12.10.2019 06:03 |

Ohne App kein Strom

Ausritt am „Cowboy“: Das iPhone unter den E-Bikes?

Nichts Geringeres als das „iPhone unter den E-Bikes“ verspricht das gleichnamige Brüsseler Start-up mit seinem Cowboy. Das vernetzte Rad kann nicht ohne Handy gestartet werden, protokolliert online seinen Standort und wirkt mit seinem eleganten mattschwarzen Rahmen mit integriertem Licht futuristisch minimalistisch. Wir haben den Cowboy im Alltag erprobt und sind mit ihm zur Arbeit gependelt.

Wer nicht will, dass die Macher des E-Bikes auf ihren Servern Daten zum Standort und der Nutzung sammeln, wird mit dem Cowboy nicht glücklich. Konsequenterweise ist das vernetzte E-Bike an die Server des Herstellers geknüpft, bedarf vor dem ersten Fahrtantritt einer Registrierung und kann nur per Bluetooth mit dem Handy (Android oder iOS) gestartet werden.

Vor- und Nachteile durch Online-Anbindung
Die Vorteile dieser Eigenheiten: Dank GPS und integrierter SIM-Karte - Gebühren verrechnet man dafür dankenswerterweise nicht - weiß man über die Begleit-App jederzeit, wo der Cowboy steht, und somit auch, wohin ihn ein möglicher Fahrraddieb entführt hat. Die Cowboy-App bietet auch andere nützliche Features - etwa einen Chat-Kundendienst, ein Fahrrad-Navi und ein Verzeichnis von Partner-Werkstätten. Sie schickt auch Updates und Kommandos (Licht, Motor) ans Rad.

Der Nachteil der Online-Anbindung: Sehr persönliche Daten, die viel über die Lebensgewohnheiten des Nutzers verraten, landen auf - laut Hersteller maximal abgesicherten - Servern, die zumindest in Europa stehen. Trotzdem: Auf Datensparsamkeit bedachte User könnte die Datensammelei stören.

Gelungenes E-Bike - auch mit nur einem Gang
Unabhängig von der Internetanbindung: Als E-Bike macht der Cowboy in vielerlei Hinsicht eine gute Figur. Besonders gut hat uns im Test der hinter dem Sattel angebrachte abnehmbare und somit in der Wohnung ladbare 360-Wattstunden-Akku gefallen, der laut Hersteller rund 70 Kilometer Reichweite bietet - und dieses Versprechen im Test auch beinahe hielt. Je nach Gewicht des Testers, Terrain und Fahrstil kann die Reichweite zwar auch etwas kürzer ausfallen, 50 Kilometer sollten aber im Alltag jedenfalls drin sein. Eine Akkuladung dauerte im Test etwa drei Stunden.

Für ein E-Bike ist der 2000 Euro teure Cowboy sehr leicht. Rund 16 Kilo bringt er mit Akku auf die Waage - und ist damit kaum schwerer als das Alltagsrad des Testers, bei dem es sich - um ihn Dieben unattraktiv zu machen - um einen ebenso betagten wie unansehnlichen Stahl-Drahtesel handelt. Dem Cowboy gelingt dieses Kunststück durch seinen Leichtbaurahmen aus Alu und den Verzicht auf das Gewicht steigernde Elemente wie Schaltung, Kotflügel oder Fahrradkette - stattdessen gibt’s einen Keilriemen.

Für manch einen User vielleicht zu minimalistisch
Der Minimalismus, der an den Tag gelegt wird, hat freilich auch Nachteile. Einen Gepäckträger gibt es nicht, Kotflügel - bei Regen wird man welche haben wollen - will man in Kürze zum Nachrüsten anbieten. Eine Federung gibt es auch nicht, ins Gelände sollte man sich also eher nicht wagen.

Dass es sich um ein Stadtrad handelt, zeigt sich auch an der profillosen Bereifung, die in Kombination mit dem Riemenantrieb leise agiert, im Test etwa auf nassen Bodenmarkierungen aber für ein mulmiges Gefühl sorgte.

Gut eingestellter Motor, aber kein Rennrad-Killer
Der Ein-Gang-Antrieb mit Keilriemen statt Kette und 250-Watt-Motor im Hinterrad machte einen guten Job und sollte recht wartungsarm sein. Den Motor haben die Entwickler geschickt eingestellt: Er unterstützt den Fahrer beim Anfahren und bergauf recht gut, auf ebener Strecke agiert er zurückhaltender. Bei 25 Kilometern pro Stunde - im Sport-Modus, den man nicht auf öffentlichen Straßen nutzen darf bei 30 km/h - wird er abgestellt.

Städtisches Terrain meistert man damit sehr gut, wenn man sich einmal an das sanft anschiebende Hinterrad gewöhnt hat. Vor allem bergauf kommt man durch das Elektro-Doping nicht ins Schwitzen. Auf ebener Strecke hätten wir uns allerdings doch noch einen zusätzlichen höheren Gang gewünscht: Wo der Cowboy-Nutzer bei hoher Geschwindigkeit ordentlich strampelt, um noch etwas zu beschleunigen oder die Geschwindigkeit zu halten, zieht der Rennrad-Fahrer mit großer Übersetzung problemlos vorbei.

Ganz ohne Strom geht’s auch - und durch das akzeptable Gewicht des Rades auf ebener Strecke auch ohne allzu große Plackerei. Bergauf ist man ob der fehlenden Schaltung aber schnell aus dem Rennen - und der Puste.

Ein paar Schalter hätten nicht geschadet
Dass direkt am E-Bike keinerlei physische Schalter - etwa für die Beleuchtung oder zum An- und Abschalten des Motors - vorhanden sind, passt zum minimalistischen Konzept des Cowboy. Zumindest einen Lichtschalter hätten wir uns aber schon gewünscht. Zwar gibt es eine Smartphone-Halterung am Lenker. Wer das Handy aber - etwa, um es vor der Witterung zu schützen oder schlicht zum Stromsparen - nicht mit aktivem Display an den Lenker montiert, muss es für jede Kleinigkeit aus der Hosentasche kramen.

Die übrige Ausstattung des Cowboy hat uns gut gefallen. Die Beleuchtung reicht zwar nicht sehr weit, gewährleistet im Dunkeln aber gute Sichtbarkeit. Das Bremslicht signalisiert sogar, wenn die Bremse betätigt wird. Scheibenbremsen brachten das E-Bike sicher zum Stehen, die Griffe am Lenker sind angenehm texturiert und auch mit nassen oder verschwitzten Händen noch griffig.

Der Riemenantrieb arbeitete, von gelegentlichen Geräuschen bei der Anfahrt abgesehen, ebenfalls problemlos. Im Fall des Falles dürfte sich die Ersatzteilfindung aber komplexer gestalten als bei einer Kette.

Noch eine Eigenheit des Cowboy: Um den Sattel zu verstellen, braucht es einen Inbus-Schlüssel und der Akku muss entsperrt und abgenommen werden. Wenn mehrere Personen das Rad nützen wollen, ist das unpraktisch und Schnellspannern unterlegen. Manch einer wird auch einen anderen Schlauch wollen: Das standardmäßig verwendete französische Ventil ist hierzulande eher exotisch.

Fazit: Schönes Stadt-E-Bike mit Nachrüstbedarf
Der Cowboy ist ein sehr schönes E-Bike, bei dem Design vielleicht dort und da - Bereifung, fehlende Schmutzfänger - ein wenig über Funktion siegt. Die Smartphone-Anbindung ist nicht zuletzt als Diebstahlschutz eine gute Sache, gefällt aber sicher nicht jedem. Als Alltagsrad für die Stadt hat er sich im Test gut bewährt, auch wenn man in der täglichen Praxis Manches - Ständer, Klingel, Kotflügel, vielleicht eine andere Bereifung - nach- bzw. umrüsten wird.

2000 Euro sind für den Alurahmen, Scheibenbremsen und Riemenantrieb trotzdem ein akzeptabler Preis. War der iPhone-Vergleich am Ende auf den bezogen? Das aktuell teuerste Modell iPhone 11 Pro Max mit 512 Gigabyte Speicher ist mit derzeit gut 1650 Euro nah dran.

Dominik Erlinger
Dominik Erlinger
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