Auch Japan warnt
"Reisealarme" können Wirtschaft in Europa schaden
Wie die USA und Großbritannien hat Japan seine Bürger am Montag nicht mit einer offiziellen Reisewarnung konfrontiert, sondern bei Reisen nach Europa lediglich zu erhöhter Vorsicht gemahnt. Das Außenministerium in Tokio befürchtet "mögliche terroristische Anschläge" in Europa. Es rief vor allem in der Nähe möglicher Anschlagsziele - an öffentlichen Gebäuden, Bahnhöfen und Sehenswürdigkeiten - zu größerer Achtsamkeit auf. Aus Japan kommen jährlich Hunderttausende Touristen in Europas Metropolen.
Luxus-Hotel in Berlin, Eiffelturm in Paris als Ziele
Indes beschäftigen sich US-Medien bereits mit angeblichen Anschlagsplänen auf Europa. Der Nachrichtensender FOX News berichtete am Montag über konkrete Ziele, wo Al-Kaida-Terroristen angeblich Attentate mit Schusswaffen nach Vorbild der Massaker in Mumbai 2008 geplant hätten. Damals waren ein Bahnhof, zwei Luxushotels, ein Restaurant und eine Synagoge Ziele der Angriffe, die 166 Menschen das Leben kosteten.
In Deutschland seien das Luxus-Hotel Adlon am Brandenburger Tor, der Fernsehturm am Alexanderplatz und der Hauptbahnhof im Visier. Zu möglichen Zielen der Terrorkommandos zählten außerdem der Eiffelturm und die Kathedrale Notre Dame in Paris. Auch die britische Königsfamilie sei ein Ziel der Terroristen, berichtet FOX.
Der Sender berief sich auf "westliche Geheimdienstquellen", nannte aber keine Details. Unklar blieb vor allem, in welchem Stadium sich die Planungen befinden sollen. Die Geheimdienstinformationen basierten einmal mehr auf Aussagen eines Deutsch-Afghanen, der von US-Militärs in Afghanistan festgehalten wird und um dessen Glaubwürdigkeit Europäer und Amerikaner heftig debattieren.
Wie glaubwürdig sind die Terrorverdächtigen?
Die US-Regierung misst den Aussagen des Deutschen und seiner angeblich neun Komplizen (sieben weitere Deutsch-Afghanen sowie ein britisches Brüderpaar) offenbar mehr Bedeutung zu, als dies die europäischen Behörden tun. Am Sonntag hatten die USA ihre Bürger in einem "Travel Alert", der Vorstufe zu einer offiziellen Reisewarnung ("Travel Warning"), vor möglichen Al-Kaida-Anschlägen in Europa gewarnt. Das Außenministerium rief Reisende zur Wachsamkeit auf, vor allem bei Flügen, Bahnfahrten und in der U-Bahn. Allerdings nannte die Regierung keine einzelnen Länder und riet auch nicht dezidiert von Reisen in europäische Staaten ab. Der "Reisealarm" bleibt aber bis Ende Jänner 2011 gültig.
Wenige Stunden nach den USA erhöhte auch Großbritannien seine Terrorgefahr-Einschätzungen für Deutschland und Frankreich von "allgemein" auf "hoch", sah jedoch von einer offiziellen Reisewarnung ab. Dagegen erklärte das deutsche Innenministerium in Berlin, es gebe weiterhin keine konkreten Hinweise auf unmittelbar bevorstehende Anschläge. Daher sehe man keinen Anlass für eine Veränderung der Gefährdungsbewertung, hieß es am Sonntag.
In Frankreich wurde am Montag indes ein 50 bis 60 Jahre alter Mann in Bezug auf die jüngsten Bombendrohungen gegen das Wahrzeichen der Hauptstadt Paris, den Eiffelturm, verhaftet. Die insgesamt neun Bombendrohungen gegen die Stadt im vergangenen Monat waren jüngst in französischen Medien mit den Al-Kaida-Terrorplänen in Verbindung gebracht worden. Um einen Terroristen dürfte es sich bei dem nun Verhafteten aber nicht handeln. In Frankreich können Bombendrohungen mit bis zu zwei Jahren Haft bestraft werden.
BZÖ beruft Nationalen Sicherheitsrat ein
In Österreich bewerteten die Behörden die Lage ähnlich wie in Deutschland. Seit den Anschlägen von 11. September 2001 gebe es "immer eine latente Bedrohung", hieß es aus dem Innenministerium. Das BZÖ wollte sich am Montag mit dieser Erklärung nicht zufrieden geben und beantragte eine Tagung des Nationalen Sicherheitsrates, die nun in den nächsten 14 Tagen stattfinden muss. Die Orangen wollen dort von der Regierung Auskunft darüber, ob und wie Österreich gegen mögliche Bedrohungen gerüstet ist.
Parteichef Josef Bucher glaubt, dass Terroristen etwa aus Afghanistan oder Pakistan im deutschsprachigen Raum zwischen den einzelnen Staaten nicht so genau unterscheiden, und auch nicht innerhalb der EU. Das Problem sei, dass mit den großen Ländern Frankreich, Großbritannien und Deutschland, gegen die sich die Terrorgefahr richtet, auch andere europäische Staaten "hineingezogen werden". Bucher verwies auf Tschechien, das auch wie Österreich nicht direkt bedroht sei, aber seine Beobachtungstätigkeit dennoch erhöht habe.
Ausfälle bei Tourismus und Geschäftsreisen befürchtet
Aus Diplomatenkreisen hatte es am Wochenende geheißen, die USA hätten ursprünglich eine dezidierte Reisewarnung für ganz Europa ausgeben wollen, was Folgen im wirtschaftlichen Bereich gehabt und etwa beim Flugverkehr massive Sicherheitsverschärfungen mit sich gebracht hätte. Schließlich entschied man sich dann doch für die abgeschwächte Variante des "Travel Alerts". Doch auch der "Reisealarm" könnte ökonomische Folgen haben und den zarten wirtschaftlichen Aufschwung, den die EU gerade erlebt, behindern.
Kevin Mitchell, Vorstand der US-amerikanischen "Business Travel Coalition", meinte gegenüber der Nachrichtenagentur AP, dass der "Reisealarm" auf bereits in Europa befindliche Amerikaner und US-Bürger mit gebuchten Reisen wohl keinen Einfluss haben werde. "Es wird aber jene beeinflussen, die ihre Reisen jetzt erst planen. Viele von ihnen werden abwarten, bis die Situation etwas klarer ist."
George Hubica von der Organisation "Airfarewatchdog" glaubt wiederum, dass der "Travel Alert" keine weitreichenden Folgen haben wird, so lange die Bedrohung unkonkret bleibt. "Natürlich, wenn jemand nach einer Ausrede sucht, um nicht nach Europa reisen zu müssen, wird er sich jetzt darauf berufen. Ich glaube aber nicht, dass die Leute ihre Pläne großartig ändern werden, so lange nicht konkrete Drohungen gegen ein Land und Institutionen existieren."
Der demokratische US-Senator Charles Schumer rief indes US-Reporter dazu auf, die Hinweise des Außenministeriums nicht zu einer Reisewarnung aufzubauschen. "Es heißt 'Seien Sie vorsichtig, wenn Sie nach Europa reisen' und nicht 'Wir raten Ihnen, nicht nach Europa zu fliegen", sagte der New Yorker am Sonntag.
US-Universitäten warnen ihre Austauschstudenten
In Europa halten sich ständig Hunderttausende Amerikaner auf. Neben den größten Gruppen der Touristen und Geschäftsleute gibt es auch eine große Zahl an Studenten, die Hochschulen besuchen oder bei Forschungsprojekten an europäischen Universitäten beteiligt sind. Aus versicherungstechnischen Gründen schicken viele amerikanische Universitäten keine Austauschstudenten in Länder, für die eine offizielle Reisewarnung gilt.
Die Organisation "IES Abroad" verständigte am Sonntag rund 1.500 Teilnehmer ihrer Studienprogramme in Europa sowie die Eltern der Studenten in den USA per E-Mail über den "Travel Alert". Die Studenten sollen touristische Ballungszentren sowie Örtlichkeiten, "die typischerweise von Amerikanern frequentiert werden", meiden. IES-Vorstand Bill Hoye war in einer Stellungnahme gegenüber der AP darauf bedacht, die Bedeutung des E-Mails zu relativieren: "Wir sagen unseren Studenten damit, 'passt auf und beobachtet euer Umfeld'. Es soll heißen: 'Bewegt euch möglichst nicht komplett zugestöpselt mit euren iPods auf öffentlichen Plätzen'."











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