27.11.2021 06:00 |

Im Dauereinsatz

Die langen Arbeitstage eines „Corona-Arztes“

Er impft in seiner Praxis gegen Corona, betreut Long-Covid-Patienten - und macht sogar bei an dem Virus Erkrankten Hausbesuche. Ein Allgemeinmediziner aus Niederösterreich erzählt über seine großen Herausforderungen in der Pandemie.

Vergangener Montag, am späten Nachmittag, im niederösterreichischen Wiener Neudorf. Dutzende Personen stehen Schlange vor dem Eingang des Hauses, in dem der Allgemeinmediziner Alireza Nouri seine Praxis hat. Denn heute ist bei ihm „Impftag“. Menschen beinahe jeden Alters kommen dann der Reihe nach in einen seiner drei Ordinationsräume – wo er gerade gegen Corona vakziniert. Mit Biontech/Pfizer und mit Moderna.

Viele Dritt- und kaum Erststiche
Zahlreiche, bereits aufgezogene Spritzen liegen auf einem Regal und einer Behandlungsliege bereit; daneben stehen kleine Kisten mit Tupfern und Fläschchen zum „Anbrechen“. Rund 200 Dosen wird er auch heute wieder brauchen. „Ja, die Impfbereitschaft ist zum Glück groß“, sagt der Arzt, während er einer älteren Dame eine Nadel in den rechten Oberarm „schießt“. Es ist ihr 3. Stich. „Ich bin froh“, erklärt sie, „ihn zu kriegen. Denn vielleicht bin ich dadurch wirklich völlig vor dem Virus geschützt.“

Die Frau, sie gehört – wie Nouri sie lobt – „zu den Vernünftigen“. Genauso wie die beiden Mädchen, die danach das Zimmer betreten und sich – sogar schon zum zweiten Mal – ihre Vakzinierungen „holen“. Ein wenig tadelnd der Ton des Allgemeinmediziners bei einem 32-Jährigen, der sich zum ersten Mal immunisieren lässt: „Warum erst jetzt?“, fragt ihn der Arzt. „Ich weiß es nicht“, so die lapidare Antwort.

„Die Gegner sind schwer zu überzeugen“
Später, nachdem der letzte Patient gegangen ist, setzt sich Nouri auf einen Sessel und beginnt zu erzählen, über den allgemein noch immer viel zu geringen Willen der Bevölkerung, sich gegen Covid vakzinieren zu lassen: „,Erstlinge‘ waren auch heute wieder wenige dabei.“ Trotz der baldigen Impfpflicht. Die „Gegner“, das weiß er, „sind schwer zu überzeugen, und wenn doch, dann nur durch lange Gespräche.“ Siebenmal sei ihm das dadurch schon gelungen, „ich konnte den Betreffenden klar machen, dass eventuelle Nachwirkungen der Impfung ziemlich unwahrscheinlich sind. Ansteckungen mit dem Virus hingegen sehr wahrscheinlich – und dass die Krankheit nicht selten dramatisch verläuft.“

Nicht „nur“ – wie viele glauben – bei betagten Menschen mit Vorleiden, „sondern auch bei bis dahin fitten, jungen; und sogar bei Kindern.“ Was ein „Lokalaugenschein“ in seiner Ordination am Dienstag belegt. Denn es sind Patienten darunter, die eine Covid-Infektion überstanden haben und - selbst Monate danach - noch an den Folgen leiden.

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Ich kann nur ihre Symptome behandeln.

Allgemeinmediziner Alireza Nouri

Die Leiden der Long-Covid-Patienten
An Schmerzen, an peinigender Müdigkeit; „an dem Gefühl“, wie ein 43-Jähriger erklärt, „nicht mehr richtig auf den Damm zu kommen.“ „Ich kann nur ihre Symptome behandeln“, resümiert Nouri, „und ihnen Aufenthalte in Reha-Kliniken verschreiben.“ Weil die Wissenschaft noch keine endgültigen „Rezepte“ gegen Long-Covid-Beschwerden gefunden hat.

Für wie wichtig hält der Allgemeinmediziner den Lockdown? „Er war überfällig. Aber nun fällt mir auf: Er findet nicht ausreichend statt, offenkundig wegen der mangelnden Bereitschaft der Bevölkerung, ihn mitzutragen. Viel zu viele Menschen sind ,draußen‘ unterwegs, sie machen anscheinend kaum Homeoffice, fahren in Massen mit öffentlichen Verkehrsmitteln.“ Und dass Seilbahnbetriebe öffnen dürfen, ist für ihn „medizinisch ohnehin nicht nachvollziehbar“.

Seine Prognose? „Ich will nichts prognostizieren. Ich kann nur hoffen“

„Ja, es gibt nicht wenige Impfdurchbrüche“
Darauf, dass Vorsichtsmaßnahmen eingehalten werden, „und dass die Drittstiche – wir haben zu spät damit begonnen – Impfdurchbrüche verhindern.“ Derzeit gäbe es nicht wenige, selbst bei zwei Vakzinierungen, „allerdings ist deutlich zu bemerken, dass die Krankheitsverläufe in der Regel mild sind.“

Aber freilich seien die Betroffenen von der Angst geplagt, ihr Zustand könne sich verschlimmern: „Und dann mache ich natürlich bei ihnen Visiten.“ Selbstverständlich in Schutzkleidung, wie mittlerweile bei allen Hausbesuchen: „In Pandemie-Zeiten ist das notwendig. Denn scheinbar harmlose Verkühlungen entpuppen sich mitunter nach Test als Covid-Infektionen.“ Wie viele Stunden Alireza Nouri täglich arbeitet? „Mindestens zwölf. Doch das ist für mich längst zur Normalität geworden“

Martina Prewein
Martina Prewein
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