Das große Interview

Kurz legt sich fest: „Schließe eine Rückkehr aus“

Politik
08.05.2022 06:00

Im ersten Interview nach seinem Rückzug und sechs Tage vor dem ÖVP-Parteitag in Graz spricht Sebastian Kurz mit Conny Bischofberger über den endgültigen Abschied aus der Politik, Zurufe vom Muppet-Balkon und sein Leben zwischen Wien, Abu Dhabi, Tel Aviv und Los Angeles.

Samstagmittag, der Himmel über Meidling hängt voller Wolken. Hier ist Sebastian Kurz aufgewachsen, hier lebt er heute noch mit seiner Freundin Susanne und dem fünf Monate alten Sohn. „Wien ist unsere Basis“, betont Kurz, der seit einem halben Jahr in der Privatwirtschaft tätig ist, „es kann aber sein, dass in einigen Monaten ein anderer Wohnort für uns vielleicht mehr Sinn macht und wir dann übersiedeln. Im Moment ist noch vieles im Fluss, da lässt sich das schwer sagen.“ Auf dem Weg hinüber in den nahegelegenen Park wird er immer wieder freundlich gegrüßt. Man erkennt den ehemaligen Bundeskanzler auch in Jeans und Turnschuhen.

„Krone“: Im Vorfeld des ÖVP-Parteitages am kommenden Samstag wurden Gerüchte laut, Sie könnten auf die politische Bühne zurückkehren. Haben Sie sich geschmeichelt gefühlt?
Sebastian Kurz: Ganz im Gegenteil. Mit falschen Gerüchten hatte ich schon in der Zeit, in der ich noch politisch aktiv war, keine Freude. Das hat sich bis heute nicht geändert.

Stehlen Sie mit Ihrem Auftritt in Graz Karl Nehammer nicht die Show?
Überhaupt nicht. Ich gehe dorthin, um ihn und das neue Team zu unterstützen. Und ich freue mich riesig, viele Weggefährten, Mitstreiter und Freunde wiederzusehen.

Freuen Sie sich auch, dort Ihren Vorgänger und Kritiker Reinhold Mitterlehner zu sehen?
In meinem Leben hat Reinhold Mitterlehner nicht die Relevanz, die ich anscheinend in seinem habe. Insofern habe ich darüber ehrlicherweise noch keine Sekunde nachgedacht. Aber ich habe auch kein Problem, ihn zu sehen.

In Jeans und Turnschuhen: der ehemalige Bundeskanzler Sebastian Kurz beim Gespräch mit Conny Bischofberger (Bild: Gerhard Bartel)
In Jeans und Turnschuhen: der ehemalige Bundeskanzler Sebastian Kurz beim Gespräch mit Conny Bischofberger

Werden Sie sich für das unschöne Wort im Chat bei ihm noch entschuldigen?
Ich glaube, wir sind uns wechselseitig wenig schuldig geblieben. Und genau so, wie ich zu Wolfgang Schüssel, Andreas Khol, Willi Molterer, Sepp Pröll und Michael Spindelegger nach wie vor ein sehr gutes Verhältnis habe, gibt es halt auch den einen oder anderen, mit dem ich jetzt nicht privat auf einen Kaffee gehen würde.

Rainer Nikowitz mutmaßte im „Profil“, dass Mitterlehner Sie auf offener Bühne würgen werde. Wie ist es bei Ihnen?
Das ist vielleicht eine Typfrage. Es gibt wirklich niemanden in der Politik, für den ich Groll empfinde. Ich war immer ein sehr positiver, begeisterungsfähiger Mensch. Für meine Zeit in der Politik bin ich sehr dankbar. Meinen ehemaligen Kollegen wünsche ich wirklich das Allerbeste und auch meinen politischen Gegnern nichts Schlechtes.

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Innenpolitik spielt in meinem täglichen Leben eigentlich kaum noch eine Rolle. Ich hatte ohnehin nie das Ziel, als Politiker in Pension zu gehen.

Sebastian Kurz

Apropos Emotionen: Ist es wirklich so leicht für Sie, beim Parteitag endgültig Abschied zu nehmen? Bundeskanzler und Parteichef war doch Ihr Traumjob.
Da ist nichts Schweres dabei. Ich bin ja schon vor einem halben Jahr ausgestiegen und hatte ohnehin nie das Ziel, als Politiker in Pension zu gehen. Innenpolitik spielt in meinem täglichen Leben eigentlich kaum noch eine Rolle. Geopolitische Entwicklungen verfolge ich nach wie vor beruflich und aus Interesse sehr intensiv.

Wer wird Sie nach Graz begleiten?
Viele Kolleginnen und Kollegen aus meinem ehemaligen Team. Diesen Menschen habe ich unglaublich viel zu verdanken, insbesondere die beiden Wahlsiege 2017 und 2019. Wir haben viel gemeinsam erlebt und sind daher nach wie vor freundschaftlich verbunden.

Die ÖVP hat das Wort „neu“ aus ihrem Namen gestrichen. Eine Art Abnabelung?
Wir haben als Team in meiner Zeit ganz viele neue Akzente gesetzt, haben uns für neue inhaltliche Schwerpunkte entschieden und wir sind neue Wege gegangen. Jeder, der Verantwortung übernimmt, hat nicht nur die Pflicht, diese wahrzunehmen, sondern auch das Recht, seinen eigenen Weg zu gehen. Genau so sehe ich es heute.

Wie ist Ihr Verhältnis mit Karl Nehammer?
Ich bin in gutem Austausch mit ihm und habe ein freundschaftliches Verhältnis. Auch zu vielen anderen in der Volkspartei, die ich als Wähler weiterhin unterstützen werde.

Nicht der Muppet-Balkon: „Ich gebe der ÖVP sicher keine Ratschläge“, sagt Sebastian Kurz. (Bild: Gerhard Bartel)
Nicht der Muppet-Balkon: „Ich gebe der ÖVP sicher keine Ratschläge“, sagt Sebastian Kurz.

Die ÖVP liegt in Umfragen nur noch bei knapp 20 Prozent, Türkis-Grün würde sich gar nicht mehr ausgehen: Welchen Rat geben Sie der Partei?
Wolfgang Schüssel, den ich über alle Maße schätze, hat einmal gesagt: „Es braucht keine Zurufe vom Muppet-Balkon.“ So wie in fast allen Fragen bin ich auch in dieser Frage mit ihm einer Meinung. Was ich also sicher nicht tun werde, ist, ständig die Innenpolitik zu kommentieren. Deshalb gebe ich auch keine Ratschläge, schon gar nicht öffentlich. Nur soviel: Ich wünsche mir, dass die Volkspartei weiterhin den Anspruch hat, die stärkste Kraft zu sein, eine Regierung anzuführen und das Land zu gestalten. Dafür braucht es vor allem Geschlossenheit und den Glauben daran, gewinnen zu können.

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Ich habe mir strafrechtlich nichts zu Schulden kommen lassen. Am Ende des Tages werde ich beweisen können, dass die Vorwürfe falsch sind.

Sebastian Kurz

Die Chancen dafür stehen nicht so gut. Die Justiz ermittelt gegen 18 ehemalige oder noch immer amtierende ÖVP-Politiker oder der Partei nahestehende Personen. Auch gegen Sie. Rechnen Sie mit einer Anklage?
Zeit meines Lebens habe ich immer mein Bestes gegeben. Ich weiß, was ich getan habe und was nicht. Und wie jeder habe ich richtige Entscheidungen und falsche Entscheidungen getroffen. Aber ich habe mir strafrechtlich nie etwas zu Schulden kommen lassen. Ich fand diese zuletzt immer stärker werdende politische Kultur der Anzeigen, der Verleumdungen und des Versuchs, mit dem Strafrecht Politik zu machen, furchtbar. Aber mittlerweile sehe ich das sehr gelassen und bin überzeugt davon, dass ich am Ende des Tages beweisen kann, dass all diese Vorwürfe falsch sind.

Wenn Sie Ihre beiden Amtszeiten und den Rückzug Revue passieren lassen: War es das wert?
Definitiv. Es ist etwas Wunderschönes, politisch tätig zu sein. Wir haben ja auch viel auf den Weg bringen können: Senkung der Steuerlast, Einführung des Familienbonus, erstmals seit Jahrzehnten ein ausgeglichenes Budget, Reformen wie die Sozialversicherungszusammenlegung oder auch eine restriktive Linie in der Migration.

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Eine Rückkehr schließe ich für immer aus. Die Volkspartei werde ich aber als Wähler weiterhin unterstützen.

Sebastian Kurz

Sie haben ein politisches Comeback bereits „zu 100 Prozent“ ausgeschlossen. Für wie lange gilt das?
Das gilt für immer. Eine Rückkehr schließe ich dauerhaft aus. Ich habe mit 16 Jahren begonnen, mich ehrenamtlich politisch zu engagieren, bin mit 24 Staatssekretär geworden und war zehn Jahre lang in der Bundesregierung. Das heißt, ich hatte wirklich meine Portion an Politik. Und so schön die Zeit war, so sehr es mir Freude gemacht hat, dem Land zu dienen, so sehr macht es mir jetzt auch Freude, privatwirtschaftlich tätig zu sein. Wenn man hundert Prozent gibt, hat man oft gar keine Chance, nach links oder rechts zu schauen, da glaubt man, es gibt gar nichts anderes. Sobald man ein bisschen Abstand gewonnen hat, kann man sich auch für etwas Neues begeistern und wieder 100 Prozent geben. Man merkt, dass die Welt sehr bunt und breit ist und dass es - Gott sei Dank! - auch ein Leben außerhalb der Politik gibt.

Genießen Sie dieses neue Leben?
Sehr. Ich habe beruflich sehr herausfordernde Aufgaben übernommen. Das gibt mir das Gefühl, all das, was ich in den unterschiedlichen Funktionen gelernt habe, einsetzen und so viel beitragen zu können. Gleichzeitig bin ich mit so viel Neuem konfrontiert. Meine Lernkurve ist gerade sehr steil, was ich spannend finde.

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Ich genieße es, unterwegs zu sein. Das ist an mehr als 20 Tagen pro Monat der Fall. Logistisch ist das eine Herausforderung.

Sebastian Kurz

Ist das viele Reisen nicht anstrengend?
Nein, ich genieße es, unterwegs zu sein, hauptsächlich im Nahen Osten und in den USA. Das ist an mehr als 20 Tagen pro Monat der Fall. Es ist manchmal eine gewisse logistische Herausforderung und es war sicherlich in den ersten Monaten mit unserem kleinen Baby nicht so einfach. Aber seit April versuchen wir, gemeinsam zu reisen, und das funktioniert sehr gut. Konstantin war schon in Abu Dhabi, Dubai, Tel Aviv, Jerusalem, München und Zürich und natürlich auch im Waldviertel.

Gibt es auch Tage, an denen Sie hauptberuflich Vater sind?
Natürlich, immer wieder. Für jede freie Minute, die ich mit unserem kleinen Konstantin verbringen kann, bin ich dankbar. Er ist das größte Geschenk überhaupt.

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Seit Kurzem versuchen wir, gemeinsam zu reisen. Unser Sohn war schon in Abu Dhabi, Jerusalem, München und Zürich.

Sebastian Kurz

Wie ist jetzt Ihre Berufsbezeichnung?
In den USA bin ich für Thiel Capital tätig, habe ein Unternehmen gegründet und im letzten Monat auch begonnen, meine ersten eigenen Investments zu machen. Ich arbeite nach wie vor viel und habe eine große Freude daran, wenn sich die Dinge gut entwickeln.

War das Silicon Valley ein Kulturschock für Sie?
Die Oma einer Freundin fragte, wie es mir bei der Silikonfirma geht. - Lacht. - Zu Ihrer Frage: Ich habe in meiner Zeit als Außenminister, in der ich auf der ganzen Welt unterwegs war, ein starkes Interesse dafür entwickelt, wie vielfältig unsere Welt ist, wie unterschiedlich die Kulturen sind, wie an einem Ort, zum Beispiel im Silicon Valley, T-Shirt und Turnschuhe die Standardkleidung sind und es anderswo als Fauxpas empfunden wird, keine Krawatte zu tragen. Diese Vielfalt genieße ich und empfinde es nicht als Kulturschock.

Sie kennen Putin, Sie kennen Selenskyj, Sie kennen die Klitschko-Brüder. Was ist Ihre Einschätzung beim Ukraine-Krieg?
Ich habe in meiner Zeit als Außenminister, im Jahr 2015, den Maidan, die Annexion der Krim und die Vorgänge in der Ostukraine erlebt. Dieser Konflikt hat schon damals viel Leid über die Menschen gebracht. Jetzt ist die Dramatik, das Ausmaß der Zerstörung noch viel größer. Ich bin immer wieder in Kontakt mit Selenskyj, den Klitschko-Brüdern und anderen in der Ukraine und auch mit Vertretern der russischen Seite. Die Situation ist eine sehr verfahrene, aber letztlich endet jeder Krieg irgendwann mit Verhandlungen. Wir müssen die Hoffnung haben, dass das Blutvergießen bald ein Ende hat.

Heute ist Muttertag. Sind Sie ein Sohn, der schenkt?
Die Geschenke für meine Mutter, aber auch für meine Freundin werde ich natürlich nicht vorab über die „Krone“ verraten. - Lacht. - Ich habe das, was Mütter leisten, schon immer bewundert. Seit meine Freundin selbst Mutter geworden, ist diese Bewunderung noch größer geworden. Das ist ein Rund-um-die-Uhr-Job, 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche. Was meine Mutter auch für mich geleistet hat, wird mir erst jetzt richtig bewusst.

Sebastian Kurz mit seiner Mutter (Bild: Jakob Glaser)
Sebastian Kurz mit seiner Mutter

Ihre Mutter war ja immer besorgt, dass Sie Politiker geworden sind. Ist sie jetzt beruhigter oder hat sie Angst, dass Sie rückfällig werden?
Das hat sich leider Gottes nicht geändert - Lacht. - Ich habe mittlerweile die Theorie, dass es nicht unbedingt mit der Tätigkeit zusammenhängt, sondern eher vielleicht eine Grundeigenschaft von Müttern ist. Und wie ich jetzt weiß, in abgeschwächter Form auch von Vätern.

Mit 35 Jahren schon Altkanzler

Geboren am 27. August 1986 in Wien-Meidling. Die Mutter ist Lehrerin, der Vater arbeitet bei Philips. Nach Matura mit Auszeichnung studiert er ab 2005 Jus, das Studium ist ruhend gestellt. 2007 wird er Landesobmann der Jungen ÖVP Wien, 2008 Bundesobmann, 2011 Staatssekretär für Integration, 2013 Außenminister, ab 2017 Bundeskanzler in einer türkis-blauen, ab 2019 in einer türkis-grünen Koalition. Nach Hausdurchsuchungen in der ÖVP-Zentrale, dem Bundeskanzleramt und dem Finanzministerium tritt Kurz im Oktober 2021 zunächst als Kanzler, später auch als ÖVP-Chef zurück. Seit Beginn des Jahres arbeitet er als „Global Strategist“ für den US-Milliardär Peter Thiel. Privat lebt der 35-Jährige mit seiner Freundin Susanne zusammen, der gemeinsame Sohn Konstantin kam Ende November auf die Welt.

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