03.07.2021 12:32 |

Hauseinsturz in Miami

Feuerwehrmann barg eigene Tochter tot aus Trümmern

Mehr als eine Woche nach dem Teileinsturz eines Wohnkomplexes im US-Bundesstaat Florida sind jetzt in den Trümmern weitere Leichen entdeckt worden. Einsatzkräfte hätten die beiden Toten am Freitag gefunden, sagte die Bürgermeisterin des Bezirks Miami-Dade, Daniella Levin Cava. Damit steigt die offizielle Zahl der Todesopfer auf 22. Als vermisst gelten noch 126 Menschen, wobei bis dato unklar ist, wie viele von ihnen sich zum Unglückszeitpunkt tatsächlich in dem Gebäude in Surfside nahe Miami aufhielten. Bereits am Donnerstag waren zwei Leichen gefunden worden, darunter die der siebenjährigen Tochter eines Feuerwehrmannes.

Wie der lokale Fernsehsender WPLG-TV berichtet, war der Feuerwehrmann Enrique Arango mit seinem Bruder bei den Bergungsarbeiten. Als Kollegen die Leiche seiner Tochter Stella fanden, holten sie ihn hinzu: „Wir haben ihm gesagt, dass wir kurz davor stehen, seine geliebte Tochter zu bergen. Wir alle sind ihm zur Seite gestanden und haben ihm die Möglichkeit gegeben, ,Goodbye‘ zu seiner Kleinen zu sagen“, wurde Feuerwehrmann Ignatius Carroll zitiert. Die Leiche des Mädchens sei anschließend in die Arme ihres trauernden Vaters gelegt worden, der sie in eine Feuerwehrjacke einwickelte und aus dem Trümmerfeld trug.

Stellas Leiche war neben der ihrer Mutter Graciela, die von Arango getrennt lebte, gefunden worden. Die Fotografin hatte sich zusammen mit ihrer Tochter ein Appartement in dem Wohnhaus geteilt. Vom Unglück im Schlaf überrascht worden waren auch Stellas Großeltern sowie eine Tante, die gerade aus Argentinien zu Besuch war.

Instabiler Gebäudeteil soll abgerissen werden
Der noch stehende Gebäudeteil soll nun abgerissen werden, wie Bezirksbürgermeisterin Levin Cava ankündigte. Das Gebäude stelle eine Gefahr für die öffentliche Gesundheit und Sicherheit dar, sagte sie. „Wir wissen, dass das Gebäude nicht stabil ist und abgerissen werden muss.“ Mit großer Sorge schauen die Behörden in Miami auch auf Hurrikan „Elsa“, dessen Ausläufer die Region in den kommenden Tagen treffen könnten. „Es ist aber zu früh, um zu wissen, ob wir in Gefahr sind“, sagte Levin Cava.

Fachleute fürchten, dass der Sturm großen Schaden anrichten und die verbliebene Gebäuderuine sogar einstürzen könnte. Die Bürgermeisterin betonte aber, dass ein Abriss vor dem Sturm unmöglich sei. Höchste Priorität habe weiter die Suche nach Verschütteten. In den vergangenen Tagen waren mehrere Hundert Retter rund um die Uhr im Einsatz - mit Spürhunden, Spezialkameras, Horchinstrumenten und schwerem Gerät. „Das ist so unerträglich für alle“, sagte Cava über die Ungewissheit und das Leid der Angehörigen.

Im Schlaf vom Unglück überrascht
Das Gebäude mit rund 130 Wohneinheiten war vor mehr als einer Woche aus noch ungeklärten Gründen teilweise eingestürzt. Die Menschen wurden im Schlaf von dem Unglück überrascht. Am Donnerstag besuchte US-Präsident Joe Biden den Unglücksort. Er versprach eine gründliche Untersuchung des Vorfalls. Biden kam mit Behördenvertretern zusammen, um sich über den aktuellen Stand des Rettungseinsatzes zu informieren, und sagte die volle Unterstützung des Bundes zu.

„Sie gehen durch die Hölle“
Der US-Präsident führte auch Gespräche mit Familien, die um das Leben ihrer Angehörigen bangen oder jemanden verloren haben. Nach einem Treffen mit Überlebenden und Verwandten der Vermissten sagte Biden: „Sie gehen durch die Hölle.“ Die Angehörigen seien „realistisch“ und wüssten, dass die Überlebenschancen mit jedem Tag etwas geringer würden, sagte er. Viele seien auch besorgt, weil sie fürchten, ihre Lieben nicht einmal ordentlich bestatten zu können.

Das Schlimmste sei jedoch die Ungewissheit. „Es ist schlimm, jemanden zu verlieren. Aber das Schwierige, das wirklich Schwierige, ist, nicht zu wissen, ob jemand überlebt hat oder nicht“, sagte Biden. Der Präsident hatte sich für das Treffen mit den Angehörigen in Miami rund drei Stunden Zeit genommen. „Ich fand es wichtig, mit jedem Einzelnen zu sprechen, der mit mir sprechen wollte“, sagte Biden.

Donnerstagfrüh, also kurz vor Bidens Ankunft, musste die Suche nach Verschütteten wegen Sorge um die Stabilität des noch stehenden Gebäudeteils vorübergehend gestoppt werden. Mit dem Besuch des Präsidenten habe die Pause aber nichts zu tun, betonten die Behörden. Der Leiter der örtlichen Feuerwehr, Alan Cominsky, erklärte, Experten, die den Zustand des stehenden Gebäudeteils kontinuierlich überwachten, hätten Veränderungen beobachtet, die den Stopp erforderlich gemacht hätten. Die Sicherheit der Suchtrupps müsse gewährleistet werden. Die Suche werde sofort weitergehen, sobald dies sicher sei.

Biden dankte den Rettungskräften bei seinem Besuch für ihren Einsatz. „Was Sie tun, ist unglaublich“, sagte der Präsident bei einem Treffen mit Suchtrupps. Der Einsatz sei gefährlich und auch psychisch sehr hart. Er rief die Helfer auf, vorsichtig zu sein.

Kaum noch Hoffnung auf Überlebende
Kurz nach dem Teileinsturz des großen Wohnkomplexes hatten Einsatzteams zunächst mehrere Dutzend Menschen retten können. In den vergangenen Tagen verkündeten die Behörden jedoch nur noch düstere Nachrichten. Die Suchtrupps haben in den Trümmern auch noch nicht identifizierte „menschliche Überreste“ gefunden. Zur Identifizierung von Opfern wurden DNA-Proben von Angehörigen der Hausbewohner eingesammelt.

Strukturelle Mängel, Sanierungen überfällig
Der als Champlain Towers South bekannte Wohnkomplex stammt aus den 1980er-Jahren. Die Ursache des Teil-Einsturzes ist noch unklar. In den vergangenen Tagen war ein von einer externen Firma verfasster Inspektionsbericht aus dem Jahr 2018 öffentlich geworden, in dem Experten mehrere Mängel - darunter auch größere strukturelle Mängel am Beton des Gebäudes - aufgelistet hatten.

US-Medien berichteten außerdem über Schreiben der Hausverwaltung, die mit Verweis auf strukturelle Risiken Millionensanierungen anmahnte. Ermittler werden der Frage nachgehen, ob die offenbar fälligen Sanierungen mit dem Einsturz zusammenhingen.

Auch das Nationale Institut für Standards und Technologie, das dem US-Handelsministerium untergeordnet ist, kündigte eine Untersuchung zu dem Einsturz an. Behördenleiter James Olthoff zufolge könnte es womöglich Jahre dauern, bis es klare Antworten gebe. „Aber wir werden nicht aufhören, bis wir die wahrscheinliche Ursache dieser Tragödie ermittelt haben.“

Sebastian Räuchle
Sebastian Räuchle
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