Norwegen-Massaker
Breivik stand im Stau – das rettete vielen das Leben
Die Behörden bestätigten am Sonntag Medienberichte, wonach Breivik wegen zähflüssigen Verkehrs auf dem Weg in die Innenstadt die Bombe im Osloer Regierungsviertel nicht wie geplant während der Arbeitszeit, sondern erst kurz nach Büroschluss für Tausende Beamte zünden konnte. Im Polizeiverhör gab der Attentäter an, die Transportzeiten zu niedrig berechnet zu haben. Bei der Explosion kamen acht Menschen ums Leben.
Das sozialdemokratische Sommerlager auf Utöya erreichte Breivik erst am späten Nachmittag, weil er auf der Fahrt von Oslo zur Fjordinsel wegen eines Unfalls im Stau stand. Als er die Insel erreichte, waren bereits viele Teilnehmer zum Festland zurückgekehrt, unter anderem auch Ex-Ministerpräsidentin Gro Harlem Brundtland.
Das Protokoll des Massakers
Als diesen und älteren Informationen von Polizei und anderen Behörden hat die Zeitung "Aftenposten" das Vorgehen Breiviks zu rekonstruieren versucht:
- 11.45 Uhr: Breivik fährt einen Mietwagen des Typs Fiat Doblo durch eine Station für Automaut Richtung Osloer Innenstadt. Er parkt das Auto am Hammersberg Torg und kehrt in den Stadtteil Skoyen im Westen Oslos zurück. Dort wohnt er bei seiner Mutter.
- 12.51 Uhr: Breivik schreibt den letzten Eintrag in sein 1.500 Seiten umfassendes "Manifest".
- 14.08 Uhr: Das "Manifest" wird per E-Mail an 1.003 Adressaten verschickt. Breivik verkleidet sich als Polizist.
- 15.00 Uhr: Er fährt einen mit mehreren hundert Kilo Sprengstoff gefüllten VW-Transporter durch eine der automatischen Mautstationen Richtung Zentrum. Den ebenfalls gemieteten Wagen stellt er direkt vor dem Regierungs-Hochhaus ab und läuft zum Fiat am Hammersberg Torg. Im Polizeiverhör gibt Breivik später an, er habe die Transportzeiten zu niedrig berechnet.
- 15.26 Uhr: Die Bombe explodiert im Osloer Regierungsviertel. Doch wegen der Sommerferien sind viele Angestellte schon im Feierabend. Breivik steckt danach bei seiner Fahrt zur 40 km entfernten Insel Utöya im Stau nach einem Unfall.
- 16.40 Uhr: Breivik kommt in seiner Polizeiuniform an der kleinen Fährstation zur Insel an. Er stellt den Mietwagen ab und setzt auf der Fähre über. Als Gepäck führt er ein Schnellfeuergewehr, eine Pistole und große Mengen Munition mit sich.
- 17.08 Uhr: Ankunft des Attentäters auf Utöya.
- 17.27 Uhr: Die Polizei wird alarmiert. Unklar bleibt auch bei anderen Medienangaben, was in den ersten knapp 20 Minuten seit Breiviks Ankunft genau geschieht. Nach den ersten offiziellen Mitteilungen der Polizei hat der Massenmörder für die Tötung seiner 69 Opfer auf Utöya eineinhalb Stunden Zeit.
- 18.09 Uhr: Angehörige der Polizei-Eliteeinheit "Delta" kommen zusammen mit örtlichen Polizisten an der Fährstation nach Utöya auf der Festlandseite an.
- 18.25 Uhr: Die Einsatzgruppe erreicht die Insel und sucht nach dem Täter.
- 18.27 Uhr: Breivik lässt sich mit erhobenen Händen festnehmen. Er hat beide Waffen weggelegt. Die Polizei setzt ihn mehrere Stunden in einem Holzhaus auf der Insel fest, ehe er nachts in die Osloer Polizeizentrale gebracht wird.
Wie am Samstag bekannt wurde, wollte der Attentäter auch Bomben am Osloer Schloss und in der Parteizentrale der Sozialdemokraten platzieren. Unklar ist, ob das Teil der Pläne für den 22. Juli war oder ob diese Attentate an einem anderen Tag stattfinden hätten sollten.
TV: Breivik verlangt Rücktritt der Staatsspitze
Breivik ist seit seiner Festnahme in Haft - und hat trotz allem offenbar nichts von seiner Selbstsicherheit verloren. Wie der TV-Sender NRK berichtete, soll der 32-Jährige im Verhör den Rücktritt der norwegischen Regierung, des Königs und der Armeeführung verlangt haben - als Gegenleistung für seine Aussagebereitschaft.
Allerdings hatte die Polizei den Attentäter von Oslo am Samstag als "sehr auskunftsfreudig" und "äußerst kooperativ" bezeichnet. Der 32-Jährige habe Details früherer Aussagen bestätigt und neue Fragen der Ermittler beantwortet. Zwei Psychiater sollen Breivik nun auf seine Zurechnungsfähigkeit untersuchen und ihr Gutachten bis Anfang November vorlegen.
Norwegen kehrt langsam zurück zur Normalität
Unterdessen begann in Norwegen am Wochenende eine schrittweise Normalisierung des öffentlichen Lebens. In Oslo wurde der Norway Cup, ein riesiges Jugend-Fußballturnier, mit mehr als 20.000 Teilnehmern eröffnet. Ministerpräsident Jens Stoltenberg, der seit den Anschlägen ununterbrochen unterwegs und öffentlich aufgetreten war, nahm am Samstag und Sonntag keine Termine wahr.
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