24.10.2021 07:00 |

Vorarlberg spricht

„Ein bisschen Hauen und Treten darf man“

Die Aufgaben als Medizinerin bereiten Gabi Sprickler-Falschlunger (65) definitiv mehr Freude als jene der Politikerin. Dennoch übernahm die überzeugte Sozialdemokratin bereits zum zweiten Mal den Parteivorsitz.

„Krone“: Frau Sprickler-Falschlunger, haben Sie nach der Wahl zur neuen Parteichefin Geschenke bekommen? Einen Besen zum Aufräumen etwa?


Gabi Sprickler-Falschlunger: Nein, es gab keine Geschenke. Dafür aber ein wunderbares Frühstück in der Landesgeschäftsstelle und natürlich ganz viele Gratulationen. Nicht einmal zu meinem 65. Geburtstag habe ich so viele Glückwünsche erhalten.

Wer hat Sie eigentlich davon überzeugt, nochmals als Parteichefin zu kandidieren?

Ich war mir eigentlich sicher, dass Martin Staudinger noch einmal drei Jahre dranhängt. Auch Mario Leiter hätte meine Unterstützung gehabt. Als klar war, dass keiner der beiden antritt, sind gleich mehrere Menschen auf mich zugekommen, die mich gebeten haben zu kandidieren. Sie haben gesagt, dass das zwar nicht der Rat eines Freundes, aber die Bitte eines Parteimitglieds sei.

Das hat Sie überzeugt?

Nein, ich habe mir das gut überlegt, viele Gespräche geführt. Wobei die Entscheidung eigentlich schon vorher feststand. Ich wusste, dass ich nicht dabei zuschauen kann, wenn die Partei gegen die Wand gefahren wird.

Ist die Vorarlberger SPÖ wirklich so zerstritten?

Nein. Es handelt sich um zwei kleine Kreise. Aber die Gefahr war groß, dass der Streit immer höhere Wellen schlägt und immer noch mehr Mitglieder darin verstrickt werden.

Wie wollen Sie wieder Ruhe in die Partei bringen?

Ich habe mit allen Beteiligten geredet und auch mit allen eine intakte Gesprächsbasis. Was ich verweigere, ist, die Frage nach Schuld oder Unschuld zu stellen. Das müssen die Beteiligten unter sich klären. Die Gespräche habe ich schon vor dem Parteitag geführt, denn ich hätte nicht kandidiert, wenn mir jemand an den Karren fahren will. Ich bin nicht empfindlich, ein bisschen Treten und Hauen darf man schon, aber ich will nicht in eine Schlammschlacht hineingezogen werden.

Welche Ziele haben Sie sich als Parteichefin gesetzt?

Innerhalb des Landesparteivorstandes soll erst einmal jeder sagen, wo der Hut brennt, wo es in den Ortsgruppen Themen gibt, die man unterstützen kann. Ein ganz wichtiges Thema ist für mich die Nachwuchsförderung - und natürlich die nächste Landtagswahl.

Für die es einen Spitzenkandidaten braucht...

Aber mit der Suche will ich jetzt nicht anfangen, obwohl es mich auch reizt. Klüger ist es, wenn sich eine Gruppe findet, die festlegt, welche Erwartungen der Spitzenkandidat erfüllen sollte. Wobei da sicher auch Abstriche gemacht werden müssen. Unerfahrenheit etwa ist für mich kein Ausschlusskriterium.

Haben Sie einen Wunschkandidaten?

Wichtig ist, dass zu Beginn der Diskussion keine Namen genannt werden, denn sonst geht der Streit gleich wieder los. Wir müssen schauen, wer überhaupt möchte, welche Fähigkeiten jemand mitbringt. Kandidaten haben wir genug, aber ich will nicht, dass jetzt ein Konkurrenzkampf ausbricht.

Zitat Icon

Ein ganz wichtiges Thema ist für mich die Nachwuchsförderung - und natürlich die nächste Landtagswahl.

Gabi Sprickler-Falschlunger

Warum schlägt Ihr Herz für die Sozialdemokratie?

Die Sozialdemokratie beinhaltet ganz viele von jenen Werten, die mir wichtig sind. Dabei geht es einerseits um das Menschenbild, darum, benachteiligten Menschen nicht nur zu helfen. Alle haben das Recht, am gesellschaftlichem Leben teilzunehmen. Das ist ein menschenrechtlicher Ansatz, der weit über das Karitative hinausgeht. Andererseits ist mir das Frauenbild wichtig. Chancengleichheit für Frauen hat innerhalb der SPÖ eine lange Tradition und es hat sich viel getan. Inzwischen gibt es viele Frauen in der Wirtschaft, an der Uni.

Aber?

Die große Schere tut sich derzeit bei der Geburt eines Kindes auf. Sobald der Nachwuchs da ist, ist es primär Frauensache, sich darum zu kümmern. Das ist etwas, was ich nie verstehen werde. 1992 hat mein Mann - er war einer der ersten in Vorarlberg - ein Jahr Karenz angeschlossen. Anzunehmen, dass es wertvoller ist, wenn die Mutter zu Hause ist, das verstehe ich nicht. Das finde ich auch beleidigend Männern gegenüber.

Muss die SPÖ Vorarlberg mehr nach links rücken?

Ich glaube ja, denn ganz bürgerliche Menschen wird die SPÖ nicht mehr erreichen. Unter Kreisky war das anders, denn er hatte damals attraktive Angebote wie etwa die Schülerfreifahrt. Heute funktioniert das nicht mehr.

Auf welche Themen soll ihre Partei künftig setzen?

Ein wichtiges Anliegen ist mir das leistbare Wohnen. Da positionieren wir uns nicht nur für die wirklich Benachteiligten, sondern gehen sogar weit in die sogenannte Mittelschicht hinein. Ein weiterer Punkt sind die Einkommen. Es gibt Menschen, die so wenig verdienen, dass man sich das gar nicht vorstellen kann. Zudem gibt es das große Thema Pflege, das Ländersache ist. Und wenn ich sehe, dass in den Dornbirner Pflegeheimen zehn Betten nicht besetzt werden können, weil das Personal fehlt, ist etwas gewaltig schiefgegangen. Denn es gibt gleichzeitig eine Warteliste, auf der Menschen stehen, die dringend einen Platz brauchen.

Wie zufrieden sind Sie mit der Arbeit der Landtagsabgeordneten?

Ich bin wirklich sehr zufrieden, lese auch immer wieder ihre Anträge und Anfragen. Die wenigstens Außenstehenden sehen, wie viel Arbeit dahintersteckt.

Wie sehr werden Sie sich künftig im Landtagsklub engagieren?

Ich rufe sicher nicht zwei Mal in der Woche dort an und gebe gute Ratschläge. Das braucht keiner - und umgekehrt würde ich das auch nicht wollen. Aber natürlich werden wir Themen gemeinsam abstimmen.

Welche Aufgaben bereiten Ihnen mehr Freude: die der Ärztin oder die der Politikerin?

Ganz klar die der Ärztin. In den vergangenen 32 Jahren gab es keinen Tag, an dem ich nicht gerne in die Ordination gegangen bin.

Bleibt Ihnen überhaupt Zeit für die Politik?

Ich habe zwei große Vorteile: Ich bin nicht mehr im Landtag. Das war schon eine sehr zeitintensive Arbeit. Der zweite Vorteil ist, dass ich die Abläufe, Strukturen und die handelnden Personen kenne. Tagespolitisch bin ich ohnehin immer top informiert. Morgens um 6 Uhr höre ich als Erstes die Weltnachrichten.

Sonja Schlingensiepen
Sonja Schlingensiepen
Kommentare
Eingeloggt als 
Nicht der richtige User? Logout

Willkommen in unserer Community! Eingehende Beiträge werden geprüft und anschließend veröffentlicht. Bitte achten Sie auf Einhaltung unserer Netiquette und AGB. Für ausführliche Diskussionen steht Ihnen ebenso das krone.at-Forum zur Verfügung.

User-Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Betreibers/der Redaktion bzw. von Krone Multimedia (KMM) wieder. In diesem Sinne distanziert sich die Redaktion/der Betreiber von den Inhalten in diesem Diskussionsforum. KMM behält sich insbesondere vor, gegen geltendes Recht verstoßende, den guten Sitten oder der Netiquette widersprechende bzw. dem Ansehen von KMM zuwiderlaufende Beiträge zu löschen, diesbezüglichen Schadenersatz gegenüber dem betreffenden User geltend zu machen, die Nutzer-Daten zu Zwecken der Rechtsverfolgung zu verwenden und strafrechtlich relevante Beiträge zur Anzeige zu bringen (siehe auch AGB).

Freitag, 03. Dezember 2021
Wetter Symbol
Vorarlberg Wetter
-2° / -1°
leichter Schneefall
-2° / -0°
wolkig
-1° / 1°
leichter Schneefall
-1° / 1°
wolkig
(Bild: stock.adobe.com, Krone KREATIV)