Kampf gegen Gadafi

Rebellen in Libyen “hofierten” US-Unglückspiloten

Ausland
24.03.2011 15:43
Als im Kampf gegen die Gadafi-Truppen in der Nacht auf Dienstag erstmals ein Kampfjet der Alliierten über Libyen abgestürzt ist (Bild), drangen nicht viele Informationen über den Vorfall nach außen. Die USA teilten lediglich mit, der Absturz der US-Maschine sei nicht durch feindlichen Beschuss verursacht worden, die beiden Piloten seien unversehrt und befänden sich in Sicherheit. Erst später stellte sich heraus, dass einer der Männer von den libyschen Rebellen in ihre Obhut genommen - und nahezu "hofiert" - wurde.

Drei Tage nach Beginn des internationalen Militäreinsatzes in Libyen ging in der Nacht auf Dienstag der US-Kampfjet vom Typ F-15 E im unbewohnten Gebiet Ghut Sultan etwa 40 Kilometer südöstlich der Rebellen-Hochburg Bengasi nieder. Beide Piloten katapultierten sich rechtzeitig mit dem Schleudersitz aus der Maschine. Der Jet war zuvor von Italien aus gestartet, über Libyen bemerkten die Piloten dann Probleme bei ihrer Maschine. Später gaben sie als Grund für den Absturz technische Probleme an.

Suite und Blumenstrauß für US-Pilot
Laut dem US-Afrikakommando (Africom) wurde einer der Männer von einem Osprey- Luftfahrzeug der US-Marines, einer Mischung aus Flugzeug und Hubschrauber, aufgenommen. Der zweite Pilot wurde von libyschen Rebellen entdeckt und vorerst in ihre Obhut genommen. Mit einem Fahrzeug brachten sie den Mann ins Fadeel Hotel in Bengasi - und teilten ihm dort eine luxuriöse Suite zu.

Dina Omar, eine 30-jährige ägyptische Ärztin, die freiwillig als medizinische Helferin an der Rebellenfront im Einsatz ist, befand sich zu dieser Zeit gerade im Internetcafé des Hotels. Wie sie der US-Website "The Daily Beast" erzählte, bat sie ein Vertreter der Aufständischen, einen leicht verletzten Pilot der Alliierten zu versorgen. Demnach lag in dem Zimmer ein "etwa 30-jähriger, schweigsamer Mann" auf einer Couch und fühlte sich sichtlich unwohl. Erst als sie ihm versicherte, dass sie auf der Seite der Rebellen stehe, habe er sich etwas geöffnet und "zu lächeln begonnen", so Omar. Bald darauf seien Vertreter der Rebellen ins Zimmer gekommen, um dem Verbündeten einen Blumenstrauß zu überreichen und ihm unter Umarmungen für seinen Einsatz gegen die verhassten Regierungstruppen zu danken.

"Er kam, um das libysche Volk zu befreien"
Ibrahim Ismail, ein 42-jähriger libyscher Geschäftsmann und ebenfalls Gadafi-Gegner, erzählte dem US-Nachrichtenmagazin "Newsweek", er hätte in der Hotelhalle beobachtet, wie Rebellen dem Mann ermöglichen wollten, seine Familie zu kontaktieren. Nachdem dies im Internetcafé via Skype nicht funktioniert habe, hätte einer der Aufständischen schließlich ein Satellitentelefon aufgetrieben, mit dem der Pilot endlich seine Angehörigen erreichte. "Er war ein sehr netter Typ", so Ismail gegenüber "Newsweek". "Er kam, um das libysche Volk zu befreien." Am frühen Morgen sei der Mann schließlich in einem zivilen Fahrzeug weggebracht worden.

HRW: "Grundsätzlich friedliebende Menschen"
Die Behandlung des Piloten durch die libyschen Rebellen wirft erstmals ein Licht auf die Gegner Muammar al-Gadafis, von denen bisher im Westen nicht viel bekannt war. Laut dem Belgier Peter Bouckaert, Krisendirektor der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch, sind die Aufständischen "grundsätzlich friedliebende Menschen", deren Protest gegen das Regime gewaltsam bekämpft wurde und die deshalb keine andere Möglichkeit sahen, als mit Gewalt zu antworten.

Bouckaert weiter: "Diese Menschen streben eine bessere Zukunft für ihr Land an. Doch ihre Stärke ist zugleich ihre Schwäche: Sie sind keine hartgesottenen Kämpfer, deshalb können sie Gadafis Truppen nicht viel entgegensetzen. Es geht hier auch nicht wirklich um einen Bürgerkrieg zwischen zwei gleich starken Parteien. Denn auf der einen Seite steht eine professionelle und schwer bewaffnete Armee, auf der anderen ein unorganisierter, unerfahrener Haufen von Rebellen."

USA skeptisch: "Keine richtige Vertrauensbasis"
Die mangelnde Kenntnis über die Organisation der Aufständischen ist es auch, was Teilen der Alliierten Kopfzerbrechen bereitet. Frankreich hat zwar als erster Staat den oppositionellen "Nationalrat der Rebellen" als "rechtmäßigen Vertreter" Libyens anerkannt. Doch während sich Präsident Nicolas Sarkozy nach einem Treffen mit Abgesandten des Rats positiv über das Gespräch äußerte, gibt sich die US-Regierung zurückhaltend: "Es ist nicht so, dass wir überhaupt nichts über die Rebellen wissen. Aber es herrscht keine richtige Vertrauensbasis, die uns eine reibungslose Koordination erlauben würde", erklärte dazu am Montag Joel Rubin, Mitglied des Washingtoner Politikinstituts National Security Network, früherer Mitarbeiter des US-Außenministeriums und Berater der Regierung.

Zudem bringen die Kosten der Libyen-Militäraktion das Pentagon in Nöte. Nach Angaben der "Washington Post" ist zurzeit noch unklar, woher die Gelder für den Einsatz kommen sollen und wie teuer das ganze Unternehmen die USA zu stehen kommt. Nach Expertenschätzungen kostet die Einrichtung einer begrenzten Flugverbotszone wie die in Libyen über stärker besiedelten Gebieten zwischen 30 und 100 Millionen Dollar pro Woche. Doch laut "Washington Post" schlagen bei der Libyen-Aktion vor allem die Kosten für Waffen, Waffenverluste und Treibstoff zu Buche. So kosteten die 162 Tomahawk-Raketen, die in den ersten vier Tagen der Operation abgefeuert wurden, mehr als eine Million Dollar pro Stück und müssten ersetzt werden.

Rebellen: "Wollen demokratischen Staat aufbauen"
Indes schwört der im Osten Libyens agierende Nationalrat der Rebellen den Westen auf seine Sache ein. Am Dienstag wandte sich die Übergangsregierung in Bengasi in einem offiziellen Statement an die Welt, in dem es unter anderem hieß: "Die libysche Interimsregierung betrachtet es als Ziel der Revolution, einen demokratischen Staat aufzubauen, der auf den Grundrechten wie Meinungsfreiheit, Chancengleichheit und Gleichheit zwischen Mann und Frau basiert."

Der von Gegnern Gadafis gegründete Nationalrat der Rebellen hatte sich am 5. März zum alleinigen legitimen Vertreter des libyschen Volkes erklärt. Die Aufständischen streben ein einheitliches Libyen ohne Gadafi an. Laut dem TV-Sender Al-Jazeera haben die Rebellen am Mittwoch in Bengasi, dem Sitz des obersten Gremiums der verschiedenen Oppositionskräfte, den Ökonomen Mahmoud Jabril zum Chef einer provisorischen Regierung ernannt. Bisher hatten die Gadafi-Gegner diesen Schritt hinausgezögert, um nicht den Eindruck zu erwecken, das Land spalten zu wollen.

Reformer und Ökonom als Chef der Übergangsregierung
Jabril gilt als Reformer, der sich bereits in der Vergangenheit um die Einführung der Demokratie in Libyen bemüht hat. Der Wirtschaftsexperte wurde 1952 in Libyen geboren. 1975 schloss er ein Studium an der Universität von Kairo in den Fächern Volkswirtschaftslehre und Politik ab, später erhielt er in den USA einen Doktortitel. Jabril beschäftigte sich mit strategischer Planung und Prozessen der Entscheidungsfindung, lehrte an Universitäten und verfasste mehrere Bücher.

2009 wurde er in die Führung eines Gremiums berufen, das die Entwicklung der Wirtschaft Libyens vorantreiben sollte. Jabrils Fokus lag auf der Reform der stark vom Staat abhängigen Wirtschaft. Zudem nahm er zusammen mit anderen Intellektuellen an dem Projekt "Libysche Vision" teil - Ziel war es, einen demokratischen Staat zu entwickeln. Später widmete er sich wieder ganz seiner akademischen Arbeit. Aus seinem Umfeld verlautete, der Grund dafür sei die Enttäuschung darüber gewesen, dass seine Initiativen stets am Widerstand der konservativen Führungsschicht scheiterten.

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