Bettina Steindl, Geschäftsführerin der „CampusVäre“ in Dornbirn spricht über alte Hallen, neue Nutzer und die Notwendigkeit eines Zentrums für Vorarlbergs Kreative.
Christiane Mähr: Frau Steindl, seit 2020 gibt es unter Ihrer Leitung das „Creative Institute Vorarlberg“, das am „Campus V“ in Dornbirn eine Werkstatt zur Entwicklung der Zukunft, sie sogennannte „CampusVäre“ plant. Was kann man sich darunter vorstellen?
Bettina Steindl: Wir transformieren die Räumlichkeiten der ehemaligen Sägenhallen Meter für Meter - im wahrsten Sinne des Wortes. Wir entdecken die Hallen neu und lernen, wie wir sie bestmöglich nutzen können. Als wir hier eingezogen sind, waren beispielsweise die Räume, in denen wir heute unser Büro haben, seit Jahren unbenutzt. Nachdem wir sie leergeräumt und geputzt hatten, kam eine nahezu intakte Substanz zum Vorschein - nur ein Internetanschluss fehlte. Nach wie vor gibt es aber auch Räumlichkeiten, zu denen man regelrecht vordringen muss, bevor man sie überhaupt nutzen kann. Und das alles, während andere Räume und Hallen vermietet sind. So gibt es zum Beispiel ein Unternehmen mit 50 Mitarbeitern, von denen manche bereits seit 30 Jahren dabei sind. Wenn wir ein Problem haben - sei es ein nicht funktionierendes Licht oder ein fehlender Türstopper -, gehen wir einen Stock tiefer und uns wird unkompliziert und freundschaftlich geholfen. Oder um es mit den Worten des Archivars von F.M. Hämmerle zu sagen (Anm.: Die Hallen waren früher im Besitz des Textilunternehmens): „Innovativ waren wir immer schon, nur haben wir früher tüfteln dazu gesagt.“ Das ist so passend. Auch weil wir Zukunft nur schreiben können, wenn wir die Vergangenheit kennen.
Mähr: Man sollte sich also ganz generell darüber Gedanken machen, wie Bestehendes für zukünftige Aufgaben genutzt werden kann?
Steindl: Genau. Das ist eine wichtige Prämisse, denn wir tun alles im Sinne der Nachhaltigkeit, des Upcycling, des Urban Minings. Folglich wurde seitens der Stadt entschieden, die Hallen nicht abzureißen, sondern sie mit neuem Leben zu befüllen, neu zu bespielen und zu einem Zentrum für Innovation und Kreativität zu entwickeln. Entsprechend war und ist es wichtig, dass Projekte und künftige Mieter der Idee einer „Werkstatt zur Entwicklung der Zukunft“ folgen. Ein Beispiel: Starbucks würde nicht zur „CampusVäre“ passen, sehr wohl aber eine regional und nachhaltig arbeitende Kaffeerösterei. Das Bekenntnis zum Standort ist im Hinblick auf die Ansiedlungsökonomie künftiger Mieter entscheidend.
Mähr: Zeichnet Ihr auch für die Ansiedlung verantwortlich?
Steindl: Ja. Dass wir als „Creative Institute Vorarlberg“ beauftragt wurden, diese Hallen kuratorisch zu entwickeln, zeigt meiner Meinung nach gut, dass die Dinge hier neu angegangen und mutig überantwortet werden. Das ist spannend. So stellen wir uns zum Beispiel bei jeder Weiterentwicklung zuerst die Frage, welche Bedürfnisse künftige Mieter und Nutzer haben. Und das kann man eben nur Meter für Meter machen. Eine Grundhaltung, die ich übrigens in der Tabakfabrik Linz, im Ruhrgebiet und im Museumsquartier Wien gelernt habe. In der Tabakfabrik Linz heißt es etwa: „Wegen Umbau geöffnet“ - das ist doch großartig! Es geht nicht um Perfektion, sondern um das gemeinsame Entstehenlassen von Zukunft. Ein Motto, das wir leben und dass es im Hinblick auf die Etablierung einer lebendigen Kreativwirtschaft auch braucht.
Zur Person:
Bettina Steindl ist seit 2020 Geschäftsführerin der „CampusVäre - Creative Institute Vorarlberg GmbH“ am „Campus V“ in Dornbirn. Zuvor hat die gebürtige Tirolerin, die heute im hinteren Bregenzerwald zuhause ist, unter anderem in Dornbirn das Bewerbungsbüro zur Kulturhauptstadt Europas 2024 geführt und war Leiterin des „designforum Wien“ im MuseumsQuartier. Sie unterrichtet außerdem an diversen Fachhochschulen und Universitäten.
Mähr: Jetzt kann man natürlich immer konkrete Pläne schmieden und Zukunftsbilder malen. Braucht es aber nicht auch genauso einen Gestaltungsspielraum und die Möglichkeit zum Scheitern und Umkehren?
Steindl: Exakt. Alles kann man nicht wissen. Aber man kann der Zukunft einen Experimentierraum geben. Disruption hilft dabei ebenso wie Kunst und Kultur - etwa wenn es etwa darum geht, den Menschen und eben auch potenziellen künftigen Mietern die Hallen näherzubringen und sie für den Standort zu begeistern. Harte Fakten allein genügen dabei nicht mehr. Die Menschen brauchen mehr. Oder anders formuliert: Sie wollen inspiriert werden.
Mähr: Und das macht Ihr auch mithilfe von Kunst und Kultur?
Steindl: Ja, mit Kunst im öffentlichen Raum bringen wir unsere Anliegen gut sichtbar und breitenwirksam wortwörtlich ins Außen und zu den Menschen. In den Hallen selbst setzen wir auf partizipative Projekte, die künftige Mieter ansprechen. Hier arbeiten wir mit unterschiedlichsten Menschen aus unterschiedlichsten Bereichen zusammen. Und natürlich braucht es die Politik. Mit der Dornbirner Bürgermeisterin Andrea Kaufmann und Landesrat Marco Tittler haben wir glücklicherweise wichtige Unterstützer an der Seite. Außerdem haben wir neue Formate wie die „Creative Lunches“ entwickelt, um die Menschen für die Hallen zu begeistern. Einige Formate wurden bereits von Netzwerkpartnern übernommen. Das ist übrigens ein weiterer sehr elementarer Punkt: Die Zusammenarbeit im Netzwerk, die extrem bereichernd und immens wichtig ist. Toll ist außerdem, dass wir nicht nur mit Einrichtungen aus Vorarlberg kooperieren, sondern beispielsweise auch mit dem „Europäischen Forum Alpbach“, den „Creative Industries Styria“, der „Creative Region Linz“ oder der Universität Liechtenstein.
Mähr: Gleichzeitig seid Ihr Anlaufstelle und Plattform für Kreativwirtschaft, Digitalisierung, Wissenschaft, Bildung, Innovation und Kultur.
Steindl: Wir arbeiten zumindest daran, zu einer solchen Anlaufstelle und Plattform werden. Es gibt am „Campus V“ bzw. in ganz Vorarlberg sehr viele Kreativschaffende. Unsere Aufgabe ist es, Begegnungen zu ermöglichen und die Kräfte zu bündeln.
Mähr: Wie lange habt Ihr dafür Zeit?
Steindl: Die „CampusVäre“ ist ein Projekt mit Zukunftsperspektive und hat sogesehen kein Ablaufdatum. Jedoch haben wir als Institut einen klaren Auftrag: Und zwar einen Standort zu entwickeln, an dem sich verschiedene Gewerke ansiedeln werden. Es soll ein Wirkort geschaffen werden, der über die Grenzen hinaus strahlt.
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