20-Punkte-Programm
Späte Einigung bei UNO-Konferenz zu Artenschutz
Mit ehrgeizigen Zielen zum Schutz gefährdeter Pflanzen, Wälder und Tiere soll dem Artensterben ein Riegel vorgeschoben werden. Artenschutz-Programm der Vereinten Nationen sieht etwa erweiterte Schutzgebiete zu Land und zu Wasser vor.
Für Österreich dürfte das Abkommen unmittelbar keine Auswirkungen haben, da das Land die in der Strategie genannten Ziele zum Teil - etwa bei der geschützten Fläche - bereits realisiert habe, so Berlakovich. "Ich freue mich, weil es wirklich harte Verhandlungen waren", sagte der Umweltminister. Zuletzt dürfte vor allem eine lateinamerikanische Staatengruppe um Kuba und Nicaragua noch einige Einwände gehabt haben, vor allem aus formalen Gründen.
Berlakovich sah die Einigung bei der Konferenz auch als Zeichen, dass die Staatengemeinschaft handlungsfähig ist. Er hofft nun auf eine Signalwirkung für UNO-Klimakonferenz im mexikanischen Cancun, wo nach dem Misserfolg von Kopenhagen neuerlich über ein Nachfolgeabkommen zum Kyoto-Vertrag verhandelt werden soll.
Schwierige Verhandlungen
Nach fast zwei Wochen intensiver Verhandlungen einigten sich die Teilnehmer aus 193 Ländern unter anderem darauf, die aktuellen Schutzgebiete zu erweitern, um die dortige Artenvielfalt zu sichern. Derzeit sind 13 Prozent der Landesfläche der Erde und ein Prozent der Küsten und Meere als Schutzgebiet deklariert, diese sollen auf 17 beziehungsweise zehn Prozent steigen. Die Delegationen einigten sich zudem auf mehr Maßnahmen gegen die Verschmutzung und einen intensiveren Schutz von Wäldern und Korallenriffen.
Die Teilnehmer nahmen zudem ein Protokoll an, das die Teilung von Gewinnen durch die Nutzung ökologischer Ressourcen vorsieht. Bei dem Treffen war intensiv um das sogenannte Acces and Benefits Sharing Protocol (ABS) gerungen worden, über das seit acht Jahren verhandelt wird. Es legt eine Teilung von Gewinnen aus biologischen Ressourcen fest. Das Protokoll soll zukünftig regeln, wie die Gewinne, etwa in der Medizin, gerecht zwischen Herkunftsland des Wirkstoffs und Herstellungsland des Pharmaprodukts aufgeteilt werden.
Entwicklungs- und Schwellenländer hatten eine Art "Gensteuer" gefordert, wenn ausländische Firmen aus ihren biologischen Ressourcen gewonnene Wirkstoffe, etwa in Form von Arzneien oder Kosmetika, vermarkten. Brasilien hatte im Vorfeld erklärt, keinen Plan zu unterschreiben, der eine solche Gensteuer nicht enthält.
"Schädliche Subventionen" werden eingestellt
Erstmalig ist nun auch die Vereinbarung getroffen worden, sogenannte schädliche Subventionen bis zum Jahr 2020 einzustellen. Dies betrifft beispielsweise die Bezuschussung von Herstellungsprozessen in der Land-, Forst- und Fischereiwirtschaft, die sich aber gleichzeitig negativ auf die Natur auswirken.
So wird in den meisten Teilen der Erde zu viel gedüngt. Ein wichtiges Düngemittel ist Stickstoff. Forscher gehen davon aus, dass 60 Prozent des eingetragenen Stickstoffs nicht von der Pflanze aufgenommen werden können. Sie werden ins Grundwasser gespült und können die Qualität der Flüsse, Seen sowie des Trinkwassers belasten. "Solche schädlichen Subventionen werden weltweit auf 500 Milliarden Dollar geschätzt", sagte Helmut Röscheisen vom Naturschutzring.
Große Fortschritte seien auch in der Finanzierungsfrage erreicht worden. "Zum ersten Mal (seit der Rio-Konvention 1992) gibt es nun ein konkretes Verfahren, um bis zur nächsten Konferenz 2012 die tatsächlichen Zahlungen und die benötigten Zahlungen für den weltweiten Naturschutz zu ermitteln", sagte Röscheisen.
Einigung durch Engagement der Japaner
Die Einigungen in letzter Minute gelangen nur durch einen Coup der Japaner. Bis spät in die Nacht hatten Minister der Entwicklungs- und Industrieländer diskutiert - ohne einen Kompromiss in Reichweite. Kurzerhand hatte der japanische Umweltminister Ryu Matsumoto dann angekündigt, einen eigenen Entwurf einzureichen. Die Japaner hätten sich stark für diesen Erfolg eingesetzt, bestätigten Umweltverbände.
In letzter Minute konnte so ein Scheitern verhindert werden. Matsumoto zeigte sich erfreut. "Mit Weisheit, enormen Anstrengungen und Tränen haben wir es geschafft", sagte er in Nagoya. Für ihn sei "ein lange ersehnter Traum in Erfüllung gegangen".
Durchwegs positive Reaktionen
Von einem "gewaltigen Erfolg" sprach auch der Schweizer Verkehrs-, Energie- und Umweltminister Moritz Leuenberger. Das Ergebnis zeige, dass konsensuale Lösungen in der UNO möglich seien. Der multilaterale Weg sei die einzige Möglichkeit, globale Probleme zu lösen. Der deutsche Umweltminister Norbert Röttgen sieht seinerseits eine "überfällige Trendwende", um den "anhaltenden Raubbau an der Natur zu stoppen". Die Staatengemeinschaft verfüge damit über ein wirksames Instrument zur Verhinderung von Biopiraterie.
Frankreichs Umweltstaatssekretärin Chantal Jouanno sagte, die internationale Gemeinschaft habe gezeigt, "dass sie funktionieren und schwierige Entscheidungen treffen kann". Das Protokoll von Nagoya sei "das Kyoto-Protokoll der Biodiversität", sagte sie in Anspielung auf das Klimaschutzprotokoll, das 2012 ausläuft. Der UNO-Klimagipfel, der Ende 2009 ein Nachfolgeprotokoll ausarbeiten sollte, war daran gescheitert.
Umweltorganisationen loben das Ergebnis
Umweltverbände haben das beschlossene Maßnahmenpaket zum Erhalt der Natur als "historischen Ergebnis" begrüßt. Der Naturschutzbund (NABU) sprach von einem "Meilenstein im internationalen Naturschutz". "Das ist ein starkes Signal an die Weltgemeinschaft, die Artenvielfalt und damit die eigene Lebensgrundlage zu sichern", sagte der Vorsitzende des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), Hubert Weiger. "Angesichts dieser neuen und innovativen Antwort auf den alarmierenden Verlust an Biodiversität und Ökosystemen ist dies ein Tag zum Feiern", sagte der Leiter des UN-Umweltprogramms UNEP, Achim Steiner.
"Das Nagoya-Protokoll ist ein historisches Ergebnis", sagte der Chef der Umweltorganisation WWF (World Wide Fund For Nature), Jim Leape. Wegen der stockenden Gespräche in den vergangenen Tagen hatten Naturschützer vor einem "zweiten Kopenhagen" gewarnt - dort war der Weltklimagipfel vor knapp einem Jahr gescheitert. "Es haben sich alle positiv bewegt", sagte BUND-Chef Weiger. Als großen Erfolg wertete er auch den geplanten Abbau umweltschädlicher Subventionen bis 2020. "Das bedeutet: Keine Steuergelder mehr für die Zerstörung der biologischen Vielfalt." Dies betreffe zum Beispiel umweltschädliche Agrarsubventionen.
Laut NABU besteht das beschlossene Maßnahmenpaket aus einer ambitionierten Naturschutzstrategie für 2020, einer Einigung auf einen Vertrag gegen Biopiraterie und einem Plan zur Bereitstellung von Finanzen für Entwicklungsländer. Der Rettungsplan müsse sofort umgesetzt werden, sagte NABU-Präsident Olaf Tschimpke.
Massives Artensterben droht
Zum Auftakt des UN-Gipfels hatten Wissenschaftler gewarnt, dass durch die zunehmende Zerstörung der Umwelt eine massive Zunahme des bereits rekordverdächtigen Artensterbens zu erwarten sei, wenn nicht sofort gehandelt werden würde. Durch die Zerstörung der Wälder und die Überfischung der Meere sind bereits jetzt viele Arten verschwunden.
16.000 Arten sind derzeit weltweit vom Aussterben bedroht und drei Millionen Hektar Wald gehen jährlich verloren. Forscher vergleichen die heutige Situation mit dem Aussterben der Dinosaurier von vor 65 Millionen Jahren. So stehen etwa "Berühmtheiten" wie der Sibirische Tiger oder viele Nashornarten wegen der massiven Bejagung und Einschränkung ihres Lebensraumes auf der "Roten Liste" der Weltnaturschutzunion IUCN (siehe Infobox). Doch auch viele Pflanzen- und Fischarten sind vom Aussterben bedroht.











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