08.04.2021 21:53 |

Kommt auf die Größe an

BMW 420d Coupé: Ist das Kunst oder kann das weg?

Der neue 4er-BMW ist ein Phänomen. Aber eigentlich auch die Bestätigung einer alten Autodesignweisheit. BMW musste und muss viel Kritik einstecken für die neue Front, für diese riesigen Nieren, auch von mir, aber: Es ist lange her, dass ich darauf angesprochen wurde, was denn das für ein wunderschöner BMW ist. Ernsthaft.

Meine Aversion gegen die gigantischen Nieren am 4er hat schon vor einiger Zeit zu bröckeln begonnen. Eigentlich schon, als ich zum ersten Mal ein Exemplar der Baureihe fahren konnte (das Video, das dabei entstanden ist, sehen Sie hier oben). Denn wie sich das Ding fährt, ist wirklich erstklassig. Punkt. Und dazu muss es nicht einmal der M440i mit dem famosen Sechszylinder-Benziner sein.

Ich war jetzt einige Zeit im 420d xDrive unterwegs, den man durchaus als Vernunft-Coupé bezeichnen kann. Souverän im Antritt, komfortabel im Umgang, präzise auf der Straße. Zweiliter-Diesel, Mildhybrid, 190 PS, 6,5 Liter Realverbrauch, ohne sich sonderlich zurückzuhalten. Das ist vernünftig. Ebenso wie das Platzangebot. Irgendwo habe ich in einem Fahrbericht gelesen, der 4er-BMW sei ein 2+2-Sitzer. So ein Blödsinn. Es finden locker vier Erwachsene Platz, wenn die Rücksitzpassagiere nicht viel größer sind als 1,80 Meter.

Und irgendwie steigen autoaffine Zeitgenossen gerne ein, weil es ein cooles Auto ist. Das mag ich nicht über jede Variante des 4er in jeder Lackierung sagen, aber dieses M-Sport-Modell in Arctic Race Blue metallic wirkt richtig mächtig und elegant noch dazu. Trotzdem irritiert der Anblick. Ich kann mir diese Front richtig lange ansehen. Auch das ist mir bei einem Auto schon lang nicht mehr passiert. Sie hat etwas Skulputureskes. Wie ein Kunstwerk. Ist nicht gefällig, nein, ganz und gar nicht gefällig. Aber es fällt schwer, den Blick abzuwenden. Man könnte böse sagen, das sei wie beim Anblick eines Unfalles, aber das wäre zynisch. Da geht es eher um Faszination. Dieses Design ist einem nicht „wurscht“.

Wenn sie jetzt noch die Motorhaube bis ganz vor an die Nieren gezogen hätten, wie es Jaguar gerade beim Facelift des F-Pace gemacht hat, wäre das alles noch besser, noch eindrucksvoller. Der Spalt tut weh. Und der Längsfalz in der Seitenansicht wirkt etwas unmotiviert, hängt in der Luft. Außerdem muss die Frage gestattet sein, warum den Designern am Heck nichts Besseres einfällt, als seitlich Fake Vents zu platzieren, also Plastikattrappen, die wirken, als wären sie Luftauslässe.

Dauer-Design-Fehler im Innenraum
Offensichtlich wirkt das Außendesign umso besser, je länger man damit konfrontiert ist. Das gilt nicht für das Design des digitalen Tachodisplays. Der Zeigertacho ist nicht sinnvoll ablesbar und dadurch ein absurdes, sinnloses Feature ohne Wert. Es braucht die digitale Anzeige, damit man weiß, wie schnell man fährt. Neuerdings gibt es nicht einmal mehr einen Drehzahlmesser, sondern nur ein Powermeter, das anzeigt, wie viel Prozent der verfügbaren Kraft man gerade abruft. Ja, gut, das betont die Eigenschaft als Hybrid, aber es ist nur ein Mildhybrid; die Kraft kommt also vorrangig vom Verbrennungsmotor. Da entfernt sich BMW von seinen Werten als echte Autofahrermarke.

Auf einem Umweg kommt man aber doch zu einem Drehzahlmesser: Aktiviert man im Menü, dass sich der Anzeigeinhalt des optionalen (1200 Euro) Head-up-Displays am Fahrmodus orientiert, wird im Sportmodus ein Drehzahlmesser in die Windschutzscheibe gespiegelt.

Stoppt die Zwangsbeglückung!
Nur mit der Entfremdung von traditionellen Autofahrerwerten ist es auch zu erklären, dass sich die Start-Stopp-Automatik nicht abschalten lässt. Ja, dank Mildhybrid funktioniert sie meistens recht gut, trotzdem nervt sie manchmal. Die einzige Möglichkeit, zu verhindern, dass sich der Motor an der Ampel abschaltet, ist, in den Sportmodus zu wechseln. Aber das will man auch nicht immer. Nachricht nach München: Spart euch diese Zwangsbeglückung!

An anderer Stelle machen sie das ganz gut. Die Abstandsregelfunktion des Radartempomaten ist abschaltbar, ebenso die lästige Gestensteuerung. Lästig deshalb, weil sie einerseits nicht zuverlässig funktioniert, anderseits aber oft ungewollt irgendeine Funktion auslöst.

Der Segen des Segelns
Prinzipiell ist der Mildhybrid aber eine feine Sache. Der riemengetrieben Startergenerator schiebt an, wo kurzzeitig Kraft fehlt, und vor allem ermöglicht er es, dass sich beim Dahinrollen zwischendurch unauffällig der Motor abschaltet und man ohne jeden Spritverbrauch „segelt“. Das passiert meist dann, wenn man langsam vom Gas geht. Geht man hingegen schnell vom Gas, bleibt der Motor an und es wird durch Rekuperation Energie zurückgewonnen. Man hat das also im Gasfuß. Auch beim Tritt aufs Bremspedal wird rekuperiert, bevor sich die Klötze an die Scheiben pressen. Dafür muss man hinnehmen, dass sich die Bremse manchmal etwas schwer dosieren lässt.

Fahrzit
Bei rund 50.000 Euro fängt die Konfrontation mit der Kunst des Designs an, wobei der Testwagen wegen Allradantrieb und einer ganzen Menge Extras auf über 80.000 Euro kommt. Ins M-Sportpaket sollte man auf jeden Fall investieren, sonst verfehlen die Nieren ihre Wirkung, was schade wäre.

Damit wir uns nicht falsch verstehen: Dies soll nicht als Generalamnestie für die neuerdings großen BMW-Nieren sein. Das Facelift des 7er halte ich noch immer für misslungen. Was die neuen BMW M3 und M4 betrifft, bin ich mir noch nicht sicher. Im Moment stellen sich mir bei dem Anblick noch die Haare auf. Aber wer weiß, vielleicht holt mich das alte Autodesigngesetz hier ja auch noch ein: Autos, die auf Anhieb gefallen, wirken bald langweilig. Solche, die zu Beginn irritieren, gefallen hingegen auf lange Sicht.

Stephan Schätzl
Stephan Schätzl
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