In seiner Serie „Die Letzten“ porträtiert Autor Robert Schneider Menschen, die einem alten Handwerk nachgehen. Jüngst hat er die Gold-und Silberschmiedemeisterin Katrin Eberhard besucht.
Ich klingle. Die Wohnungstür öffnet sich. Eine junge Frau tritt mir entgegen, ein kunstvolles Tattoo am Oberarm. Hinter ihr schiebt sich ein blonder Dreikäsehoch hervor und mustert mich. Gleich kommt ein zweiter Junge die Treppe herab. Es sind die Söhne der jungen Frau, die ich an ihrer Arbeitsstätte in Bregenz aufsuche. Katrin Eberhard bittet mich freundlich, einzutreten. Sie hat Besuch aus Deutschland. Die Mutter ist da, grüßt kurz und verschwindet gleich in einem Zimmer. Irgendwie bin ich verdutzt. Ich dachte, eine Art Geschäft oder Laden zu betreten, aber Goldschmiede arbeiten oftmals daheim, wie ich später herausfinde. Katrin führt mich in ihre Werkstatt. Ein kleiner Raum, in dem Magie entsteht.
Die Gold- und Silberschmiedekunst gehört zu den ältesten Metallhandwerken überhaupt. Katrin steht in einer Tradition mit Spitzenkönnern wie Benvenuto Cellini oder Carl Peter Fabergé, den Großmeistern dieser Zunft. „Schon als Kind habe ich viel gebastelt. Ein Bürojob wäre nie in Frage gekommen“, erzählt sie, die ursprünglich aus der Lüneburger Heide stammt. Sie hat die Fachoberschule für Gestaltung in Winsen (Luhe) absolviert, mit 18 Jahren die Lehre zur Goldschmiedin begonnen und schließlich die Meisterschule in München besucht, wo sie ihren Partner kennenlernte, weshalb es sie nach Bregenz verschlagen hat. Dann folgten vier Jahre in einem Goldschmiedebetrieb in Dornbirn, ehe sie sich mit ihrer Einfraufirma „Schmuckelster“ selbstständig gemacht hat.
Mundpropaganda als bestes Werbemittel.
„Wie kommt man in einer kleinen Werkstatt so ganz ohne Kundenbetrieb an die Käufer?“, will ich wissen. „Ich hatte Glück. In meinem Alter heiraten viele. Es sprach sich im Freundeskreis herum. Mundpropaganda.“ Katrin entwirft ausgefallene Sachen, die man nicht von der Stange kaufen kann, aber sie macht auch Umarbeitungen, was die Nachhaltigkeit ihres Berufs unterstreicht. „Gold ist wie Knete, die man immer neu formen kann.“
Sie führt mich an ihr Werkbrett, so nennt man den Arbeitsplatz eines Goldschmieds. Es handelt sich um eine massive Platte, in die eine große, halbrunde Aussparung eingelassen ist, wo der Goldschmied mit Lederschürze arbeitet. Der Tisch ist voller Gerätschaften, dem Brettzeug. Das sind unzählige Zangen, Hämmerchen, Feilen und Sägen, Stichel, ein Messschieber, ein Ringmaß, Schmelztiegel, ein Mikroskop. Sogar ein Ultraschallreinigungsgerät steht etwas abseits. In der Mitte des Tisches befindet sich der Feilnagel, ein Keil aus Holz. Er dient als Auflagefläche beim Bearbeiten kleinerer Werkstücke. Unter der bogenförmigen Aussparung ist das Fell befestigt, eine Mulde aus weichem Leder. Die Mulde dient zum Auffangen von Säge-, Feil- und Bohrspänen, denn das winzigste Gran Gold, das herunterfällt, ist wertvoll. Das Gekrätz, wie es in der Fachsprache heißt, also Feilen, Schmirgelpapiere, Polierbürsten, sogar der Kehricht vom Boden, wird in die Scheideanstalt geschickt, in der Metalle durch Herauslösen in sehr reiner Form getrennt werden. „Das wird dann meinem Edelmetallkonto gut geschrieben, womit ich wieder Material für Neuanfertigungen bestellen kann.“
Ob durch den Goldstaub schon ein beträchtlicher Wert zusammengekommen sei, frage ich. „Nicht bei mir“, lacht Katrin, „aber es gibt Goldschmiede, die sogar den Boden ihrer Werkstatt in die Scheideanstalt geschickt haben oder den Stuhl, auf dem sie jahrzehntelang saßen.“
Auf dem Werkbrett liegt ein in seine Einzelteile zerlegtes Goldarmband, vermutlich das Erbstück einer Kundschaft. Das wird Katrin in einem Seifenvibrationsbad reinigen, danach prüfen, im Tiegel einschmelzen und in einem Behältnis zu einem Stab gießen. „Gold wird kalt verformt.“ Das ist der erste Schritt, um aus altem Schmuck neuen zu fertigen. „Da hängen vielleicht Erinnerungen an die Großmutter dran, an wen auch immer. Das ist es, was mich fasziniert. So ein Stück erzählt eine Geschichte. Das Gold behält somit nicht nur den materiellen, sondern auch den ideellen Wert.“
Kein Gold aus dubiosen Quellen
Wichtig sei ihr auch, betont Katrin, dass sie nur recycelte Edelmetalle verwendet, „die nicht aus fragwürdigen Goldminen in Südamerika oder sonst wo herstammen.“ Außerdem werde sehr viel Schmuck, den man heute im Handel bekomme, schon auf 3D-Druckern vorgefertigt, gegossen und dann lediglich maschinell versäubert. Das habe nichts mehr mit Handwerk zu tun. Aber gerade bei jungen Menschen stelle sie ein Umdenken fest. Das mache ihr Hoffnung. „Die schätzen wieder mehr das Einzelstück.“
Wenn sie Zeit findet, arbeitet sie „für ihr Lager“, und damit meint sie Schmuck, den sie ohne Auftrag entwirft, ausarbeitet, um ihn dann auf Messen anzubieten. Es sind zauberhaft freche Preziosen, die eine ganz unverwechselbare Handschrift tragen. „Schmuck geht nahe“ lautet ihr Motto. Er tut es wirklich.
Als mich Katrin Eberhard zur Tür bringt und verabschiedet, sehe ich die beiden neugierigen Buben nicht mehr. Auch nicht die Mutter auf Besuch. Offensichtlich hat man sich ein Bild von mir gemacht, das reicht.
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