20.04.2020 16:17 |

5 Aufdecker vermisst

China lässt unliebsame Whistleblower verschwinden

Wer in der Volksrepublik China Kritik an der Regierung übt, hat kein leichtes Leben. Die Coronavirus-Pandemie, die ihren Ursprung im Reich der Mitte hat, dürfte diese Situation noch verschlimmert haben. Von fünf bekannten Aufdeckern, die über die verheerenden Zustände in ihrem Land berichtet hatten, fehlt bereits jede Spur. Diese schonungslosen Kritiker sollen verhaftet oder in Zwangsquarantäne gesteckt worden sein, um sie mundtot zu machen.

In China sollen bereits mehr als 5100 Menschen verhaftet worden sein, weil sie in den ersten Wochen des Ausbruchs Informationen über die neuartige Krankheit verbreitet hatten, berichtete die britische Zeitung „The Sun“ am Sonntag. Wer dort Kritik übt, laufe Gefahr, von der Regierung für krank erklärt und isoliert zu werden, heißt es im Bericht. Dem Schicksal von fünf berühmten Kritikern, die unter fragwürdigen Umständen von der Bildfläche verschwanden, wird von der internationalen Presse dabei besonders viel Beachtung geschenkt.

Immobilienmogul bezeichnete Präsident als machthungrigen „Clown“
Auch Mitglieder der Kommunistischen Partei sind vor einer Verfolgung nicht sicher, wenn sie sich gegen die Regierung stellen. Unter den verschwundenen Kritikern befindet sich der wohlhabende Immobilientycoon Ren Zhiqiang. Er hatte den chinesischen Präsidenten Xi Jinping in Bezug auf seine Maßnahmen nach dem Ausbruch des Coronavirus als machthungrigen „Clown“ bezeichnet. Die stark eingeschränkte Redefreiheit habe die Pandemie verschlimmert und Ren erklärte, die Partei müsse, „aus der Ignoranz aufwachen“, berichtete die „New York Times“. Seit Mitte März ist der 69-Jährige wie vom Erdboden verschluckt, schlugen sein Sohn und sein Assistent Alarm. Die Menschenrechtsorganisation UN Watch verurteilte die Ermittlung gegen den Unternehmer wegen angeblicher „schwerer Verletzungen der Disziplin und des Gesetzes“.

Video-Blogger in letztem Clip: „Ich habe Angst“
Noch viel länger gilt der Journalist und Menschenrechtsanwalt Chen Qiushi als vermisst, er verschwand Anfang Februar. Zuvor war der Video-Blogger in die Metropole Wuhan, die als Zentrum der Pandemie gilt, gereist, und hatte detailreich über die Zustände vor Ort berichtet. Kurz bevor sich seine Spur verlor, veröffentlichte er noch einen Clip, in dem er unter Tränen berichtete, dass er und seine Familie von der Regierung unter Druck gesetzt würden. „Ich habe Angst. Da ist ein Virus vor mir und hinter mir ist die Macht des chinesischen Justizvollzugs“, so Chen. Seine Familie glaubt, dass er zwangsweise in Quarantäne gesteckt wurde, um ihn ruhig zu stellen.

Erst wurde Laptop, dann dessen Besitzer aus Verkehr gezogen
Wenige Tage nach dem Verschwinden von Qiushi wurde der Kleiderverkäufer Fang Bin verhaftet. Der Mann aus Wuhan hatte ebenfalls Videos von leeren Straßen und überfüllten Spitälern in der Metropole geteilt. Er berichtete weiters, dass Beamte seinen Laptop konfisziert und ihn befragt hätten. Am 8. Februar verschwand er. Die Organisation „Reporter ohne Grenzen“ vermutet, dass er sich ebenfalls „in den Fängen der chinesischen Behörden“ befinde.

Reporter nach wilder Verfolgungsjagd verhaftet
Der 25-jährige Reporter Li Zehua löste sich scheinbar in Luft auf, nachdem er das Wuhan Institut für Virologie besucht hatte. Das Labor wurde verdächtigt, den Erreger versehentlich verbreitet zu haben. Kurz vor seiner Verhaftung wurde er mit hoher Geschwindigkeit von einem unbekannten Wagen verfolgt - er streamte die wilde Fahrt live im Internet. Er vermutete, dass es sich bei einem Verfolger um einen Geheimdienstmitarbeiter handelte. „Sie wollen mich sicher in Quarantäne stecken“, so Li in dem Video.

Rechtsprofessor prangerte humanitäre Katastrophen an
Ein weiterer chinesischer Whistleblower, der offenbar mundtot gemacht wurde, ist der Rechtswissenschaftler Xu Zhangrun. Er veröffentlichte im Februar einen Bericht, in dem er die Situation in der Volksrepublik anprangerte. „Hinter verriegelten Straßen und Türen ereignen sich humanitäre Katastrophen, die an mittelalterliche Zustände erinnern“, so der Universitätsprofessor.

Professor: „Dies könnte mein letzter Text sein"
„Der Grund liegt darin, dass die Staatsgewalt auf allen Ebenen erst die Redefreiheit beschneidet, Tatsachen verheimlicht und die Bevölkerung betrügt, anschließend die Verantwortung abschiebt und die Verdienste anderer für sich in Anspruch nimmt“, rechnete er mit der Regierung ab. „Ich fürchte, dass auf diesen Aufsatz eine neue Abrechnung folgt - dies könnte mein letzter Text sein“, schrieb Xu darin. Damit hatte er leider Recht - weniger später wurde er in Hausarrest verfrachtet und von sozialen Medien und Internet abgeschnitten.

Miriam Krammer
Miriam Krammer
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