In seiner neuen Reihe „Hier war ich glücklich“ begleitet Robert Schneider bekannte und unbekannte Menschen aus Vorarlberg an die Lieblingsplätze ihrer Kindheit. In Laz hat er jüngst Ilga Sausgruber getroffen.
Wir gehen nach Laz, schreibt mir Ilga Sausgruber knapp. Ich muss zugeben, den Namen noch nie gehört zu haben und weiß gar nicht, wo das ist. Eine Schande. Ich google. Laz ist eine Bergparzelle oberhalb von Nüziders, ein urerdenklich altes Maisäß aus rätoromanischer Zeit, das später dauerhaft besiedelt wurde und noch bis 1961 eine Dorfschule samt Lehrer unterhielt. Das Schulhäuschen steht immer noch, und auch die kleine, barocke Kapelle mit dem winzigen, roten Zwiebeltürmchen. Wir treffen uns an der Talstation Muttersberg.
Die ehemalige First Lady Vorarlbergs wartet schon auf den Fotografen und mich. Sie trägt einen Korb bei sich, in dem es klappert und scheppert. Hört sich nach Picknick an. Wir steigen gemeinsam in ein Auto und fahren die wenigen Minuten hinauf nach Laz, wo uns Frau Sausgruber zu einem liebevoll restaurierten, steinalten Haus führt. Dort, vor dem sonnengeschwärzten Balkenstrick der Fassade, setzen wir uns auf die Bank. „Ist das nett von ihr!“, entzückt sich Ilga Sausgruber. „Meine Schwiegertochter hat für uns extra die Bank vors Haus gestellt.“ Ich will meine erste Frage stellen, die Standardfrage, aber da ist Frau Sausgruber schon zugang, den Korb auszupacken: Kaffee, Milch, Zucker, Tassen, Löffel und selbstgemachte Nusskekse.
Robert Schneider: Was ist Glück?
Ilga Sausgruber: Da muss ich zuerst nachdenken. Milch und Zucker?
Schneider: Soll ich das Aufnahmegerät stoppen?
Sausgruber: Ja, bitte. (Ich drücke den Stopp-Knopf. Frau Sausgruber überlegt lange. Mein Blick wandert über die sonnenverwöhnten Bergwiesen mit ihrem ersten Frühlingsgrün, dann hinüber zu der kleinen Kapelle.)
Glück ist für mich, wenn ich so sein kann, wie ich bin. Wenn ich mich nicht verstellen muss und mit Menschen leben darf, die ich gern habe und sie mich. Das macht mich unendlich dankbar und glücklich.
Schneider: Wie haben Sie diesen Platz hier oben für sich entdeckt?
Sausgruber: Ich habe ihn durch meinen Vater entdeckt, ein geselliger und humorvoller Mensch. Wir waren elf Kinder. Sonntags war es Brauch, einen Spaziergang zu machen. Auch weil die Mama einmal Pause brauchte. Dann sind wir eine gute Stunde lang mit dem Papa von Nüziders hier herauf gewandert - meistens die „Maiggana“, die Brüder waren schon zu groß. In „Looz“ gab es ein wunderschönes Gasthaus, umgeben von Obstbäumen. In der „Alpenrose“ herrschte immer eine vergnügliche Stimmung. Die Leute waren froh, haben gesungen und gelacht, und wir Mädchen bekamen dann eine „Schapesa“, also eine Limonade zu trinken. Wenn es hoch herging, einen Brezel. Das war das Größte.
Schneider: Erzählen Sie von Ihren Eltern.
Sausgruber: Meine Mama kam aus dem Schwabenland. Der Papa hat sie dort kennengelernt, weil er sich aufgrund der Arbeitslosigkeit vor dem Krieg als Knecht bei einem Bauern verdingt hatte. Sie war eine hochsensible, feine, stille Person mit einem emphatischen Talent. Wir haben uns als Kinder wirklich geliebt gefühlt. Natürlich habe ich sie manchmal „rära“ gesehen, aber gestritten haben wir nur mit dem Papa. Beim Geschirrabtrocknen. Entweder gestritten oder gesungen. Er hätte nie zugelassen, dass wir ein Unwort über unsere Mama sagen. Er war der Fels in der Brandung, an den sie sich anlehnen konnte. Aber auch umgekehrt. Und er hat die Gewalt verabscheut. Er konnte nicht einmal ein Huhn töten. Das musste jemand anderer für ihn erledigen. Er war Betriebsschreiner bei der Firma „Suchard“ in Bludenz. Deshalb gab es jeden Sonntagmorgen für uns Kinder drei „Ausschusspralinen“ in einem kleinen Säckchen. Aber erst nach der Messe, denn die Hostie durfte man damals nur mit leerem Magen empfangen. Als acht- oder neunjähriges Mädchen träumte ich oft, dass er wieder in den Krieg müsse. Das waren richtige Albträume. Und sie sind wieder so präsent durch den Ukraine-Krieg.
Schneider: Wann hat dieser Platz seine Bedeutung für Sie verloren?
Sausgruber: Verloren nie, weil zufällig meine Schwiegertochter ein Haus just hier geerbt hat. Früher gab es nur Wiesenwege. Als aber die Straße gebaut wurde, fühlte ich mich als junges Mädchen richtig verraten. Ich dachte: Jetzt hat man mir das Paradies weggenommen. Später, als erwachsene Frau, habe ich mich in Gedanken oft hierher gebeamt, wenn etwas nicht rund lief, in persönlichen Krisenzeiten. Einfach, um dieses damalige Gefühl von Geborgenheit und Frohsinn wieder zu spüren. Oder den Geruch der Zwetschgenknödel meiner Mutter! Sie war eine großartige Köchin. Weil unsere Familie so kinderreich war, standen hundert Zwetschgenknödel auf dem Tisch. Er hat sich gebogen. Dieser Anblick bedeutete für mich Geborgenheit.
Schneider: Wir leben in einer Zeit der Irritationen und Ängste. Wissen Sie einen Ausweg?
Sausgruber: Ich habe das Glück, ein dankbarer Mensch sein zu können. Das habe ich von Zuhause mitbekommen. Dafür bin ich meinen Eltern unendlich dankbar, dass mir nämlich diese Zuversicht vorgelebt wurde. Dann bin ich auch ein gläubiger Mensch. Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass wir alle irgendwie gehalten, geliebt und begleitet sind. Diese Erfahrung habe ich so oft gemacht. Das gibt mir Leichtigkeit im Leben. Man wird dadurch nicht vom Schweren befreit. Das geht jedem so. Da muss man hindurch, und das kann oft sehr lange dauern. Aber dieses Grundgefühl des Getragenseins, das einfach in mir ist, ist so wunderschön ... Jetzt ist Ihr Kaffee kalt geworden. Soll ich die Kekse für Ihre drei Buben einpacken?
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