Neuer Rekordpreis
Picasso-Ölgemälde um 106,5 Millionen Dollar versteigert
Schon vor Aufruf des ersten Gebots atmete Auktionator Christopher Burge zum Gelächter der Bieter noch einmal tief durch und streckte sich. Dann ging es Schlag auf Schlag: Die Millionen wurden so schnell durch den Raum geworfen, dass die Anzeigetafel nicht mitkam. Praktisch im Sekundentakt kam immer wieder eine Million Dollar dazu.
Als Burge 88 Millionen aufrief, waren von den acht Bietern nur noch zwei übrig. Nach neun Minuten stand der Preis bei 93 Millionen und der Auktionator wollte schon zuschlagen, als ein Bieter noch einmal die Hand heben ließ: 94 Millionen. Ein weiteres Gebot kam, 95 Millionen, Endpreis. Mit dem an Christie's fälligen Aufgeld sind es 106,482.500 Dollar oder mehr als 80 Millionen Euro.
Sammlerpaar-Erben cashen ab
Das Gemälde stammt aus der Privatsammlung der Ehefrau des kalifornischen Immobilienmoguls Sidney F. Brody, Frances Brody. Das Ehepaar hatte das Bild 1951 direkt von Picassos Kunsthändler Paul Rosenberg gekauft. Seitdem war es im privaten Besitz und wurde zuletzt 1961 in Los Angeles ausgestellt. 1983 starb Sidney, im November vergangenen Jahres auch seine Frau. Das Geld bekommen nun die Erben des Sammlerpaares - und dank der Provision zum nicht geringen Teil Christie's selbst.
Das Bild zeigt eine liegende Frau in einem Atelier vor einem blauen Vorhang. Prominent im Hintergrund sind eine Büste und ein Zweig mit grünen Blättern zu sehen, im Vordergrund eine Obstschale. Picasso hatte das Bild zum Ende seines "annus mirabilis" gemalt, seines "Wunderjahres" rund um seinen 50. Geburtstag, das zu den produktivsten seines 91-jährigen Lebens zählt.
Bild hing in Picassos Wohnung
Picasso hatte das Bild selbst in seiner Wohnung hängen. Während des Zweiten Weltkrieges verstaute sein Kunsthändler es an einem von drei Lagerplätzen, an denen er Picassos Bilder aufbewahrte. Zwei wurden nach Christie's-Angaben von den Nazis entdeckt und ausgeplündert, die "Nackte" jedoch nicht.
Insgesamt hat die Versteigerung der Sammlung des Ehepaars knapp 224,2 Millionen Dollar eingebracht, 27 Objekte standen zum Verkauf. Darunter befanden sich Ölgemälde von Matisse, Braque und Renoir, Bronzen von Giacometti, Moore und Marini, Mobiles von Calder und Picasso-Zeichnungen. Das Ehepaar hatte die Werke dieser Künstler schon jeweils sehr früh erworben, wodurch sie jetzt neue Ware für den Markt waren.
Vor Picassos Bild hatte der Bildhauer Alberto Giacometti den Weltrekord gehalten: Seine Skulptur "L'homme qui marche" war in London für 104,3 Millionen Dollar unter den Hammer gekommen.
Mehr Interessenten, höhere Preise
Mit dem nunmehrigen Rekordpreis haben sich zumindest am ersten Abend der traditionellen New Yorker Frühjahrsauktionen die hohen Erwartungen der Auktionshäuser erfüllt. Sowohl Christie's wie auch Sotheby's hatten auf hohe Preise gehofft, weil in diesem Jahr Stücke angeboten werden können, die seit Jahrzehnten nicht oder noch nie auf dem Kunstmarkt waren.
Der Picasso war das prominenteste Beispiel dafür, die "Flag" von Jasper Johns aus der Sammlung des Bestsellerautors Michael Chrichton ("Jurassic Park") ein zweites. Außerdem sind aus den Boom-Ländern in Asien neue finanzkräftige Interessenten zu den traditionellen Käufern aus Europa und Nordamerika hinzugekommen.
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