18.07.2020 19:59 |

Ballermann ohne Party?

Corona hat dem Rausch den Krieg erklärt

Es scheint, man kann den Ballermann schließen - doch das Feiern nicht verhindern. Die Playa de Palma versucht sich aktuell an kontrolliertem Spaß. Grölen mit Mundschutz, saufen mit Abstand: Sind das noch Partys?

„So viel hatte ich in meinem ganzen Leben noch nicht zu tun“, sagt Hugo Saenz Martinez. Unzählige Medienanfragen beantwortet der freundliche Mallorquiner zurzeit. Die Regierung hatte, wie berichtet, die großen Discos am Ballermann und in Magaluf geschlossen. Corona könnte der geplanten Umstrukturierung des Tourismus den nötigen Rückenwind geben. „Wir wollen diese asozialen Touristen hier nicht haben“, fand Minister Iago Negueruela deutliche Worte.

Ohne Clubs wird Mallorca zur Familiendestination
Doch es scheint: Man kann den Ballermann schließen - doch das Feiern nicht verhindern. Folgt man den Balnearios von der berühmten Nummer 6 weiter gen 0, kommt man in das Holländer Viertel, wissen Jörg, Volker, Timo und Stefan. „Da geht’s noch immer ab“, sagen sie. „Wobei“, wirft Jörg ein, „gestern gab es eine Razzia der Polizei.“

Die Behörden versuchen zu kontrollieren, was - und darin liegt offenbar der Reiz - durch den Kontrollverlust besticht: den Sauftourismus. „Bleiben die Discos zu, kommen wir nicht mehr“, sagt Volker, „vielleicht mit der Familie - aber sicher nicht mit der Männerrunde.“

Grüppchenbildung und Schlager aus den Boxen
Während die großen Boxen der Clubs still bleiben, dröhnt es aus den kleinen umso lauter. Es ist früher Abend und Mini-Partys bilden sich an der Promenade: Grüppchen aus fünf bis zehn Personen lassen sich aus kleinen Lautsprechern mit Schlagern beschallen. Die Menschen suchen sich die „nackten Friseusen“ auch aus, wenn sie ihr eigener DJ sind. Eine Gruppe Mädchen bricht im Vorbeigehen in kollektives Husten aus - kein Corona, Marihuana.

Und tatsächlich, je weiter man sich vom ausgestorbenen Ballermann entfernt, desto voller werden die Straßen. Das Sprachgewirr verändert sich, als hätte man ein paar Tiroler „Kkks“ in das Hochdeutsch geworfen. Die Café Bar de Zaak ist gut gefüllt. Aus dem Lokal dröhnen Sommerhits. Am Eingang weist ein Kellner auf die Maskenpflicht hin. An den Tischen können sie abgenommen werden, ohne grölt es sich besser - die Aerosole freuen sich. Zumindest sind die Fenster offen.

„Normal sind viermal so viele Menschen hier“
„Normalerweise haben wir viermal so viele Menschen hier“, sagt Jay, der Kellner. Aber er könne sie nicht rein lassen - „gestern hatten wir 25 Polizisten im Haus“. Der Niederländer verbringe den Sommer hier, im Winter hat er im Tiroler Ellmau gearbeitet. Das Virus mache ihm keine Angst: „Dann müsste ich vor allem Angst haben“, sagt er. „So wie die Bar aktuell besucht ist, ist alles erlaubt“, betont Jay.

Die Stimmung im de zaak ist gut, mit den Skandal-Videos vom Ballermann aber nicht vergleichbar. Auch in den anderen Lokalen sitzen ein paar Feierwütige - „abgehen“ tut es aber nicht. „Wir haben die Clubs auch aus präventiven Gründen geschlossen“, sagt Rosana Morillo, Tourismusdirektorin. Das scheint zu wirken. Aus Angst davor, ebenfalls schließen zu müssen, werden die Corona-Regeln eingehalten. Die Wirte der geschlossenen Betriebe prüfen rechtliche Schritte, berichtet die „Deutsche Mallorca Zeitung“, man fühle sich ungerecht behandelt.

Das Tourismusministerium verteidigt die strengen Maßnahmen. Man wolle die Saison retten - und die Sauftouristen loswerden. 16,6 Millionen Touristen kamen 2018 auf die Balearen. In der Saison 2020 rechne man mit 30 bis 40 Prozent davon, sagt Rosana Morillo.

Gegen 2 Uhr nachts hat sich die Musik aus den kleinen Lautsprechern doch verändert: Statt Schlagern dröhnt Deutschrap über den Strand. Jörg, Volker, Timo und Stefan stehen mit einer Handvoll weiterer Feiernder an der Promenade. Atemlos durch die Nacht.

Anna Haselwanter, Kronen Zeitung

 krone.at
krone.at
Kommentare

Liebe Leserin, lieber Leser,

die Kommentarfunktion steht Ihnen ab 6 Uhr wieder wie gewohnt zur Verfügung.

Mit freundlichen Grüßen
das krone.at-Team

User-Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Betreibers/der Redaktion bzw. von Krone Multimedia (KMM) wieder. In diesem Sinne distanziert sich die Redaktion/der Betreiber von den Inhalten in diesem Diskussionsforum. KMM behält sich insbesondere vor, gegen geltendes Recht verstoßende, den guten Sitten oder der Netiquette widersprechende bzw. dem Ansehen von KMM zuwiderlaufende Beiträge zu löschen, diesbezüglichen Schadenersatz gegenüber dem betreffenden User geltend zu machen, die Nutzer-Daten zu Zwecken der Rechtsverfolgung zu verwenden und strafrechtlich relevante Beiträge zur Anzeige zu bringen (siehe auch AGB).

Ihre Cookies sind deaktiviert. Die Seite wird daher möglicherweise nicht korrekt angezeigt.