24.06.2021 13:17 |

„Krone“-Kommentar

Ohne jede Gnade

„Jeden Zentimeter syrischen Bodens“ werde er zurückerobern, hat Diktator Assad immer wieder betont. Dennoch ist es zu der großen Schlacht um die Provinz Idlib im Nordwesten des Landes nie gekommen. Abgesehen von den Kurdengebieten im Norden die einzige Provinz, die sich noch nicht unter der Kontrolle der syrischen Armee befindet.

In Idlib herrschen jene Gruppen, die aus Aleppo, Ost-Ghouta und anderen Gebieten fliehen mussten, als diese Regionen nach schweren Kämpfen wieder an Assad gefallen waren. Dabei haben islamistische und dschihadistische Milizen die Oberhand, die sich im Jänner 2017 unter dem Namen Hayat Tahrir al-Sham zusammengeschlossen hatten. Eine Vorläuferorganisation war die radikale Al-Nusra-Front, der syrische Ableger der Terrororganisation Al-Kaida. Die Türkei, die in Idlib ebenfalls militärisch präsent ist, hatte mehrfach zugesagt, die Islamisten zu entwaffnen, das aber nie getan.

Durch politischen Druck und den Einmarsch von Truppen hatte die Türkei auch dafür gesorgt, dass die Entscheidungsschlacht um Idlib nie stattgefunden hat. Präsident Erdoğan wollte eine neuerliche Massenflucht in sein Land verhindern. Denn aus Idlib kann man nur in eine Richtung entkommen - in die Türkei.

Schlacht um Idlib dürfte jetzt auf andere Weise stattfinden
Und so soll die Schlacht um Idlib jetzt offensichtlich auf andere - mindestens ebenso grausame - Weise stattfinden. Denn Russland, die militärische und politische Schutzmacht von Diktator Assad, hat angekündigt, den einzig offenen Grenzübergang zwischen Idlib und der Türkei, über den die gesamte humanitäre Hilfe für die Region abgewickelt wird, schließen zu wollen. Bisher erlaubt eine UNO-Resolution den Vereinten Nationen, wichtige Hilfsgüter über Grenzübergänge auch in Teile Syriens zu bringen, die nicht von Assad beherrscht werden. Diese Resolution läuft in wenigen Wochen aus.

In einem Schreiben an UNO-Generalsekretär Antonio Guterres hat der russische Außenminister Sergej Lawrow jetzt erklärt, der Einschätzung nicht zustimmen zu können, „dass es keine Alternative zum grenzüberschreitenden Mechanismus in Syrien gibt, über den die humanitäre Hilfe Idlib erreicht“. Soll heißen: Die Hilfsgüter sollten künftig an das Assad-Regime geliefert und von diesem verteilt werden. Denn ohne die Zustimmung aus Moskau wird der noch offene Grenzübergang geschlossen, wie das in der Vergangenheit bereits bei weiteren drei der Fall war.

Hunger, Elend und medizinische Versorgung als Waffe
Assad hätte es damit in der Hand, die Versorgung der Menschen in Idlib zu steuern. Hunger, Elend und medizinische Versorgung als Waffe einzusetzen. Die Schlacht um Idlib könnte so ohne militärische Mittel geführt werden. Aber ebenso ohne jede Gnade.

Denn für Assad und auch für Kreml-Chef Putin sind die Gruppen, die derzeit in Idlib herrschen, nichts als Terroristen, die es zu vernichten gilt. In Bezug auf die bewaffneten Milizen in der Region haben Assad und Putin damit sogar recht. Aber es leben dort auch Hunderttausende Menschen, die im Krieg um Syrien zwischen die Fronten geraten sind. Diese Menschen von der Versorgung abzuschneiden wäre ein Kriegsverbrechen grausamster Art, dem die Welt nicht zusehen dürfte.

Assad und seine russischen Verbündeten machen jedenfalls klar, dass es ihnen sehr ernst ist mit der Rückeroberung von „jedem Zentimeter syrischen Bodens“.

Christian Hauenstein
Christian Hauenstein
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