23.03.2020 09:00 |

Hilfe in der Krise

Kubas wichtigster Exportschlager: Mediziner!

Kubas größte Exportschlager sind nicht etwa Rum oder Zigarren, sondern etwas, was in der Corona-Krise umso mehr zur Geltung kommt: Ärzte und Pfleger. Deren Entsendung ins Ausland ist die wichtigste Einnahmequelle des Karibikstaates - im Jahr 2018 kamen so rund 6,4 Milliarden US-Dollar (etwa 5,9 Milliarden Euro) zusammen. Doch das führt nicht etwa zu einem Ärztemangel auf der Insel: Kuba hat mit Abstand die höchste Ärztedichte weltweit. Auf 1000 Einwohner kommen dort im Schnitt 8,19 Ärzte. Zum Vergleich: In Österreich liegt diese Quote nur bei 5,14 - und das ist im internationalen Ranking sogar noch Platz fünf.

Seit dem Wochenende sind 52 kubanische Mediziner in der Lombardei, um dem am schlimmsten von der Coronavirus-Pandemie betroffenen Land Italien zu helfen. Auch andere Länder, etwa Jamaika, haben in der Corona-Krise um die Entsendung kubanischen Medizinpersonals gebeten.

Kubanische Ärzte und Pfleger arbeiten derzeit im Auftrag ihrer Regierung in gut 60 Ländern, wo sie teils dringend benötigte Beiträge zur Gesundheitsversorgung leisten. Sie sind für den sozialistischen Staat auch ein Mittel der Diplomatie. Großes Lob gab es international für ihren Einsatz 2014 im Kampf gegen Ebola in Afrika. Doch im Zuge politischer Veränderungen in Lateinamerika und unter Druck der USA sowie angesichts des Vorwurfs von Menschenrechtsverletzungen sind die Ärzte in manchen Ländern nicht mehr willkommen. Das drückt auf die Geldbörse der Regierung in Havanna.

Entsendung der Ärzte bringt Millionen
Es gebe zwar keine offiziellen Zahlen, sagt der Wirtschaftswissenschaftler Ricardo Torres von der Universität Havanna, es sei aber unbestreitbar, dass das Ende der Einsätze der Ärzte in manchen Ländern zu einer schweren Devisenknappheit in Kuba beitrage. Am schwersten wiegt der Fall Brasilien, der laut Torres einen Verlust von 250 bis 400 Millionen Dollar (bis zu 365 Millionen Euro) bedeutete.

Ende 2018 zog Kuba seine rund 8300 Ärzte und Pfleger aus dem südamerikanischen Land ab. Nach dem Wahlsieg des rechten heutigen Präsidenten Jair Bolsonaro dort war es zum Streit gekommen. Bolsonaro warf Kuba vor, mit den Ärzten auch Spione geschickt zu haben. Auch aus anderen Ländern der Region - El Salvador, Ecuador und zuletzt Bolivien - kehrten kubanische Mediziner zurück, nachdem dort US-freundlichere Regierungen an die Macht kamen.

UN-Kritik an Arbeitsbedingungen
Im vergangenen November zeigten sich die UN-Sonderberichterstatter für gegenwärtige Formen der Sklaverei sowie für Menschenhandel in einem Brief an die Regierung in Havanna besorgt über die Arbeitsbedingungen der Mediziner. Diese könnten der Zwangsarbeit gleichkommen, hieß es.

Zudem erhöhen die USA nach einer Zeit der Entspannung unter dem früheren Präsidenten Barack Obama unter dessen Nachfolger Donald Trump wieder den Druck auf den Erzfeind Kuba. „Castro schickt 50.000-plus kubanische Mediziner als Cashcow des Regimes ins Ausland, nimmt mindestens 75 Prozent der Gehälter der Ärzte und benutzt sie, um verbündete Regimes an der Macht zu halten“, twitterte im Dezember Michael Kozak, der im US-Außenministerium für die westliche Hemisphäre zuständig ist.

„Das ist eine kriminelle, beschämende und unwürdige Haltung“, sagt der Chef der kubanischen Behörde, die für die Entsendung der Ärzte zuständig ist, Jorge Delgado Bustillo, der Deutschen Presse-Agentur. „Unsere Ärzte bieten nur Gesundheitsleistungen.“

Mehr als 400.000 Ärzte seit 1963 verschickt
Seit 1963, vier Jahre nach der Revolution von Fidel Castro, schickte Kuba nach offiziellen Angaben insgesamt mehr als 400.000 Ärzte im Namen der internationalen Kooperation in 164 Länder. Manche der Aufnahmeländer zahlen für die Dienste, in anderen Fällen - derzeit in 22 Ländern - kommt Kuba für die Kosten auf.

Für die Mediziner selbst ist es auch eine Möglichkeit, etwas zum mageren kubanischen Gehalt von 50 US-Dollar (rund 47 Euro) im Monat dazuzuverdienen: Im Ausland bekommen sie monatlich 300 bis 900 Dollar. Dank eines dreijährigen Einsatzes in Venezuela habe sie ein Fest zum 15. Geburtstag ihrer Tochter bezahlen sowie einen Fernseher und Ersatzteile für das Auto ihres Bruders kaufen können, erzählt die Ärztin Mayrin Tablada.

Mediziner gegen Öl
Besonders viele Ärzte und Pfleger - fast ein Drittel derjenigen, die heute im Ausland im Einsatz sind - wurden zum engen politischen Verbündeten Venezuela entsandt. Im Jahr 2003 vereinbarten die beiden damaligen Staatschefs Castro und Hugo Chavez ein Programm, wonach Kuba im Gegenzug für das medizinische Personal Öl bekam.

Im Zuge erhöhten Drucks der USA auf die heutige venezolanische Regierung von Präsident Nicolas Maduro hat sich die Ölmenge von ursprünglich 100.000 Barrel am Tag inzwischen allerdings auf wenig mehr als 50.000 Barrel fast halbiert. Nicht zufällig litt die Karibikinsel zuletzt unter einem Spritmangel, weswegen in der Landwirtschaft Ochsengespanne wieder eingeführt wurden.

„Kampagne gegen Ärztemission“
„Auf der Grundlage der Sanktionen der USA gegen Kuba und Venezuela läuft eine Kampagne in Lateinamerika gegen sie“, sagt der Forscher Torres über die Ärztemissionen. „Es scheint klar, dass dies ein bedeutendes Ziel ist, da die Einnahmen für Kuba wichtig sind und ihr Wegfall die Insel ökonomisch schwächt.“

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