Das Herz ist ein symbolträchtiges Organ. Seit jeher gilt es als Zentrum von Leben, Emotion und Verletzlichkeit, lange bevor die Psychosomatik dieses Zusammenspiel wissenschaftlich beschrieb. Unsere Sprache wusste es aber immer: „Es geht mir ans Herz“, „ein gebrochenes Herz“ oder „Herzschmerz“ zeigen das.
Herzkrankheiten gelten oft als rein körperliches Problem. Doch die Seele spielt eine entscheidende Rolle – besonders bei Frauen. Stress, gesellschaftliche Erwartungen und emotionale Belastungen können die „Lebenspumpe“ buchstäblich aus dem Takt bringen.
Körper und Seele spielen zusammen
Der Mensch versteht sich als Einheit von Psyche und Körper, das heißt seelische Faktoren wirken sich auf die Physis aus und körperliche Faktoren (wie Herz-Kreislaufprobleme etc.) auch auf die Psyche. „Faktoren wie Stress, Angst oder Depressionen sind mit körperlichen Prozessen verbunden, wie Schwitzen, Herzklopfen oder bestimmten hormonellen Veränderungen und können daher auf Dauer auch immer das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen erhöhen“, erklärt dazu die Wiener Psychologin a.o. Univ.-Prof. Dr. Beate Wimmer-Puchinger, BÖP-Präsidentin & Public Health-Expertin.
Im Sommer 2025 hat die europäische Herzgesellschaft zu diesem Thema eine Zusammenfassung aktuellster Daten und Behandlungsempfehlungen herausgegeben. Bedauerlicherweise sind Frauen in den internationalen Studien zahlenmäßig unterrepräsentiert. Wichtig zu wissen ist auch, dass Medikamente (aus unterschiedlichsten Gründen) bei Frauen anders (also besser oder schlechter) wirken können.
Kardiologin OÄ Dr. Elisabeth Schönherr, Leiterin der Arbeitsgruppe kardiologische Psychosomatik der Österreichischen Kardiologischen Gesellschaft: „Bei bis zu 35% der Patienten mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen liegen Depressionen vor. Insbesondere ältere Frauen nach Herzinfarkt leiden im Vergleich zu Männern gleichen Alters fast doppelt so häufig an moderaten bis schweren Symptomen.“
Alles, was Stress reduziert, und Selbstfürsorge stärkt, schützt auch das Herz – messbar und spürbar.

a.o. Univ.-Prof. Dr. Beate Wimmer-Puchinger, Psychologin, BÖP-Präsidentin & Public Health-Expertin, Wien
Bild: Inge Prader
Dabei sind psychische Störungen wie etwa Depression und Angststörungen eigenständige kardiale Risikofaktoren. Psychosoziale Belastungen und chronischer Stress können zudem auch die klassischen Gefahren verstärken: „Eine betroffene Person raucht vielleicht vermehrt, isst mehr und nimmt dementsprechend zu oder hat hohe Blutdruckwerte. Solche Belastungen tragen somit zur Entwicklung von Herzerkrankungen bei“, führt a.o. Univ.-Prof. Dr. Beate Wimmer-Puchinger aus.
Frauen fühlen sich stärker belastet
Frauen erleben im Durchschnitt mehr emotionale Belastung, mehr chronischen Stress, mehr Verantwortung für andere und häufiger Armut oder Gewalt. Diese Belastungen werden oft nach innen gerichtet: Sorgen, Grübeln, Schlafstörungen, das Gefühl, „funktionieren zu müssen“.
„Stressfaktoren wie Arbeit, Arbeitslosigkeit, niedriger sozioökonomischer Status, mangelnde Gleichstellung von Frauen in Beruf und Gesellschaft, soziale Diskriminierung, Stigmatisierung, Kindheits- bzw. Beziehungstraumata, Vereinsamung oder soziale Isolation können über Veränderungen neuro-hormoneller Kreisläufe bzw. allgemeine Entzündungsreaktion zur Entstehung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen beitragen“, bestätigt auch Dr. Elisabeth Schönherr, Fachärztin für Innere Medizin und Kardiologie.
Beruflich induzierter Stress betrifft meist Männer. Für Frauen ist familiärer Stress von größerer Bedeutung, v.a. die Doppelbelastung durch Familie und Beruf.

OÄ Dr. Elisabeth Schönherr,Leiterin der Arbeitsgruppe kardiologische Psychosomatik der Österreichischen Kardiologischen Gesellschaft
Bild: Foto Schneider
Umgekehrt können akute Erkrankungen des Herz-Kreislaufsystems (z.B. Herzinfarkt) Hilflosigkeit, Schmerz, Trauer, Sorgen und Todesangst mit sich bringen.
Die Wechseljahre als Gefahr
Besonders risikoreich für das Herz ist der Lebensabschnitt „Wechsel“: Perimenopausale Frauen zeigen als Risikofaktoren für Herzinfarkt und Sterblichkeit im Geschlechtervergleich doppelt so häufig Angst und Depression bzw. erleiden bis zu neunmal häufiger Herzinfarkt und emotional-stressinduziertes Tako-Tsubo Syndrom (auch bekannt als „Broken Heart Syndrom“ – siehe Infokasten).
Es handelt sich um eine, durch ein schwerwiegendes (höchst trauriges oder freudiges) psychisches Ereignis oder durch körperlichen Stress ausgelöste vorübergehende, jedoch teils lebensbedrohliche Form der Herzschwäche. Diese heilt binnen sechs Monaten aus.
Die Beschwerden sind häufig Atemnot und Brustschmerz, verbunden mit herzinfarktähnlichen EKG-Veränderungen. Das Herz nimmt eine amphorenförmige Form an, einer asiatischen Oktopusfalle (tako tsubo) ähnelnd, weswegen diese Erkrankung von den japanischen Erstbeschreibern Tako-Tsubo-Syndrom benannt wurde. Die Herzkranzgefäße zeigen üblicherweise keinen Gefäßverschluss. Typischerweise sind Stresshormone (Katecholamine) deutlich erhöht.
Besonders häufig sind postmenopausale Frauen über 60 Jahre betroffen, was einen Zusammenhang mit der hormonellen Lage nahelegt. Als weitere Ursache wird eine allgemeine Entzündungsreaktion diskutiert. Die Ursache des Syndroms des gebrochenen Herzens ist bis heute nicht vollständig erforscht.
Den Druck reduzieren lernen
Wichtig wäre, Strategien zu finden, welche Frauen helfen, das Herz vor Stress zu schützen. „Stress zu reduzieren klingt einfach, ist aber im Alltag durch Patientinnen alleine schwierig umzusetzen“, sind sich beide Expertinnen einig. „Wichtig wäre, ihnen Scham oder Angst zu nehmen, sich mit Sorgen oder (auch nicht typischen) Beschwerden ärztliche Hilfe bzw. Unterstützung bei medizinischen Experten zu suchen.“
Auch die regelmäßige ärztliche Erhebung kardiovaskulärer Risikofaktoren wie erhöhtem Cholesterinspiegel, Diabetes, Übergewicht, Tabakkonsum und der biopsychosozialen Situation (Job, Arbeitslosigkeit, familiäres Setting inkl. Überforderung infolge pflegebedürftiger Angehörige, Lebensqualität, Schlafqualität, soziale Diskriminierung, soziale Isolation, Vereinsamung etc.) ist wichtig, um Herzerkrankungen bzw. damit verbundene psychische Erkrankungen wie Depression, Angst oder posttraumatische Belastungsstörungen rechtzeitig zu erkennen und erfolgreich zu behandeln.
Kardiale Erkrankungen wurden über Jahrhunderte als „männliches Problem“ verstanden. Zeit, dass die neue Kampagne #GoRed Aufmerksamkeit schafft!
Frühe Forschung zeigte klar, dass Frauen bei der Früherkennung und Akutversorgung von Herzerkrankungen deutlich schlechter behandelt wurden. Männer mit typischen Brustschmerzen wurden rasch als Notfall erkannt, auf Intensivstationen verlegt und behandelt. Frauen hingegen wurden später diagnostiziert, seltener ernst genommen und deutlich seltener invasiv therapiert, etwa mit Bypass-Operationen. Die Folge war eine nachweislich höhere Sterblichkeit bei Frauen, insbesondere in der akuten Phase nach Herzinfarkt. Erst langsam ändert sich hier etwas!
Wann gefährdet psychischer Druck das Herz?
Es gibt deutliche Warnsignale – aber viele Frauen überhören sie, weil sie sie als „normalen Stress“ abtun. Zu den psychischen „Red Flags“ zählen das Gefühl, nur noch zu funktionieren, anhaltende innere Unruhe oder Gereiztheit, Schlafstörungen, Grübeln, nicht abschalten können, Erschöpfung, die sich trotz Ruhe nicht bessert.
Körperlich zeigt sich übermäßiger Stress mit Herzklopfen, Herzstolpern oder einem Engegefühl in der Brust, Atemnot bei geringer Belastung, Schwindel, Druck im Oberbauch, Übelkeit oder ungewöhnlicher Müdigkeit – ein sehr häufiges Frühzeichen bei Frauen.
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