12.12.2020 05:00 |

Länger mobil bleiben

Zuerst ganz fit, aber dann „ins Bett gepflegt“

Würde man betagte Menschen frühzeitig zu Hause unterstützen und ihnen helfen, so lange wie möglich aktiv zu bleiben, könnte das nicht nur viel Geld, sondern noch mehr Leid sparen. 

Frau B., 78 Jahre alt, lebt allein in ihrer Wohnung in einem kleinen Ort in NÖ. Sie bekommt eine Pension von 949 Euro netto und 295 Euro Pflegegeld Stufe 2. Ihr gesamtes Einkommen liegt knapp über dem, was laut Schuldnerberatung ein Single zum Leben benötigt. Geld für neue Kleidung oder einen Kaffeehausbesuch bleibt ihr keines. „Aber es geht sich halt immer irgendwie aus“, wie sie sagt. Im Alltag kommt die Pensionistin ganz gut allein zurecht - darauf ist sie stolz -, nur die Einkäufe nach Hause zu tragen fällt schwer.

Keine Zeit zum Reden und für Soziales
Irgendwann braucht Frau B.dann dafür eine Heimhilfe. Eine Stunde kostet knapp 15 Euro. Es ist klar, dass sie dafür die 13. und 14. Pensionszahlung verwenden muss. Mit dem Geld gehen sich trotzdem nur 10 Stunden Hilfe im Monat aus. Eigentlich würde sie ihre Einkäufe am liebsten gemeinsam mit ihrer Helferin erledigen. Es geht aber nicht, denn das ist weder vorgesehen noch leistbar, es dauert dann nämlich viel länger. Die Heimhilfe bringt die Waren in die Wohnung - Dauer alles in allem 30 Minuten. Frau B. sitzt unterdessen zu Hause. Ungern, denn eigentlich möchte sie sich die Sachen selbst aussuchen und könntedas ja auch.

Dann wären noch die Gespräche mit Bekannten, die sie normalerweise im Geschäft oder auf der Straße trifft, die fehlen der Alleinstehenden sehr! Die Heimhilfe ist zwar sehr nett, hat aber keine Zeit, sich zu unterhalten. Frau B. verstaut die Einkäufe, erledigt die gewohnten Hausarbeiten, telefoniert, schaut fern. Der Kontakt zu ihren Freunden reißt ab. Dann merkt die Heimhilfe auf einmal, dass die Klientin immer häufiger im Nachthemd die Türe öffnet, wenig spricht, ungepflegt und gebrechlich wirkt. Außerdem sollte die Wohnung wieder einmal gründlich aufgeräumt werden. Die Helferin kümmert sich darum, dass die Pflegegeldstufe neu begutachtet wird. Der Arzt stellt eine Verschlechterung des Zustandes fest und bewilligt Stufe 3, also 460 Euro.

Mit Unterstützung selbstständig bleiben
Die Heimhilfe kann jetzt öfter kommen, kauft nicht nur weiter ein, sondern putzt und hilft beim Anziehen. Seltsamerweise geht es Frau B.immer schlechter, je mehr Arbeiten ihr abgenommen werden. Sie baut langsam, aber stetig körperlich und geistig ab. Vergisst den Herd abzudrehen, die Tür zu versperren, beschäftigt sich gedanklich nur mehr mit der Vergangenheit. Was dann folgt, ist leider vorauszusehen:Eines Tages stolpert die Frau, bricht sich den Oberschenkel und landet letztlich im Pflegeheim. Ein klassischer Fall von „ins Bett gepflegt“! Unterstützung, um selbstständig und aktiv zu bleiben, wäre hier das Mittel der Wahl gewesen. Nur dafür fehlen oft noch die Strukturen. Es ist wirklich hoch an der Zeit, diese einzurichten.

Fakten-Check: Teure Behandlung
Ein Oberschenkelhalsbruch ist im Alter zurecht gefürchtet, bedeutet er doch oft die Übersiedlung ins ungeliebte Pflegeheim. Je höher das Alter , desto schwieriger und teurer ist die Behandlung leider, die Heilchancen sind geringer als bei jüngeren Menschen. 2017 landeten 16.000 Senioren über 65 Jahre mit einem Oberschenkelhalsbruch im Krankenhaus. Die Behandlungskosten verschlingen Jahr für Jahr 500 Mio Euro. Da sich drei Viertel der Sturzopfer danach nicht mehr vollständig erholen und 4000 überhaupt zu Pflegefällen werden, kommt für ihre Pflege nochmals derselbe Betrag dazu. Vorbeugung würde den Betroffenen also nicht nur viel Leid ersparen, sondern auch dem Gesundheitsbudget Kosten. Erhielten ältere Menschen z. B. spezielles Sturz-Training, wo besonders auf Beweglichkeit, Balance und Kraft geachtet würde ginge die Zahl der Unfälle um ein Drittel zurück. Durch solche Kurse, die relativ billig sind, blieben 150 Mio € Behandlungs- und Pflegekosten im Topf!

„Mit der Hand in der Hosentasche“
Die meisten älteren Menschen brauchen keine Pflege, sondern Unterstützung bei bestimmten Tätigkeiten. Eine Person, die beim Sockenanziehen hilft, beim Aussuchen eines Hilfsmittels berät und dann übt, bis das Gerät richtig verwendet wird. Oder nach einem Spitalsaufenthalt. Da fallen Tätigkeiten auf einmal schwer, die zuvor kein Problem waren, und es geht darum, mit Hilfe von Therapeuten wieder auf die Beine zu kommen. Die Betreuerin arbeitet in diesem Fall „mit der Hand in der Hosentasche“, denn eingegriffen wird nur, wenn es wirklich nötig ist. Das erfordert Zeit und Geduld. Einen älteren Menschen bei seinen Einkäufen zu begleiten, ihn selbst auswählen und an der Kassa zahlen zu lassen, dauert natürlich länger als rasch eine Einkaufsliste abzuarbeiten. Die Heimhilfe bräuchte pro Klient vermutlich nicht 30, sondern mindestens 90 Minuten. Das kostet entsprechend mehr - das Dreifache - und macht im Monat 900 Euro aus. Scheint viel, ist im Vergleich zu den Kosten eines Heimplatzes von mindestens 3000 Euro monatlich jedoch sehr günstig. Dafür muss sich auch das Personal neu erfinden. Bisher geht es darum, möglichst viel Arbeit in möglichst kurzer Zeit für jemanden zu erledigen. Beim neuen Konzept lautet die Aufgabe, den Menschen selbstständig werken zu lassen und gemeinsam eine Strategie zu entwickeln.

Kontaktmöglichkeit „Österreichischer Seniorenbund
Haben Sie Anregungen zur Verbesserung der Situation? Persönliche Erfahrungen mit dem Pflegethema? Ideen oder gar Projekte zur Selbst- oder Nachbarschaftshilfe? Dann teilen Sie diese bitte mit uns, wird werden die interessantesten Zuschriften gerne mit unseren Lesern teilen. Kontakt: Ingrid Korosec, Österreichischer Seniorenbund, Lichtenfelsgasse 7, 1010 Wien oder per Mail.

Karin Podolak, Kronen Zeitung

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