Album & Interview

Leprous: Ringen um Verständnis und Akzeptanz

Musik
25.08.2021 06:00

Von ihrer Metal-Vergangenheit haben sich die Norweger Leprous mittlerweile fast vollständig distanziert, was der Band rund um Goldstimme Einar Solberg gut zu Gesicht steht. Das neue Werk „Aphelion“ ist eine Mischung aus Mental-Health-Message, Corona-Bewältigung und Hoffnung für die Zukunft - wie immer mit fein austarierten Kompositionen. Der Frontmann stand uns dazu Rede und Antwort.

kmm

„Krone“: Einar, schön von dir und deinem neuen Album zu hören. Wie hast du denn die letzten Monate während der Pandemie daheim in Norwegen verbracht?
Einar Solberg:
 Es gab die Möglichkeit, das Unkontrollierbare kontrollieren zu wollen und einfach so weiterzumachen wie immer, oder das Beste aus den veränderten Umständen zu machen. Live-Streams, neue Songs etc. Wir waren immer sehr aktiv und ich sah nie einen Grund, warum wir pausieren sollten. Einmal aus der Routine Album-Tour-Album-Tour zu fallen hat uns einen richtigen Boost gegeben. Routine und Kreativität sind zwei Begriffe, die nicht wirklich gut zusammenpassen.

Viele Bands haben bewusst auf Livestream-Konzerte verzichtet, vor allem im erweiterten Metal-Bereich. Warum habt ihr da den ganz gegenteiligen Weg genommen?
Bei manchen Bands kann ich das gut verstehen, warum sie das nicht machten. Wenn du eine Punkrock-Band bist, die es gewohnt ist im Schweiß der Fans zu baden, ist ein Streamingkonzert wahrscheinlich nicht das richtige Format. Zu uns passt das aber sehr gut. Wir sind in der Definition der heutigen Zeit wohl eine Prog-Band und wir haben viele Fans, die generell extreme Musikfans sind. Für viele von ihnen war es einfach nett, dass wir etwas gemacht haben. Die Musik auf die Bühne zu bringen ist ein großer Teil meiner Identität und ich konnte nicht einfach komplett damit aufhören, nur weil sich die Situation verändert hat. (lacht) Viele Leute hatten auch Vorurteile gegenüber diesem Format, was daran lag, dass ganz zu Beginn viele Künstler bei ihren Streams wirklich schlechte Qualität lieferten. Sie wollten extrem schnell reagieren und haben nicht darauf geachtet, dass Schnelligkeit nicht alles ist. Da ist vielen Menschen die Lust darauf vergangen. Eine Webcam im Wohnzimmer ohne Produktion reicht eben nicht aus. Natürlich ist ein Streamingkonzert kein normales Konzert, aber es war die beste Möglichkeit durch diese Monate zu kommen.

Neben den Konzerten habt ihr auch euer neues Album „Aphelion“ in gleich drei verschiedenen Studios eingespielt, also wirklich das Maximum aus der Situation herausgeholt. Ist Leprous eine Band, bei der das Glas immer halb voll ist?
Ja und nein. Wir sind jetzt keine riesengroßen Optimisten, aber das kommt auch immer auf die Situation an. Wir sind großteils sehr emotionale Menschen mit vielen Aufs und Abs. Aber auch an den schlimmsten Tagen gibt es positive Momente. Wir haben es uns in den bisherigen 20 Jahren nie leicht gemacht. Alles ging bei uns immer sehr langsam. Wir haben lange Touren gespielt, jahrelang kein Geld verdient und jede Möglichkeit angenommen, Leprous nach außen zu tragen. Vieles hat nach außen hin nicht immer Sinn gemacht, aber wir haben Herausforderungen immer gerne angenommen. So haben wir diese Band vom ersten Tag an aufgebaut. Derzeit kommt die ganze Band in meinem Haus in Notodden zusammen, um zu proben. Wir bleiben immer aktiv, das ist einfach wichtig. Es ist auch wichtig das Gefühl zu haben, sich durch die Pandemie nicht völlig selbst verloren zu haben.

Es geht ja nicht nur um Herausforderungen, sondern auch um Veränderungen bzw. Erweiterungen. Diesen Weg seid ihr auf „Aphelion“ wieder weitergegangen - sich einfach immer ein bisschen neu zu erfinden. Das neue Werk klingt ein bisschen wie eine Zusammenfassung all eurer Alben samt Hinzufügung neuer, zeitgemäßer Elemente.
„All The Moments“ ist einer der besten und sicher auch ungewohntesten Songs auf dem neuen Album. Ich würde „Aphelion“ jemandem empfehlen, der von uns hörte, aber noch nie unsere Musik gehört hat. Hier steckt ein bisschen von allem drin und das Werk spiegelt uns sehr gut wider. Man kann sich nicht immer neu erfinden, denn die Kreativität folgt keiner Logik. Es ist definitiv ein Leprous-Album und wir sind in keine komplett neue Richtung gegangen, aber wenn wir Musik schreiben, dann sorgen wir uns nicht um unsere älteren Alben. Wir wollen niemanden befriedigen, sondern einfach tun. Und wenn man einfach nur tut, dann wird es authentischer. Unsere Persönlichkeiten verändern sich genauso wie unser Sound, das ist eine völlig natürliche Sache. Je weniger man sich um etwas sorgt oder etwas sein will, umso frischer klingt man am Ende. Ich bin jemand, der gerne das Abenteuer sucht und schnell gelangweilt ist, wenn er immer dasselbe machen soll. Das ist für mich als Hauptsongwriter wohl der Grund, warum die Alben von Leprous immer etwas anders klingen. Mein Gehirn sucht automatisch nach neuen aufregenden Momenten. (lacht)

Neben dem sanften „All The Moments“ sticht vor allem „Have You Ever?“ heraus. Der Song beginnt sehr elektronisch und mutiert zu einem atmosphärischen Track. Auf „Aphelion“ hat man allgemein das Gefühl, dass ihr euch endgültig von allen Ketten befreien wolltet.
Darum geht es bei diesem Album. Es geht um Spontanität und darum, nicht alles immer unter Kontrolle zu haben. Das Konzept dieses Album ist es, intuitiv zu sein und Neues zu wagen. Jeder einzelne Song wurde komplett anders geschrieben, überall wurden andere Techniken eingesetzt. Bei Alben wie „The Congregation“ oder „Malina“ sind wir im Arbeitsprozess gewissen Kompositionspfaden gefolgt, aber hier haben wir diese Arbeitsweise komplett aufgebrochen. Ich kann wahrscheinlich über neun von zehn Songs interessante Entstehungsgeschichten erzählen. Kaum ein Song entstand traditionell und das unterscheidet „Aphelion“ extrem von allen anderen Alben. Der Vorgänger „Pitfalls“ war ein wesentlich größerer Schritt in eine neue Richtung als es „Aphelion“ ist. Wir wollten auch nicht zu schizophren klingen, sondern den Klang der Band beibehalten. „Have You Ever?“ ist der einzige Song, der einer Komposition unseres Bassisten zugrunde liegt, weshalb er anders als der Rest klingt. Die zwei angesprochenen Songs sind die, die am Deutlichsten hervorstechen, aber sich auch untereinander schwer unterscheiden. Einer ist extrem organisch, der andere extrem elektronisch und beide folgen hintereinander.

Das Konzept des Albums ist also, dass es ohnehin nie ein Konzept gab?
Exakt. Wir haben die Kreativität einfach fließen lassen. Wir haben nie ein richtiges Konzeptalbum gemacht, aber „Pitfalls“ stand einem solchen zumindest nahe. „Aphelion“ ist deshalb ein Konzeptalbum, weil es eben kein Konzept hat. Es ist das erste Album, für das wir überhaupt keinen Song verworfen, sondern solange an jedem geschraubt und gedreht haben, bis der passte. „The Silent Revelation“ haben wir ursprünglich für „Pitfalls“ geschrieben, waren aber nicht zufrieden. Wir haben uns jetzt noch einmal dran gemacht, die Drums neu geschrieben und die Verse adaptiert. Etwas Neues auf einem bestehenden Fundament aufgebaut. Das war so, wie wenn du deinen Kühlschrank mit den Essensresten leerst, aber daraus ein unglaublich gutes Abendessen zauberst. (lacht) „Running Low“ habe ich bei einem Berglauf in mein Mobiltelefon eingesummt. Ich war plötzlich und inspiriert und am Ende entstand ein richtiger Song daraus. Es hat auch meine Einschätzung bestätigt, dass man nicht herumsitzen und auf kreative Schübe warten kann. Man muss sie aktiv fordern. Schreibblockaden entstehen, wenn man Dinge zu ernst nimmt oder sich zu früh zu stark in eine Idee verbeißt. Man muss manchmal dem Prozess und den Eingebungen vertrauen. Manchmal kann aus dem Nichts ein Skelett eines wirklich guten Songs entstehen und dann musst du die Idee festhalten. Es passiert selten, aber es passiert.

Leprous scheint eine Band mit einem großen Nachhaltigkeitsgedanken zu sein. Dinge zu reparieren anstatt dauernd wegzuwerfen und Neues anzuschaffen passt durchaus in den gängigen Zeitgeist.
Möglicherweise. (lacht) Das ist aber neu für uns. Normalerweise schreibe ich für jedes Album noch um die zehn Song-Sketches mehr, die wir dann nicht verwenden und komplett verwerfen. Wir haben aber in so vielen Sketches so viel Potenzial gehört, dass wir nichts komplett verwerfen wollten. Wir hatten früher oft gute Drum-Aufnahmen, aber schlechte Riffs und unausgegorene Vocals. Da hätten wir zumindest die Drum-Spuren behalten und wiederverwerten können, da haben wir mittlerweile dazugelernt. 

„Pitfalls“ war auch insofern ein kleines Konzeptalbum, weil du dich darauf sehr intensiv und intim mit deinen mentalen Gesundheitsproblemen befasst hast. „Aphelion“ wirkt dahingehend ein bisschen wie ein Nachfolger, allerdings mit hörbar positiveren Ansätzen.
„Pitfalls“ war das erste Album, das ich aus meiner persönlichen Perspektive geschrieben habe. Zu dieser Zeit waren das die Themen, die meinen Kopf komplett eingenommen haben. Beim Songwriting zu „Aphelion“ hatte ich einen wesentlich angenehmeren Ansatz, der schon fast Disney-mäßig war. (lacht) Ich habe realisiert, dass manche Probleme und Ängste nie verschwinden werden. Damals war das für mich relativ neu und ich habe meine schlechten Phasen zu Papier gemacht, aber über die Jahre habe ich gelernt, damit umzugehen. Wenn du akzeptierst, dass diese Probleme ein Teil deines Lebens sind, dann kannst du auch Macht über sie gewinnen. Irgendwann kann man damit leben und das zieht den schmerzenden Stachel aus deinem Körper. Wenn man sich nicht bewusst auf einen schlimmen Tag konzentriert, dann ist er auch nach einem Tag beendet und dauert nicht eine ganze Woche an. Akzeptanz ist ein wichtiger Faktor. Davon habe ich schon auf „Pitfalls“ gesungen, aber mittlerweile habe ich viele Schritte nach vorne gemacht. Ich habe meinen Frieden mit diesen Problemen gemacht. Man wird sie nie ganz gewohnt, lernt aber, damit umzugehen. Ängste entstehen dadurch, dass man das Unkontrollierbare auf Biegen und Brechen unter Kontrolle bringen will. Man muss verstehen und akzeptieren, dass das nicht funktioniert. Ansonsten wirst du besessen davon, etwas dagegen zu tun und dabei wird es immer schlimmer.

„Aphelion“ ist ein astronomischer Begriff, der sinngemäß einen weitest möglich entfernten Punkte der Sonne bezeichnet. Kann man das metaphorisch auch auf deine psychische Beschaffenheit umlegen?
Es ist eine Metapher für die Zeit, in der wir uns seit eineinhalb Jahren befinden. Wir fühlen uns manchmal so weit vom normalen Leben entfernt wie nie zuvor. Eigentlich hätte das Album „Adapt“ heißen sollen, aber der Name klang einfach nicht gut. Sollen wir auf „Adapt“-Tour gehen? Wie klingt denn das? (lacht) Wir wollen das Beste aus der Situation machen und die vermeintlichen Nachteile zu unseren Vorteilen gestalten. Das Cover-Artwork spiegelt wider, dass man sich in einem sehr kleinen Raum auf dieser unendlich großen Welt befindet. Es gibt keine Möglichkeit, die Schönheit und Weite der Welt zu nutzen, aber man hat trotzdem die Chance, in seinem kleinen Raum etwas zu machen. Es geht darum, dass es immer Hoffnung gibt.

Wie bist du persönlich mit der Covid-Situation klargekommen? Hat sie deine mentalen Probleme und Ängste anfangs verstärkt?
Ich bin damit wahrscheinlich besser klargekommen als andere Menschen. Wenn man es gewohnt ist, gegen Probleme zu kämpfen und allgemein gerne alleine ist, kann dich so eine Situation nicht so stark aus den Schuhen kippen. Viele Menschen hatten natürlich hart zu kämpfen, aber meine Probleme kommen fast alle von innen. Selbstgemachte Sorgen und Nöte. Daher war die Lockdown-Situation nicht so schlimm, auch wenn die erzwungene Isolation natürlich nicht immer schön war. In Norwegen ging es uns auch nicht so schlimm wie in anderen Ländern und wir hatten nur wenige Monate lang harte Restriktionen. Man kann aber immer etwas tun und muss nicht permanent Trübsal blasen. Ich habe mir während des härtesten Lockdowns das Bein so schwer verletzt, dass ich kaum gehen konnte und war daheim eingesperrt. So habe ich mal die Zeit genutzt, mich tagelang zu einem Playstation-Spiel zu setzen, dass ich schon sehr lange vor mich herschob, ohne mich schuldig zu fühlen. (lacht)

Jetzt, wo du mittlerweile zwei Alben mit ziemlich persönlichen Songs geschrieben hast - ist es für dich leichter, so zu schreiben, als über Dinge außerhalb deines eigenen Lebensbereiches?
Ich weiß gar nicht, warum ich das nicht schon immer so gemacht habe? Man muss Dinge erleben, damit man über sie schreiben kann. Ich würde mich niemals als einen guten Songwriter betrachten. Ich bin ein guter Komponist und Musiker, aber ich schreibe nicht gut. Was ich aber kann, ist die Wahrheit zu schreiben und damit anderen zu helfen. Ehrlich zu sein und von meinen Problemen und Erlebnissen zu berichten. Das ist mein Ziel.

Leprous feiert heuer tatsächlich schon den 20. Bandgeburtstag. Bist du ein Freund von Jubiläen und Jubiläumsshows oder ist dieses Jahr mehr wie eine lästige Pflicht für dich?
Ich bin da ein bisschen unentschlossen. 20 Jahre Band lassen mich nicht jung fühlen, aber ich bin extrem stolz, dass wir noch immer da sind, während so viele andere Bands diese Zeitspanne nicht durchgehalten haben. Ich habe insgesamt eher gemischte Gefühle. 

Was waren denn in diesen zwei Dekaden die größten Highlights und die schwersten Rückschläge?
Eine schwierige Frage. Es gab von beiden Seiten so viel. (lacht) Ich kann mich gut an das spanische „Resurrection Festival“ 2018 erinnern, wo die Leute unseren Namen schrien und gespannt auf die Show waren. Das war so ein Moment wo ich mir dachte: „Wow, nach so vielen Jahren bewegt sich merklich etwas weiter“. Ein sehr schöner Moment. Einer der schlimmsten Momente war im Zuge der „Coal“-Tour, wo wir schon über eine Dekade unterwegs waren. Das Album war kein großer Erfolg und die Tour lief zwischen durchschnittlich und schlecht. An einem Abend waren wir in Rostock, in einer der allerschlimmsten Venues, die ich in meinem ganzen Leben gesehen habe. Es war schon widerlich, einfach nur drinnen zu sein. Bei der Show spielten wir vor zehn lokalen Metalheads, die sich überhaupt nicht für uns interessierten, sondern mit ihren Patches-behangenen Wacken-Lederjacken nur an der Bar grölten. Ein Typ war konzentriert, das war alles. In dem Moment habe ich mir überlegt, ob all das noch Sinn macht, was wir überhaupt tun. Wir haben dann sogar ein paar Songs aus der Setlist gestrichen, weil wir überhaupt keine Lust hatten. 

Heute tut mir das sehr leid, denn auch der eine Typ hat bezahlt und hätte uns in Topform bekommen sollen, aber es ging einfach nicht. Ich habe meine Karriere damals evaluiert, aber tags darauf in Kopenhagen hatten wir eine sehr gute Show und die Seele kehrten in unsere Körper zurück. (lacht) Von diesen schlimmen Erfahrungen lernst du am Ende mehr als aus den euphorischen Momenten. Vor ein paar Jahren waren wir auf großer USA-Tour. In den großen Städten ging es ganz gut, in ländlichen Bereichen kam aber kaum jemand und wir haben extrem viel Geld in den Sand gesetzt. Ich bereue das aber bis heute nicht, denn im Zuge dessen haben wir unseren Live-Cellisten Raph Weinroth-Browne kennengelernt, den man mittlerweile auf drei unserer Alben hört. Auch die schlimmste Momente haben positive Seiten.

Am 7. Dezember seid ihr hoffentlich auch wieder in Wien zu sehen.
Das liegt nur bedingt in unserer Hand. Aber wenn du dir ansiehst, wie sich beim EM-Finale im Londoner Wembley-Stadion mehr als 70.000 Leute drängten, dann wird man wohl auch eine Möglichkeit für unsere Tour finden können. Es wäre etwas unfair, wenn wir dann nicht in kleineren Venues spielen können. Wir passen uns natürlich der Situation an und ich hoffe, es wird klappen.

Live in Wien
Am 7. Dezember sollen Leprous in der großen Halle der Wiener Arena konzertieren. Mit dem Album „Aphelion“ und allen Hits aus 20 Jahren Bandgeschichte im Gepäck. Weitere Infos und Karten erhalten Sie unter www.ticketmaster.at

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