörerschaft im Radio überhaupt nicht bemerkt hat.
Mähr: Wenn ich aufgeregt bin, ja. Das ist bei mir genetisch bedingt. Auch mein Onkel stotterte. Natürlich war ich im Sprachheilheim, aber das Stottern ist geblieben.

Schneider: Und hatten trotzdem den Mut, ans Mikrofon zu treten?
Mähr: Ich ging eines Tages im Sommer durch die Schmiedgasse in Feldkirch. Ich war noch Student. Bin es übrigens immer geblieben. Da kamen mir die Herrn Bilgeri und Köhlmeier entgegen. Junge Männer. „Gut, dass du kommst“, sagten sie. „Du schreibst doch auch. Wir machen da eine Hörfunksendung und brauchen neue Texte.“ So kam ich zum ORF und blieb dreißig Jahre dort hängen. Hätte ich nicht die Schmiedgasse genommen, sondern die Kreuzgasse, wäre ich vermutlich in der chemischen Industrie gelandet. Es ergab sich, dass der damalige Literaturchef Leo Haffner jemanden brauchte, der sich wissenschaftlich auskennt, weil er über die jährliche Tagung der Nobelpreisträger in Lindau zu berichten hatte. Also schrieb ich die Fragen dazu. Es war nach einer durchzechten Nacht, als Haffner am nächsten Morgen bemerkte, dass er zwei Sendungen anstatt einer machen sollte. Er setzte mich einfach vors Mikrofon, das rote Licht ging an, und wie durch ein Wunder las ich den Text fehlerfrei. Bei den Tagungen in Lindau durfte ich sehr viele bedeutende Wissenschaftler kennenlernen. Unvergesslich ist mir das Gespräch mit Konrad Lorenz geblieben, das wir im Lindauer Stadttheater in einer umfunktionierten Besenkammer geführt haben.

Schneider: Ihre Bücher haben unverkennbar den Hang zum Skurrilen, auch zum Utopischen. Das Menschenbild ist pessimistisch. Sehnsucht nach einer besseren Welt?
Mähr: Das realistische Schreiben hat mich nie wirklich interessiert, und es stimmt: Ich habe eine negative Anthropologie. Ich finde den Menschen einfach furchtbar. Es gibt ja das berühmte Fermi-Paradoxon, benannt nach dem Physiker Enrico Fermi. Er ging davon aus, dass es eine extraterrestrische Intelligenz gibt. Aber wieso sind sie nicht hier, wenn es sie gibt? Eine Lösung des Paradoxons wäre: Die sind schon längst da, aber sie halten sich fern. Sie halten sich fern, um sich nicht anzustecken, und ich meine nicht die Viren, sondern die Viren, die wir in unseren Köpfen ausbrüten.

Schneider: Die Leidenschaftlichkeit, mit der sie erzählen, lässt aber auf ein brennendes Herz schließen
Mähr: Wenn ich mich nicht mehr erregen kann, wenn nicht der Schweiß ausbricht, dann ist es aus, dann kommt die Depression. Ich bin noch in der Ordnung einer Produktion aufgewachsen. Man muss etwas schaffen. Erschaffen. Je älter ich werde, desto mehr stelle ich fest, wie sehr mich meine Mutter geprägt hat. Sie war Preußin und Sozialdemokratin durch und durch.

Schneider: Was ist für Sie Glück, Herr Mähr?
Mähr: Glück ist, wenn ich eine Arbeit beendet habe. Basta.

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