Laut wie Rasenmäher

Internet-Radau um ökologisches Chips-Sackerl in den USA

Ausland
25.11.2010 12:01
Nicht alles, was den Heiligenschein des Umweltschutzes trägt, kommt beim Verbraucher gut an. Das musste jetzt der US-Snackhersteller "Frito-Lay" schmerzhaft feststellen. Im WWW wurde wegen einer neuen ökologischen Chips-Packung der beliebten Marke ein regelrechter Radau geschlagen. Der Grund: Mit gemessenen 95 Dezibel ist das Knistern des biologisch abbaubaren "SunChips"-Sackerls so laut wie ein Rasenmäher.

Eine romantische Szene beim Filmabend am Sofa, "knirsch" - und die Stimmung ist dahin. Unvorstellbar, im Kino aus solch einer lauten Verpackung Chips zu knabbern. Vor allem in den USA, für Frito-Lay der größte Markt neben Kanada, lief die Kundschaft Sturm gegen das Chipssackerl - Umweltschutz hin oder her.

Auf Videoportalen gibt es mittlerweile Dutzende Clips, in denen sich Konsumenten über das laute Knistern mokieren. "Dieser Lärm ist unglaublich", urteilt ein junger Mann (siehe Video), der vor laufender Kamera mit einem der neuen Frito-Lay-Sackerl raschelt. "Ich bin ein Pilot und im Cockpit meines Jets ist es leiser! Man versteht sein eigenes Wort nicht mehr", geschweige das von Schauspielern, Serienhelden oder Moderatoren im Fernsehen. Im Online-Netzwerk Facebook schlossen sich Tausende "SunChips"-Fans zu einer Gruppe zusammen und forderten die alte Verpackung zurück (siehe Infobox).

Eineinhalb Jahre nach der Einführung hat Frito-Lay den umweltfreundlichen Sack in den USA nun vorerst wieder großteils vom Markt genommen. Einer Studie zufolge waren die Verkäufe der "Sunchips" um fast elf Prozent eingebrochen - trotz der umweltfreundlichen Innovation ihrer Verpackung, an der die Produktentwickler vier Jahre lang gearbeitet hatten.

Kanadier überzeugte Umweltargument
Im benachbarten Kanada verfolgt der Snackhersteller indes eine andere Strategie. Die örtliche Frito-Lay-Vizechefin Anne-Marie Renaud wendet sich auf YouTube direkt an die Konsumenten (siehe Infobox). "Gehen Sie in den nächsten Supermarkt und kaufen Sie ein Sackerl", fordert sie die Internetnutzer auf. "Wenn Sie das Knistern für zu laut halten, dann teilen Sie uns das mit und wir schicken Ihnen ein paar Ohrstöpsel", fügt sie lächelnd hinzu.

"Ich bin stolz darauf, wie sehr wir in Kanada unsere Umwelt schützen", sagt Renaud und zeigt die bereits nach 14 Wochen vollständig kompostierten Überreste eines Chipssacks. "Der Kompromiss ist ganz einfach: etwas mehr Rascheln für etwas weniger Müll." Und siehe da: Die Kanadier blieben dem umweltfreundlichen Sacker großteils treu.

Von "sehr geschicktem Marketing" spricht der PR-Experte von der Universität Quebec, Benoit Duguay. "Das ein gutes Beispiel dafür, wie etwas Negatives in etwas Positives umgemünzt werden kann." Auch Umweltschützer haben sich auf die Seite von Frito-Lay geschlagen. "Endlich bietet ein Hersteller den Verbrauchern einmal eine konkrete Lösung an", sagt Antoine Garcia-Suarez vom Ökoverband RE-buts in Montreal. "Die Verpackung braucht nur in den Kompost gegeben werden. Jetzt muss der Verbraucher entscheiden."

Kompromiss: Leiseres Sackerl für US-Markt
Und es kommt, wie es kommen muss: Die ersten umweltbewussten Chipsesser in den USA beginnen jetzt dagegen zu protestieren, dass Frito-Lay das Öko-Sackerl wegen der quengelnden US-Couch-Potatoes wieder aus dem Verkehr gezogen hat. Ein wenig Lärm könne die Müllvermeidung schon vertragen, argumentieren sie. Ihre Facebook-Gruppe mit dem Namen "Führt das kompostierbare Sunchips-Sackerl wieder ein" hat allerdings erst 110 Mitglieder. Kompromiss: Frito-Lay arbeitet inzwischen an einer neuen, leiseren Variante. In spätestens einem Jahr soll sie auf den Markt kommen.

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