06.12.2020 05:33 |

Interviewserie:

„Medaillen allein hätten nicht gereicht“

In der heuteigen Ausgabe der „Krone“-Interviewserie „Mit eigenen Augen“: Nicole Trimmel. Die Weltmeisterin im Kickboxen spricht über ihre „hohe Kunst“. Vier Selfies zeigen eine heitere, liebenswürdige Persönlichkeit. Sie erinnern, was unserer Gesellschaft fehlt: Haltung, Übung, Disziplin

Liebe Nicole, sind Sonnenblumen deine Lieblingsblumen?

Ich habe das Foto gemacht wegen der wunderbaren Farben und weil sie Symbol des Burgenlands sind. Sie stehen für die Schönheit des Landes.

Sind das deine Kinder?

Das sind die Kinder einer früheren Kickbox-Kollegin aus Tirol. Wir treffen einander einmal im Jahr, und jedes Mal hebe ich die drei hoch. Irgendwann wird das nicht mehr gehen, weil sie immer größer werden. Ich habe das Bild aber auch gewählt, weil es zu meinem Projekt „URFIT“ passt, das Hans Niessl als früherer Landeshauptmann ins Leben gerufen hat. Es läuft heute in circa 70 Volksschulen des Landes, die von Trainern unseres Vereins einmal pro Woche besucht werden.

Warum sollten Kinder Bewegung machen?

Die heutigen Kinder wachsen oft sehr einseitig mit dem Handy auf. Ich beobachte zunehmend körperliche und sensorische Defizite. Die so wichtige körperliche Bewegung der Kinder bleibt jetzt im Lockdown noch mehr liegen. Sie lernen besser, wenn sie ausgeglichen sind. Sport fördert zudem die soziale Kompetenz, man lernt miteinander umzugehen.

Wie bist du selbst zum Sport gekommen?

Schon als ich klein war, wollte ich einen Kampfsport erlernen. Kung-Fu-Filme mit Bruce Lee haben mich fasziniert, sehr untypisch für ein Mädchen. Was mich angezogen hat, waren starke Persönlichkeiten, die in sich ruhen, mit sich im Reinen sind und ihre körperlichen Fähigkeiten nie falsch einsetzen würden.

Der Begriff „Kampfsport“ ist eigentlich eine Engführung.

Eigentlich ist es eine Kunst. Wenn du dir einen Shaolin-Mönch anschaust und die Perfektion, die hinter seinen Bewegungen steckt, wird dir das bewusst. Es ist das Ergebnis täglicher Übung, jede Bewegung wird Millionen Mal trainiert. Daher sieht es so leicht aus.

Das ist wie bei den großen Musikern, die einem die Illusion von Leichtigkeit geben, dass man glaubt, man könnte das ebenso...

Genau. Beim Kampfsport ist es wie beim Ballett, alles, was so super easy ausschaut, ist Ergebnis beinharten Trainings.

Wann war das erste Mal der Gedanke da: „Ich kann und will Weltmeisterin werden“?

Ziel war anfangs der schwarze Gürtel. Als ich 1999 in den Kickbox-Verein in Rust kam, hatte ich Gott sei Dank einen sensiblen Trainer, der mein Talent erkannte. Irgendwann sagte er: „Komm, fahr doch mit zu einem Wettkampf!“ So hatte ich meine ersten Turniere. Das Feuer war entflammt. Und der Ehrgeiz, Medaillen zu machen.

Das zeigt das nächste Foto: die ehrgeizige Nicole im Ring.

Man fährt nicht zu einem Turnier, um Zweiter zu werden. Gleichzeitig aber wurde mir immer wichtiger, mit welcher Qualität ich kämpfe, wie ich die Technik platziere. Ich wollte zeigen, welch hohe Kunst ich praktiziere. Mittlerweile bin ich vom aktiven Sport auf die Trainerbank gewechselt. Mit mir auf dem Foto ist eine Sportlerin, die ich betreue. Auch sie verfolgt ihre Ziele. Dabei muss ich lernen, nicht von mir und meinen damaligen Erfolgsfaktoren auszugehen.

Was bleibt vom Kampfsport einmal übrig, wenn die körperlichen Kräfte nicht mehr ausreichen?

Die mentale Stärke, das Auftreten, die Persönlichkeit. Man wurde in der Kunst der Konfrontation geschult, hat gelernt, sich seinen Ängsten zu stellen, eine Präsenz zu entwickeln und zu sagen: „Ich bin da!“ Es geht um das Aushalten von Spannung und den positiven Respekt vor einer Aufgabe, in die man bewusst hineingeht

...wie über einen Steg, der ins noch Unentschiedene führt?

Genau. Auf diesem Weg muss man lernen, sein Lampenfieber, seinen Pulsschlag, seinen Körper zu kontrollieren, seine Gedanken zu fokussieren, um dann mit höchster Qualität und höchstem Genuss zu performen. Diesen schmalen Weg muss man gehen lernen, egal, wie viele Talente man besitzt.

Kronen Zeitung

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