McChrystal geht

Vertrauensbruch: Obama feuert Top-General

Ausland
23.06.2010 20:21
US-Präsident Barack Obama hat den Oberbefehlshaber der NATO-Truppen in Afghanistan, Stanley McChrystal (rechts im Bild), entlassen. Obama zog damit die Konsequenzen aus abschätzigen und teils beleidigenden Kommentaren, die McChrystal und seine Berater über die US-Regierung abgegeben hatten. Dieses Verhalten habe nicht dem eines Generals entsprochen, so Obama am Mittwoch nach einem Vieraugengespräch. Nachfolger von McChrystal soll der bisherige Chef des US-Zentralkommandos, David Petraeus, werden.

McChrystal war am Dienstag massiv in die Kritik geraten, nachdem Zitate aus einem Zeitschriften-Artikel im Voraus bekannt geworden waren. In dem "Rolling Stone"-Porträt äußern sich der General und seine Mitarbeiter abwertend über Obama, Vizepräsident Joe Biden und andere Regierungsmitglieder sowie Diplomaten (siehe Infobox). Bereits im Oktober war der 55-jährige General mit Biden wegen der Afghanistan-Strategie aneinandergeraten.

Obama: "Richtige Entscheidung"
Als Reaktion auf die publizierten Äußerungen McChrystals hatte Obama den hochdekorierten General zu einem Vieraugengespräch ins Weiße Haus beordert. Bereits zuvor hatte der US-Präsident McChrystal ein "schlechtes Urteilsvermögen" bescheinigt. Nach Angaben des Weißen Hauses war Obama "wütend" über die abfällige Kritik des Generals. Nach dem halbstündigen Treffen sagte Obama, es sei schwierig, auf McChrystal verzichten zu müssen.

Der US-Präsident äußerte Bedauern, sprach jedoch zugleich von einer "richtigen Entscheidung für unsere nationale Sicherheit". Obama wertete die Aussagen des Generals und seiner Mitarbeiter als Vertrauensbruch und sagte, er könne Versuche der Spaltung nicht akzeptieren. Die US-Politik in Afghanistan werde sich durch den Wechsel an der Spitze nicht ändern.

McChrystal hat seinen Rücktritt nach eigenen Worten aus Respekt für die Mission am Hindukusch angeboten. Nach seiner Entlassung teilte der General mit, er unterstütze die Strategie Obamas in Afghanistan nachhaltig. Er fühle sich den Koalitionstruppen, den Partnerstaaten und dem afghanischen Volk zutiefst verpflichtet. Aus Respekt vor dieser Verpflichtung habe er seinen Rücktritt eingereicht, den der Präsident angenommen habe.

Der Abgang McChrystals bedeutet, dass ein ausgewiesener Experte im Kampf gegen Aufständische nicht mehr zur Verfügung steht. Zudem hat er den Respekt des afghanischen Präsidenten Hamid Karzai genossen. Trotzdem erklärte Karzai am Mittwoch umgehend, er "akzeptiere" Obamas nunmehrige Entscheidung. McChrystal hat im vergangenen Jahr den Strategiewechsel am Hindukusch umgesetzt. Die USA stockten ihre Truppen massiv auf, gingen in die Offensive gegen die radikal-islamischen Taliban und entwickelten gleichzeitig einen Zeitplan für einen Abzug ihrer Kampftruppen.

Petraeus als neuer Hoffnungsträger in Afghanistan
McChrystals Nachfolger, Vier-Sterne-General David Petraeus, legte schon bei seiner Ankunft bei den Soldaten im Irak im Februar 2007 eine für die Zeit ungewöhnlichen Optimismus an den Tag: Die Lage sei schwierig, aber nicht hoffnungslos, erklärte der 57-Jährige. Das war typisch für den Heeresgeneral, zu dessen Markenzeichen stets die unerschütterliche Überzeugung gehörte, dass man alle Ziele erreichen kann, wenn man sie ohne Zaudern mit aller Kraft ansteuert. Dieses überaus robuste Selbstvertrauen gehörte zu den Hauptgründen Bushs, seine Truppenaufstockung im Irak mit der Berufung dieses Mannes zum Oberbefehlshaber der dortigen US-Streitkräfte zu verknüpfen.

Für Obamas Vorgänger im Weißen Haus war Petraeus beinahe so etwas wie ein Talisman, wie es die "New York Times" formulierte. Sogar Kritiker der Irak-Strategie sagten bei der Berufung des Generals, der als besonderer Experte bei der Bekämpfung von Aufständischen gilt und darüber auch ein Handbuch geschrieben hat: "Wenn jemand überhaupt das Ruder im Irak herumreißen kann, dann dieser Mann." Jetzt steht Petraeus vor einer ähnlich gigantischen Aufgabe - in Afghanistan.

Im Irak war Petraeus, der an der Elite-Universität Princeton mit einer Arbeit über die "Lehren für das Heer aus dem Vietnamkrieg" promovierte, von Anfang an dabei. Als Kommandant führte er die 1. Luftlandedivision bis Bagdad. Dann übernahm er die Kontrolle im Nordirak mit der Stadt Mossul und leitete von 2004 bis 2005 die Ausbildung der irakischen Armee. Als er am 10. Februar 2007 das Oberkommando über die amerikanischen Truppen im Irak übernahm, nannten viele Militärexperten dies die "aussichtsloseste Aufgabe seit der von General Creighton Abrams in Vietnam".

Bei Anhörung im US-Kongress zusammengebrochen
Zuletzt sorgte Petraeus aber für besorgniserregende Schlagzeilen: Erst vor wenigen Tagen brach er bei einer Anhörung im US-Kongress zusammen. Nach dem Schwächeanfall konnte der General aber gestützt von anderen Teilnehmern selbstständig aus dem Raum gehen. Er wurde unmittelbar danach von einem Arzt untersucht. Den Medien ließ der General ausrichten, er habe zu wenig getrunken und sei dehydriert gewesen. In Washington hofft man nun, es war kein böses Omen.

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