Kalte Dusche für alle

Russland dreht Bürgern das warme Wasser ab

Ausland
12.07.2021 10:33
Porträt von krone.at
Von krone.at

Im Winter kommt die Kälte in Russland von draußen, im Sommer aus dem Wasserhahn. Zumindest für einige Tage. Dann drehen Kommunalbetriebe im ganzen Land einem Großteil der Bürger vorübergehend das warme Wasser ab. Wartungsarbeiten an den oft noch aus Sowjetzeiten stammenden Rohren sind der offizielle Grund. Vielen Russen bleibt dann nur, darauf zu hoffen, dass das Wetter mitspielt und die unfreiwillige Dusch-Eiszeit zumindest als angenehme Erfrischung durchgehen kann.

Doch auch dann hält sich die Begeisterung oft mehr als in Grenzen. „Wir haben das dritte Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts. Und in Russland wird nach wie vor im Sommer das warme Wasser abgestellt“, beschwert sich etwa ein Internetnutzer. Ein anderer beklagt sich darüber, dass seine Haut leide, weil die Seife unter kaltem Wasser nicht schäume. Hartnäckig hält sich zudem der Vorwurf, die kommunalen Unternehmen von Kaliningrad bis ins fernöstliche Kamtschatka wollten mit der sommerlichen Maßnahme in erster Linie Heizenergie sparen.

Andere nehmen die Situation mit Humor. Gemäß dem Motto „Geteiltes Leid ist halbes Leid“ ist das russische Internet in den Sommermonaten voll von Sprüchen und Bildern rund ums Thema kalt duschen. Man sei kein echter Russe, wenn man das ganze Jahr über warmes Wasser habe, impliziert eines. Manch einer kann der Situation sogar etwas abgewinnen. Eine kalte Dusche sei gut für den Kreislauf, heißt es in einigen Foren.

Touristen oftmals verärgert
Eher irritiert reagieren hingegen ausländische Touristen, denn auch zahlreiche russische Hotels sind nicht mit Durchlauferhitzern ausgestattet. Immer wieder bemängeln Reisende in ihren Bewertungen deshalb eine kalte Überraschung im Badezimmer. Zumindest in der Ostseemetropole St. Petersburg, wohin zur Fußball-EM kürzlich Tausende Fans gereist waren, wollte man sich eine Welle der Häme aber offenbar ersparen - und unterbrach die Kaltwasser-Zeit zwischen Anfang Juni und Mitte Juli. Fein raus sind außerdem die verhältnismäßig wenigen Glücklichen mit Gas-Boiler in der Wohnung.

Duschparty oder Besuch bei den Eltern
Für alle anderen heißt es: Augen zu und durch - oder? Nicht ganz, denn Not macht erfinderisch. Weil viele der 146 Millionen Bewohner des Riesenreiches keine übermäßigen Fans vom Bibbern unter der Dusche sind, haben sie für diese besondere Zeit im Jahr ihre eigenen Badezimmer-Rituale entwickelt.

Da die einzelnen Bezirke in größeren Städten ab Mitte Mai zeitversetzt betroffen sind, zieht es dort viele Menschen auch einfach zu Mama, Papa oder ins Fitnessstudio. Beliebt und immer wieder in Filmen thematisiert sind auch Duschpartys bei Freunden - wenn auch in Zeiten dramatisch hoher Corona-Infektionszahlen durchaus bedenklich. Im vergangenen Jahr hatte etwa Moskaus Bürgermeister Sergej Sobjanin den Start der Kaltwasser-Saison immerhin aufgeschoben, bis die schlimmste Phase überstanden war.

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