05.04.2020 06:00 |

Das große Interview

Wie lange halten wir das durch, Herr Kogler?

Der zweitoberste Krisenmanager der Republik, Vizekanzler Werner Kogler, spricht mit Conny Bischofberger über „wilde Einschläge“, Nächte in der Corona-Kommandozentrale, Lehren aus der tödlichen Bedrohung und den Lichtstreifen am Horizont.

Es ist später Freitagabend, am Ballhausplatz muss sich jeder Besucher die Hände desinfizieren, danach misst ein Sicherheitsbeamter Fieber. Kurz vor 19.30 Uhr trifft Werner Kogler ein, er kommt direkt aus dem Parlament, wo sich Regierung und Opposition erstmals mit Gesichtsmasken präsentiert haben.

Mit einer bewusst ungelenk dargebotenen Verbeugung als Begrüßung erinnert er ein wenig an den Prinzen im „Schwanensee“. „Das ist also Zimmer 104“, erklärt er und lässt uns einen Blick in sein neues Büro werfen - nicht mehr bei der grünen Umweltministerin im dritten Bezirk, sondern Zimmer an Zimmer mit dem Corona-Krisenstab im Bundeskanzleramt. Fürs Interview ist es allerdings zu klein.

Kogler schreitet mit uns durch die Gänge und atmet die desinfektionsgetränkte Luft ein. In einem Sitzungszimmer mit Feuerstelle und Kristallluster üben wir Maske aufsetzen vor einem goldenen Spiegel. Sein Nasen-Mund-Schutz hat vier lange Schnüre, die sich der Grünen-Chef hochkonzentriert am Hinterkopf zusammenbindet.

Mit einem Sicherheitsabstand von 1,5 Metern und Cola light („Das ist mein neues Getränk“) lässt „der Mensch im Maschinenraum“ (Eigendefinition) die größte Krise seit dem Zweiten Weltkrieg Revue passieren und wirft erste Blicke in eine ungewisse Zukunft.

„Krone“: Wie fühlen Sie sich, Herr Vizekanzler? Haben Sie auch schon leichte Anzeichen von Lagerkoller?
Werner Kogler: Nein, es geht mir sehr gut. Manchmal bin ich müde, das ist alles.

Sie müssen ja auch nicht zu Hause sitzen, wie es von 8,8 Millionen Bürgerinnen und Bürgern verlangt wird …
Na ja … In gewisser Weise kann man das Bundeskanzleramt durchaus als Quarantäne-Station bezeichnen. Wir sind dauernd da, gehen nur für ein paar Stunden heim zum Schlafen. Wenn es jemanden aus dem engsten Regierungskreis oder von den Mitarbeitern und Beratern rundherum erwischen sollte, würden wir hier alle gemeinsam in Quarantäne gehen.

Betten oder Schlafsäcke?
Ich weiß es nicht, aber das ist wirklich meine geringste Sorge. Ich schlafe notfalls auch am Boden.

Wenn man Ihnen im Jänner gesagt hätte, das Land ist lahmgelegt, es gibt 562.522 Arbeitslose und alle Leute tragen Gesichtsmasken, was hätten Sie sich gedacht?
Hätte ich diese Person überhaupt ernst genommen? Jedenfalls hätte ich es nicht geglaubt. Obwohl man bereits im Jänner gesehen hat, dass Wuhan vom Coronavirus schwer betroffen ist. Aber wie bei SARS und MERS - man hat das ja schon alles vergessen und verdrängt - dachte auch ich mir, dass eine derart rasche globale Verbreitung nicht möglich sein kann. Die rasante exponentielle Ausbreitung ist für das menschliche Gehirn im Grunde offenbar gar nicht erfassbar. Ich habe deshalb das Wort „exponentiell“ in „explosiv“ übersetzt, weil es viele Menschen sonst nicht verstehen. Dann ist das Virus plötzlich in Norditalien angekommen. Hätten wir nichts gemacht, hätten wir jetzt schon die Belastungsgrenze unseres Gesundheitssystems überschritten.

Corona ist eine schwere Prüfung für alle in diesem Land. Wie lange halten wir das noch durch?
Ich weiß nicht, ob durchhalten der richtige Begriff ist. Bis jetzt macht die Bevölkerung mit, und unser Dank gilt all jenen, die sich an die Maßnahmen und Empfehlungen halten. Wenn sich das Virus dadurch langsamer verbreitet, hilft letztlich jeder nicht nur den anderen, sondern auch sich selbst. Es war und ist ein Wettlauf mit der Zeit. Und er wird so lange dauern, bis die Ausbreitungsgeschwindigkeit radikal reduziert ist.

Haben Sie nicht die Sorge, dass die Stimmung irgendwann kippen könnte?
Nein, das habe ich nicht. Aus zwei Gründen: Erstens weil es bei uns trotz schmerzvoller Einschränkungen auch ausdrücklich gewisse Freiheiten gibt. Zweitens weil wir uns doch sehr bemühen, um Verständnis für diese Einschränkungen zu werben. Je mehr Fortschritte wir gemeinsam erzielen, je erfolgreicher unsere Maßnahmen sind, desto früher wird es wieder Lockerungen geben können. Das ist kein leichter Prozess.

Glauben Sie, die derzeitige Solidarität wird anhalten?
Der Begriff war ja schon fast aus der Mode gekommen. Jetzt ist er zurückgekehrt, wir erleben durch Corona viel Zusammenhalt und Gemeinschaft, auch eine Renaissance der Sozialpartnerschaft. So ist etwa unser Kurzarbeitsmodell das herzeigbarste in Europa. Das kostet viel, aber es ist sehr ausgeklügelt und wir haben jetzt sogar die Tendenz, dass Firmen, die ihre Leute in die Arbeitslose geschickt haben, sie wieder in die Kurzarbeit zurückholen.

Der Bundeskanzler meinte, wir müssten noch über den Berg, der Gesundheitsminister sah auf dem „Marathon“ schon „Licht am Ende des Tunnels“. Mit welchem Bild würden Sie beschreiben, wo wir uns grade befinden?
Ein einziges Bild ist schwierig, ich denke an eine Bildsequenz. Dunkle Wolken am Horizont, die sich gräulich-violett verfärben. Später reißen die Wolken am Horizont auf, es werden Lichtstreifen erkennbar und irgendwann brechen die Sonnenstrahlen durch. Wie weit die Entfernung vom Betrachter bis zum Horizont ist, wie viele Nebelfelder noch dazwischenliegen, wissen wir nicht. Aber wir wissen, dass nach den Wolken die Sonne kommt, dass es - wie der Bundespräsident gesagt hat - irgendwann vorbei sein wird. Ich habe überhaupt keinen Zweifel daran, dass Österreich mit seinem gesellschaftlichen Leben und wirtschaftlichen Erfolg am Ende wieder großartig auferstehen wird. Das ist bewältigbar, aber es wird schrittweise passieren.

War der Satz von Sebastian Kurz, dass bald jeder jemanden kennen werde, der an Corona gestorben ist, zu hart?
Wir wollen keine Angst schüren, aber, in oft unterschiedlicher Tonalität, durchaus Besorgtheit signalisieren. Wir sind mittlerweile ein eingespieltes Team, ohne dass wir uns groß absprechen. Manchmal formuliert er ein bisschen härter, dann wieder ich. Es braucht beides, aber vor allem braucht es auch Hoffnung. Es gibt nicht nur die Finsternis, es gibt auch das Licht.

Und die Toten.
Ich habe diese drastischen Bilder aus Italien bewusst beschrieben, weil sie wahr sind. In Italien weinen Ärzte, weil sie jeden Tag entscheiden müssen, welche ihrer Patienten sie noch beatmen sollen. In Bergamo stapeln sich die Särge in den Kirchen und nach einer Schnellsegnung fährt das Militär sie in den Süden, weil es auf den Friedhöfen und in den Einäscherungshallen keinen Platz mehr gibt. Insofern ist es mir lieber, wir machen im Zweifel eine Spur zu viel als zu wenig. Auch wir können nicht alle Menschenleben retten, aber viel mehr als Italien oder Spanien, wenn wir weitere Maßnahmen setzen und einhalten und dadurch unsere Intensivmedizin nicht kollabieren lassen. Deshalb: Abstand halten, durchhalten, zusammenhalten!

Menschenleben sind das eine, die wirtschaftlichen Folgen das andere. Wie denkt der Ökonom Kogler über die Krise?
Eine typische Volkswirtschaftlerantwort wäre: einerseits und andererseits, on the one hand, on the other hand … Einer meiner Professoren hat gescherzt, man würde gerne einmal einen einarmigen Ökonomen treffen. Also einerseits haben wir natürlich die größte Krise seit dem Zweiten Weltkrieg, die Auswirkungen werden dramatischer sein als nach der Finanzkrise 2008. Das sind wilde Einschläge, sie werden tiefe Spuren hinterlassen. Andererseits werden Kurzarbeit, Hilfspakete für Kredite, Garantien und Zuschüsse und anderes mehr das gut ausgleichen. Das können wir stemmen. Insgesamt darf der „Blutkreislauf“, also die Liquidität, nicht zum Stillstand kommen, das Geld muss im Kreislauf bleiben. Das ist eigentlich auch ein Grundzug grüner Wirtschaftspolitik. Hilfst du dem Einzelnen, dann hilfst du dem Ganzen. Das neoliberale Wirtschaftsmodell hingegen hat uns jahrelang gepredigt, wenn jeder auf sich selber schaue, dann sei schon auf alle geschaut. In so einer Krise sieht man, was für ein katastrophaler Unsinn das ist!

Wie geht es Ihnen jetzt als Hardliner, der Restriktionen, Ausgangsbeschränkungen und Datenweitergabe mittragen muss? Opfern wir zu viel Freiheit?
Ich setze auf die demokratische Widerstandsfähigkeit der Gesellschaft und wir binden ja im Gegensatz zu anderen Ländern wie etwa Ungarn das Parlament ein. Und ich denke, dass das Bewusstsein einer relevanten Mehrheit in diesem Land stark genug ist, dass es auch bei Grundwerten um eine Abwägung geht. Denn wir können vor lauter Freiheitsliebe eben nicht über 100.000 Tote in Kauf nehmen.

Haben Sie die Corona-App des Roten Kreuzes schon heruntergeladen?
Noch nicht, aber ich habe es mir vorgenommen.

Keine Bedenken?
Wichtig ist die Freiwilligkeit. Bedenklich wäre eine Missbrauchsanfälligkeit, wodurch Daten gehackt und weitergegeben würden. Das ist bei dieser App nicht der Fall. Da sagen sich im Prinzip die Handys „Grüß Gott“ und speichern ab, mit wem man sich wie lange getroffen hat. Im Falle der Infektion sind das wertvolle Hinweise. Deswegen ist ja noch nicht der Überwachungsstaat ausgebrochen!

Sie haben Ihre Rolle im Corona-Krisenmanagement als „Mann im Maschinenraum“ beschrieben. Wie muss man sich das vorstellen?
Ich drehe hier viele kleine und mittlere Rädchen, damit die Regierung insgesamt ein ganz großes Rad drehen kann. Ich war schon vor Corona für die Regierungs-Koordinierung zuständig, und auch jetzt geht es darum, die Maßnahmen mit den vielen Ressorts abzustimmen, das muss alles zusammenpassen. Wir arbeiten etwa Tag und Nacht an Richtlinien und Auflagen für die diversen Fonds, die ersten 100 Millionen an Hilfsgeldern wurden ja schon ausbezahlt. Die Zusammenarbeit mit dem Finanzminister funktioniert hervorragend. „Bitteschön, wenn es Kritik oder Verbesserungsvorschläge gibt, dann arbeiten wir das auch ein“, hat Blümel beispielsweise gemeint.

Hand aufs Herz: Hätten Sie sich je vorstellen können, dass Mitregieren so anstrengen ist?
Anstrengend ist das Leben öfter und 18-Stunden-Tage gab es früher auch. Aber ich hätte nie gedacht, dass wir einmal mit einer so fundamentalen, existenziellen Krise konfrontiert sein würden.

Sind Sie dankbar, dass Sie in dieser Phase in der Regierung sind?
Ich lese sehr oft, dass Menschen dankbar sind, dass wir Grünen jetzt in der Regierung sind und nicht die FPÖ. Ich habe aber gar keine Zeit, darüber nachzudenken. Weil im Moment ganz viel Wichtiges ganz schnell passieren muss, da ist für alles andere wenig Platz.

Denken Sie auch wie viele: Mich kann Corona eh nicht treffen …?
Nein, das denke ich nicht. Aber ich habe auch dafür keine Zeit und Energie, mich damit gedanklich zu befassen. Diejenigen, die gewählt sind, Verantwortung zu übernehmen, können sich damit nicht aufhalten und belasten. Wir müssen dieser unserer Verantwortung nachkommen. Uns informieren, beraten, abwägen, entscheiden und alles wieder von vorn …

Es gibt ja den Witz: Wie lange bist du schon in Quarantäne? 10 Kilo! Wie ist das bei Ihnen?
Umgekehrt. Erstens trinke ich in der Fastenzeit kein Bier, da nimmt man automatisch ab. Zweitens ist mein Tagesablauf so verrückt, dass ich gar nicht zum Essen komme, höchstens eine Semmel zwischendurch. Ich habe mich jetzt ein paarmal dabei ertappt, dass ich um eins in der Früh Pasta gekocht und mir dazu mit Gemüse irgendein Sugo zusammengeröstet habe.

Kennen Sie einen besseren Corona-Witz?
Ich glaube, da ist die Grenze zur Pietätlosigkeit schnell übersprungen, deshalb unterlasse ich das lieber. (Lacht.)

Regt sich bei Ihnen eigentlich ein innerer Widerstand, wenn Sie den Mund-Nasen-Schutz aufsetzen müssen?
Ein zarter vielleicht, es ist sicher gewöhnungsbedürftig. Bei über 30 Grad im Freien stelle ich mir das - Stichwort Klimakrise - nicht sehr angenehm vor. Aber wenn man in seinen Jugendjahren Motorrad gefahren ist, dann erinnert es ein bisschen an das Halstuch, das wir uns über Nase und Mund gebunden haben, um uns durch den Fahrtwind nicht zu verkühlen. Und da die Gesichtsmaske dazu dient, dass andere nicht so leicht angesteckt werden, sollten wir uns dran gewöhnen.

Könnten Sie sich auch eine selbstgenähte Maske vorstellen mit Giraffen drauf oder Blumen?
Ich bin ja nicht der Geschickteste, auch nicht beim Nähen. Also werde ich mich eher für die Tuchvariante entscheiden.

Herr Kogler, was wird im März 2021 sein? Werden wir aus der Krise gelernt haben?
Das kann ich nur hoffen. Wenn die völlig durchgeknallte Turbo-Globalisierung jetzt nicht heftig durchgerüttelt wird, dann ist der Menschheit wirklich nicht mehr zu helfen. Dass sich ganze Kontinente von der Produktion medizinischer Güter befreit haben, ist ein Irrsinn, da sollten mindestens ein, zwei Generationen gelernt haben, dass sich da was ändern muss.

Werden wir rücksichtsvoller sein, wenn wir durch diese schwere Zeit gegangen sind?
Ich glaube ja. Meine Hoffnung ist es auch, dass wir nach Corona rasch in die modernsten Güter und Technologien investieren werden, das hat Gott sei Dank sehr viel mit Umweltschutz zu tun. Und dass der ehrliche Respekt für die wirklichen Leistungsträgerinnen unserer Gesellschaft - Supermarktkassierinnen, Alten- und Krankenpflegerinnen und viele mehr - auch in Zukunft anhält. Was täten wir denn ohne diese Pflegerinnen, denen wir vor Kurzem noch das Familieneinkommen gekürzt haben, das nur nebenbei. Da müssen wir in Zukunft nachbessern, aber das erledigt ohnehin der Europäische Gerichtshof für uns.

Vom Grünen-Chef zum Vizekanzler
Geboren am 20. November 1961 in Hartberg. Studium der Volkswirtschaft und Rechtswissenschaften. Politisch aktiv seit den 80er-Jahren, ab 1994 im grünen Parlamentsklub. 2017 wird der Steirer Bundessprecher der Grünen, im Jänner 2020 Vizekanzler und Bundesminister für Kunst und Kultur, öffentlichen Dienst und Sport der neuen türkis-grünen Regierung. Privat lebt er seit 2012 mit Sabine Jungwirth, Bundessprecherin der Grünen Wirtschaft, zusammen.

Conny Bischofberger, Kronen Zeitung

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