22.10.2019 14:00 |

Weltstottertag

Lieber stotternd reden als flüssig schweigen

Etwa fünf bis acht Prozent der Kinder in Tirol stottern, bei einer frühzeitigen Therapie sind die Chancen auf Heilung sehr gut. Dafür muss die Sprechstörung aber endlich enttabuisiert werden. Etwa am heutigen Welt-Stottertag.

Der Blick ist fest und ungebrochen. Die Worte werden es. Je länger Reinhard Wieser spricht, desto mehr scheinen sich die Buchstaben in seinem Mund die Hände zu reichen. Am Ende des Gesprächs sind die Worte das, was der Blick schon zu Beginn war.

„Ich bin überzeugter Stotterer“, sagt Wieser gerne, wenn er in eine neue Situation kommt. Für Telefonate hat er sich ein eigenes Sprachschema zurechtgelegt. In entspannter Atmosphäre spricht er flüssig, ist er gestresst hüpfen die Worte manchmal. Im Supermarkt etwa, wenn er an der Theke was bestellt und sich hinter ihm schon eine lange Schlange gebildet hat.

Es gibt keinen Grund, sich zu verstecken
Aufgehalten hat ihn das aber nie. Schule, Studium, Karriere – Wieser hat seinen Weg gemacht. Heute ist er Vorsitzender des Vereins ÖSIS, einer österreichweiten Selbsthilfe-Initiative für Stotternde mit Sitz in Tirol. Mit seiner Erfahrung hilft er anderen, die Botschaft ist deutlich: „Es gibt keinen Grund, sich zu verstecken.“

Veranlagung und Auslöser
„Etwa fünf bis acht Prozent der Kinder stottern, bei Erwachsenen ist es noch ein Prozent der Bevölkerung“, erklärt Ev Wieser, Logopädin an der Klinik für Hör-Stimm- und Sprachstörungen in Innsbruck. Die Ursache für die Sprechstörung ist komplex – und immer abhängig von mehreren Faktoren: „Es muss eine Veranlagung und einen Auslöser geben“, erklärt die Logopädin, die übrigens nicht verwandt mit Reinhard Wieser ist.

In der Fachsprache sind das „neurophysiologische Faktoren“, „psycholinguistische“ und „psychosoziale Faktoren“ – heißt, ein Teil liegt in der Genetik, die Veranlagung ist da, muss aber nicht zwingend vererbt werden. Es braucht noch einen Auslöser, damit Wort „hüpfen, kleben oder bremsen“, wie Wieser erklärt. Was dabei im Gehirn passiert, sei sehr komplex und trotz intensiver Forschung zum Teil noch ungewiss, erklärt Patrick G. Zorowka, Direktor der HNO-Klinik Innsbruck. Aber gerade in der Therapie habe sich viel getan. „Es gibt viele sehr gut funktionierende Ansätze“, so Zorowka.

Niemand hat Schuld, wenn das Kind stottert
Zu allererst aber muss eines klar sein: „Niemand hat Schuld daran, wenn ein Kind stottert“, betont Wieser. „Keine Scheidung, kein Tod des Haustiers kann das auslösen. Es muss immer eine Veranlagung da sein“, so die Expertin. Dass die Eltern das verinnerlichen sei wichtig, um den Leidensdruck zu nehmen, den ansonsten auch das Kind spürt.

Niemals zuwarten
Je nach Alter wird in der Therapie dann spielerisch an der Sprechstörung gearbeitet - „auf keinen Fall aber sollte man zuwarten, bis es von selbst besser wird“, sagt Wieser. Denn dann entwickeln Kinder oft Vermeidungsstrategien: „Sie sprechen gewisse Wörter nicht mehr aus, umschreiben Dinge, zeigen in der Schule nicht mehr auf“, erklärt die Logopädin. Das Selbstbewusstsein leidet - zur Sprechstörung kommt Scham, Frustration, Hilflosigkeit und Selbstabwertung. All das muss nicht sein.


„Schon alleine wenn das Stottern thematisiert wird, wird es weniger“, sagt Wieser. Wenn Eltern, den Kindern signalisieren, dass sie selbst keine Angst vor dem Stottern haben und Kinder frühzeitig damit umgehen lernen, steht einem erfüllten Leben nichts im Wege. Schon gar kein hüpfendes oder klebendes Wort.

Anna-Katharina Haselwanter
Anna-Katharina Haselwanter
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