02.01.2022 10:45 |

Die Letzten...

„Gelten als Glücksbringer - damals und auch heute“

In seiner Serie „Die Letzten“ porträtiert Autor Robert Schneider Menschen, die einem alten Handwerk nachgehen. Mit Stefan Marte sprach er zum Jahreswechsel über den Beruf des Rauchfangkehrers und warum diesem eine besondere Verbindung zum Glück nachgesagt wird.

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Mit Stoßbürste und robuster Arbeitsbekleidung steht der schwarze Mann auf dem verschneiten Dach und grinst mir entgegen. Über eine Hühnerleiter und dann auf allen Vieren klettere ich zu Stefan Marte hoch, um ihm dabei zuzusehen, wie er den Schornstein reinigt. „Die Jacke mit den schönen Messingknöpfen habe ich mir extra für das Interview ausgeliehen“, sagt er. „Ganz früher war da noch der Doppeladler oben.“

Weil uns das vergangene, so schwierige Jahr den Rücken zugewandt hat und das neue, auf dem jetzt so viel Hoffnung liegt, gerade mal ein paar Stunden jung ist, habe ich beschlossen, den Glücksbringer höchst persönlich zu befragen. „Warum verbindet man mit dem “Kämifeager„ eigentlich Glück?“ frage ich Stefan Marte. „Es hängt wohl damit zusammen, dass die Kaminkehrer durch ihre Arbeit die Menschen vor Feuersbränden schützten“, sagt er. „Wenn im Mittelalter ein Haus brannte, stand schnell auch die ganze Gasse oder sogar die Stadt in Flammen.“

„Ich kann es nicht erklären, aber ich wollte einfach immer Rauchfangkehrer werden“, erzählt der Vater von drei erwachsen Kindern. 1985 hat er seine Lehre begonnen, dann 17 Jahre beim damaligen Innungsmeister Hugo Gstöhl in Götzis gearbeitet. „2003 hatte ich das Glück, dass ein Kehrgebiet frei geworden ist. Kehrgebiete wurden ursprünglich von der Kaiserin Maria Theresia eingeteilt und sind bis heute mehr oder weniger bestehen geblieben. Damals ging der Beruf noch vom Vater auf den Sohn über, sodass ein Kehrgebiet oft über viele Generationen in der Familie geblieben ist.“

Breitbeinig steht er auf dem Dach, nimmt den Stoßbesen und fängt an, den Kamin zu reinigen. „Je nach Beschaffenheit des Kamins benutze ich andere Einlagen für den Stoßbesen.“
Abgelagerter Ruß und Flugasche können einen Kamin verstopfen oder den Rauchabzug vermindern. Wenn sich viel Ruß ablagert, vor allem sogenannter Glanzruß, und die Schornsteininnenwände durch längeres Heizen stark erhitzt werden, kann das heiße Abgas den Ruß entzünden, was zu einem Schornsteinbrand führen kann.

Neue Aufgaben
Wie sich das Berufsbild des Kaminkehrers im Lauf der Jahre gewandelt hat, frage ich Stefan Marte. „Als ich angefangen habe, war der Beruf noch sehr auf den Reinigungssektor beschränkt. In der Zwischenzeit sind wir aber auch als unabhängige Luftreinhalteorgane unterwegs. Für das Umweltamt des Landes messen wir regelmäßig die Emmisonswerte und erfassen sie in einer speziellen Datenbank.“

Dann sei die Zunft auch im vorbeugenden Brandschutz sehr aktiv geworden, das was früher die Feuerbeschau gemacht hat. „Ich bin sogar von Berufs wegen verpflichtet, grob augenscheinliche Mängel an die betreffende Behörde zu melden. Wir führen außerdem regelmäßig sicherheitstechnische Überprüfungen an den einzelnen Geräten durch, seien es Holz-, Gas- oder Ölbrenner. So können wir zu hohe Kohlenmonoxid-Werte rechtzeitig erkennen und gewissermaßen vorbeugend wirken.“

Meine romantische Vorstellung vom Beruf des Rauchfangkehrers ist etwas in Wanken geraten. Im Gespräch mit Stefan Marte sehe ich, dass es sich um ein sehr komplexes Berufsbild handelt mit einer hohen Sensibilisierung für den Klimaschutz. So werden die Rauchfangehrer unseres Landes doch wieder eine Art Glücksbringer, nur unter anderen Vorzeichen.

Menschen begegnen
Was für ihn persönlich das Schönste an dem Beruf sei, frage ich, als wir wieder vom Dach klettern. „Die Begegnung mit den Menschen“, sagt Stefan Marte. „Das schätze ich inzwischen viel mehr als in früher. Man wird ja im Lauf der Jahre so etwas wie eine Vertrauensperson und redet nicht nur über das Wetter. Das ist sehr schön, auch für mich. Ich komme zum Beispiel in ein Haus. Da ist vielleicht gerade Zoff. Wenn ich wieder gehe, sind die Leute wieder gut drauf.“

„Das ist wohl mehr deiner offenen und herzlichen Art zuzuschreiben“, erwidere ich. „Ich rede einfach wahnsinnig gern mit den Menschen, und darum liebe ich diesen Beruf. “Die goldenen Messingknöpfe an Stefans Jacke blitzen auf im Sonnenlicht, wie auch sein Lachen.

In eigener Sache

Mit dem Portrait des Rauchfangkehrers Stefan Marte endet meine Reihe „Die Letzten“ über alte Handwerksberufe. Fast ein ganzes Jahr lang durfte ich in Vorarlberg Menschen kennenlernen, die einer Tätigkeit nachgehen, die entweder im Aussterben begriffen ist oder großer Wandlung unterworfen. Es war das Jahr der Lockdowns, der großen Unsicherheiten und Irritationen. So unterschiedlich die Menschen waren, die ich besucht habe, eines hatten sie immer gemeinsam: Ob alt oder jung, es waren zufriedene Frauen und Männer, aufgehoben in dem Handwerk, das sie beharrlich fortführen, egal, woher der Wind gerade bläst. Nirgendwo habe ich so viel Selbstverständlichkeit und Hingabe erlebt wie bei den aussterbenden Berufen. In den 37 Portraits dieser Reihe bin jedes Mal reich beschenkt an Wissen heimgekehrt. Aber noch reicher an der Begegnung mit diesen Handwerkerinnen und Handwerkern, vor denen ich mich verbeuge.

Robert Schneider
Robert Schneider
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