23.03.2011 16:18 |

220 Mrd. Euro Kosten

Japan: Teuerste Naturkatastrophe aller Zeiten

Das Erdbeben- und Tsunami-Desaster in Japan wird die mit Abstand teuerste Naturkatastrophe aller Zeiten. Die Regierung in Tokio gab am Mittwoch die erwarteten direkten Kosten mit umgerechnet bis zu 220 Milliarden Euro an. Und darin sind noch gar nicht mögliche Milliarden-Ausfälle enthalten, die erwartete Strom-Rationierungen der Industrie mit Flaggschiffen wie Toyota und Sony bescheren könnten. Zum anderen müssen auch die noch nicht absehbaren Folgen der Atom-Katastrophe von Fukushima (aktuelle Lage am AKW in der Infobox) addiert werden.

Die japanische Regierung bezifferte zunächst lediglich die Schäden, die an Straßen, Gebäuden, Fabriken und sonstiger Infrastruktur entstanden sind. Diese Summe schätzt sie auf 16 bis 25 Billionen Yen (140 bis 219 Milliarden Euro). 25 Billionen Yen entsprechen sechs Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) der weltweit drittgrößten Volkswirtschaft.

Massive Engpässe bei Stromversorgung
Die Regierung in Tokio stellt sich ferner auf ebenfalls immense zusätzliche Kosten ein. "Die Auswirkungen der erwarteten Stromausfälle werden wohl erheblich sein", sagte der von der Regierung eingesetzte Wirtschaftsexperte Fumihira Nishizaki. Denn es ist bereits absehbar, dass es im Sommer - und möglicherweise auch im darauffolgenden Winter - in Japan zu wenig Strom geben wird. Der Kraftwerksbetreiber Tepco (Tokyo Electric Power Company), dem das AKW Fukushima gehört, ist auch für die Versorgung im Großraum Tokio zuständig. Dort werden 40 Prozent der Wirtschaftsleistung des Landes erbracht.

Tepco hat durch die Katastrophen 20 Prozent seiner Kapazitäten zur Stromherstellung verloren. Neben dem Atomkraftwerk Fukushima 1 hat der Tsunami vom 11. März auch zwei große Wärmekraftanlagen in Fukushima und Ibaraki beschädigt. Die beiden Kraftwerke produzieren laut Tepco zusammen so viel Strom wie die havarierte Atomanlage. Es sei noch nicht klar, wann sie wieder ans Netz gehen könnten.

Die benötigten Mengen an Strom für die Megacity Tokio mit ihren rund 35 Millionen Einwohnern aus anderen Regionen zu beziehen, ist nicht möglich, da dort mit einer anderen Stromfrequenz gearbeitet wird. Von den Unterbrechungen dürften Hunderte japanischer Firmen betroffen sein. Allein dem weltgrößten Autobauer Toyota dürften nach Einschätzung der Bank Goldman Sachs durch die Schließung seiner zwölf Werke in Japan pro Tag 74 Millionen Dollar Gewinn entgehen.

Japans Notenbank vor schwieriger Aufgabe
Die Notenbank Bank of Japan bekräftigte, sie stehe bereit, um die Volkswirtschaft bei Bedarf zu unterstützen. "Um einen reibungslosen Wiederaufbau in den betroffenen Regionen zu unterstützen, werden wir abwägen, welche Maßnahmen wir einleiten können", sagte Ratsmitglied Ryuzo Miyao, ohne konkreter zu werden. Bisher seien die Folgen auf die Wirtschaft nur schwer abzuschätzen. Sie dürfte aber stark und lange beeinträchtigt werden. Es müsse zudem genau geprüft werden, wie dies die Prognosen für Wachstum und Preise beeinflusse.

Die Bank of Japan hat bereits in den vergangenen Tagen Dutzende Milliarden Euro in die Finanzwirtschaft gepumpt, damit den Banken das Geld nicht ausgeht. Zudem hatte sie gemeinsam mit anderen Ländern am Devisenmarkt eingegriffen. Eine Finanzierung der Regierung über einen direkten Kauf von Staatsanleihen lehnt sie aber ab: "Das würde das Vertrauen in die Währung untergraben", sagte Miyao. Japan hat extrem hohe Schulden - die Last ist fast doppelt so hoch wie die Wirtschaftsleistung des Landes von rund 3,5 Billionen Euro. Kein anderes Industrieland der Welt hat solch hohe Kredite laufen.

Große Rückversicherer kürzen Jahresziele
Unter den Rückversicherern zog der deutsche Branchenprimus Münchener Rück die Prognose eines Nettogewinns von 2,4 Milliarden Euro zurück. Bei ihr summieren sich die Japan-Lasten auf 1,5 Milliarden Euro. Die Swiss Re hatte ihren Betrag bereits mit umgerechnet knapp 850 Millionen Euro angegeben. Die Hannover Rück bezifferte die mögliche Last aus Beben und Tsunami mit rund 250 Millionen Euro. Die Schätzung sei aber unsicher, hieß es.

Das Beben war nicht nur das stärkste je in Japan registrierte, es war auch das viertschwerste, das weltweit je gemessen wurde. Es hatte eine Stärke von 9,0 und löste eine mehr als zehn Meter hohe Flutwelle aus. Ganze Ortschaften verschwanden. 23.000 Menschen kamen ums Leben oder werden noch vermisst, 350.000 sind bei winterlichen Temperaturen obdachlos. Die Rückversicherer, die normalen Versicherern besonders große Risiken abnehmen, stellen sich in erster Linie auf Schäden bei Unternehmen und in der Wirtschaft ein. Private Wohnungen sind in Japan durch einen lokalen staatlichen Pool abgedeckt.

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