31.03.2020 21:00 |

Lost in Isolation

Und täglich grüßt das Quarantäne-Murmeltier

Ich habe eine Freundin, Patricia. Patricia hat (mich) schon vor dem Coronavirus gewarnt, da war „die Sache“ noch weit weg, „nur in China“. 

Da hat Patricia schon befürchtet, dass es auch bei uns zu einer großen Sache werden wird. Sie überredete eine befreundete chinesische Familie, mit ihnen in diesem Jahr in den Semesterferien Ski zu fahren, anstatt zum chinesischen Neujahrsfest zur Oma nach Wuhan zu fliegen. „Wann sperren die endlich die Schulen?“, schrieb sie mir, da war das Virus zwar schon näher - in Italien begannen die Zahlen der Infizierten in die Höhe zu schnellen -, aber es gab in Österreich noch kein allgemeines Bewusstsein für die Wichtigkeit dieses noch vor wenigen Wochen unvorstellbaren Schrittes.

Dass die Maßnahmen der Regierung nicht bei den Schulschließungen endeten, sondern gesperrte Gegenden umfassten, Ausgangsbeschränkungen für alle Österreicher zur Folge hatten, man jetzt nur noch mit Schutzmasken einkaufen gehen darf - dass es so ernst werden würde, hätte selbst Patricia sich nicht gedacht. Seit fast drei Wochen ist nun auch ihr Leben und das ihrer Familie völlig auf den Kopf gestellt - oder wie sie es ausdrückt: „Ich erlebe grad mein ganz persönliches ,Und täglich grüßt das Murmeltier‘ …“

Sie hat mir einen Text dazu geschrieben, den ich Ihnen nicht vorenthalten möchte:

Wer kennt den 1993 erschienenen Film mit Bill Murray als Hauptdarsteller nicht? Täglich wird der misanthropische Wettermann Phil Conners von der gleichen Musik geweckt und erlebt den am 2. Februar stattfindenden Murmeltiertag immer wieder. Diese Semesterferien war es dann endlich so weit. Wir wollten unsere drei Kinder im Alter von 12, 10 und 6 Jahren mit diesem Film beglücken. Ein Klassiker, den man gesehen haben muss, war unsere Begründung. Keiner von uns ahnte, dass wir schon in sehr naher Zukunft unsere eigenen Murmeltiertage erleben würden.

Die zweite Märzwoche sollte schlagartig unser aller Leben verändern: keine Schule, keine Arbeit am ursprünglichen Arbeitsplatz, kein Fußballverein, keine Kirche, kein Kirchenchor, keine Pfadfinder, keine Selbstverteidigungskurse und kein Basketball mehr. Nichts mehr. Verständlicherweise. Das war der Beginn unserer Murmeltiertage.

Tag eins und alle folgenden identen Tage verlaufen für mich als Mutter dreier Kinder wie folgt:

Ich werde nicht wie Phil Conners jeden Tag mit Musik geweckt, sondern von allen Kindern, die - so man ihren Worten Glauben schenken darf - fast vor Hunger vergehen. Ich bin also wach, so richtig wach, und schleppe mich in die Küche, um die Grundversorgung mit Nahrung zu sichern. Phil ist übrigens jetzt schon beim Buffet. Warum beschwert er sich eigentlich andauernd? Die erste Aufgabe habe ich geschafft, aber die Challenge geht ja weiter. Challenge. Meine Gedanken schweifen.

Die Jugend liebt ja Challenges. Diverse Influencer machen es vor. Da gibt es die Ich-bleibe-24-Stunden-in-der-Badewanne-(ohne Wasser natürlich)-Challenge oder die Ich-verbringe-48-Stunden-in-meinem-Bett-Challenge. Meine Zwölfjährige hat so einige ausprobiert. Ich frage mich gerade, ob ich die behördlich auferlegte Quarantäne in die „720-Stunden-Challenge“ umbenennen soll. Das klingt irgendwie besser als Quarantäne und lässt sich auf jeden Fall besser verkaufen. Es hört sich mehr nach selbstgewählter Herausforderung an. Abrupt werde ich in meinen Gedankengängen unterbrochen. Die jüngeren Kinder streiten sich. Der Grund ist mir entgangen.

Der Murmeltiertag geht also in die nächste Runde. Home-Schooling ist angesagt. Was bin ich froh, dass ich noch einmal die Gelegenheit habe, Gleichungen zu lösen und zweistellige Divisionen zu üben - NOT! Die Große beschäftigt sich in Biologie gerade mit Bakterien und versteht die Welt nicht mehr: Sollten wir nicht besser etwas über Viren lernen? Das wäre doch angebrachter! Genervt antworte ich, dass das eben der Lehrplan sei. Mein jugendliches Kind weist mich dezent darauf hin, dass die Bakterien ein neues Stoffgebiet seien und nichts, was sie in der Schule schon durchgenommen hätten. Der Stoff sollte doch nur wiederholt werden, nichts Neues, so habe es der Herr Unterrichtsminister gesagt. „Du bist zu gut informiert, mein Kind, und konsumierst zu viele Medien“, denke ich mir insgeheim, laut schreie ich: „Mach es einfach!“

Phil Conners ist mittlerweile beim süßen Murmeltier angelangt, das einen langen Winter vorhersieht. Schnellstmöglich will er nun die Kleinstadt verlassen. Ich will auch hier weg! Doch das geht ja nicht, fällt mir gerade ein. Es tröstet mich, dass Mr. Conners ja auch nicht wegfahren kann. Ein Schneesturm hindert ihn an der Abreise. Mich hindert das Epidemiegesetz. Höhere Gewalt bei Phil und mir, wir sind beide machtlos.

Mittlerweile sind alle hungrig. Ich versuche ein Essen aus unseren Vorräten zu zaubern. Ich will nicht mehr einkaufen gehen. Ich habe mittlerweile einen Ehrgeiz entwickelt, so selten wie möglich das Haus zu verlassen. Wenn ich etwas mache, dann richtig. Phil geht es genauso, er lernt gerade Klavier.

Ich bin also in einer Endlosschleife gefangen. Jeder Tag erscheint mir gleich. Im Film endet die Zeitschleife erst, als der Hauptdarsteller gelernt hat, um was es im Leben wirklich geht. Ich frage mich, wann unsere Murmeltiertage enden. Und: Was könnten wir aus der Krise lernen?

Auch mich berühren die Bilder aus Italien, Frankreich und Spanien, der Zusammenhalt im eigenen Land, die nie da gewesenen Herausforderungen. An mir selber erkenne ich eine Veränderung im Umgang mit Lebensmitteln. Ich werfe nichts mehr weg. Achte peinlich genau darauf, dass mir kein Lebensmittel verdirbt. Meine Kinder lernen zu verzichten. Mir waren in ihrer Erziehung viele Werte wichtig, aber ganz sicher nicht, dass sie verzichten lernen.

Mein Mann verbringt mehr Zeit zu Hause mit den Kindern und hat viele schöne und berührende Momente mit ihnen. Vielleicht können wir alle auch etwas in die Zukunft hinüberretten, wenn diese Tage enden, bei all der Mühe und der Trauer und der Ungewissheit.

Phil hat im Film ein glückliches, erfülltes Leben mit Rita vor sich. Und vielleicht sind auch wir dann genau da, wo wir sein sollten. Und vor uns ein glückliches, erfülltes Leben.

Lost in isolation: Der Großteil unserer Redaktion befindet sich derzeit zu Hause und muss sich - wie alle im Land - in einem völlig neuen Alltag zurechtfinden. Die Herausforderung, Job, Familie und Privatleben unter einen Hut zu bringen, hat eine neue Dimension erreicht. Unsere Erfahrungen und Gedanken zu dieser neuen Realität wollen wir unseren Lesern nicht vorenthalten: krone.at lost in isolation. Alle Artikel unserer Serie finden Sie hier!

Heike Reinthaller-Rindler
Heike Reinthaller-Rindler
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