Sensation in Polen

Kaczynskis Bruder Jaroslaw will Präsident werden

Ausland
26.04.2010 14:12
Nach dem tragischen Tod des polnischen Präsidenten Lech Kaczynski (li.) will jetzt sein Zwillingsbruder Jaroslaw (re.) das Erbe des Präsidenten ergreifen und bei der Präsidentenwahl am 20. Juni antreten. Kaczynski war von 2006 bis 2007 Premierminister - während sein Bruder Lech das Präsidentenamt innehielt - und gehört der rechtskonservativen Partei "Recht und Gerechtigkeit" (kurz: PiS) an. Polnische Experten rechnen damit, dass Kaczynski aus dem Tod seines Bruders politisches Kapital schlagen wird. Seine Siegeschancen sind aber ungewiss.

Der Wahlkampf bis zum Urnengang im Juni wird für polnische Verhältnisse relativ kurz. Neben Kaczynski treten u. a. schon fix der liberale Parlamentspräsident und jetzige Interims-Staatschef Bronislaw Komorowski, Bauernpartei-Chef Waldemar Pawlak sowie der demokratische Kandidat Grzegorz Napieralski an, der für die Linksallianz den ebenfalls beim Flugzeugabsturz verstorbenen Kandidaten Jerzy Szmajzinski ersetzt. Als Favorit galt bislang Bronislaw, freilich ohne einen Gegenkandidaten Kaczynski.

Weil der Wahlkampf im Schatten der Katastrophe von Smolensk geführt wird, befürchten Beobachter, dass es trotz der Versöhnungsrhetorik nach dem tragischen Tod des Präsidenten eine der härtesten Wahlschlachten seit 1990 sein wird. 

Werbe-Experte rechnet mit "Nekromarketing"
Wieslaw Galazka, Spezialist für politisches Marketing, ist davon überzeugt, dass das Flugzeugunglück großen Einfluss auf den Wahlkampf haben wird. "Wir werden Augenzeugen davon sein, was man als 'Nekro-PR' oder 'Nekromarketing' bezeichnen kann", prophezeite er der Zeitung "Gazeta Wyborcza". Seiner Meinung nach wird im Wahlkampf ein sehr idealisiertes Bild von Lech Kaczynski und seiner zuvor umstrittenen Amtsführung gezeichnet werden. Aus PiS-Kreisen hieß es inoffiziell, Kaczynski werde einen friedlichen Wahlkampf führen und als Bewahrer der Politik und der Werte des Ex-Staatsoberhauptes dargestellt werden. 

Bei seinem ersten Statement schlug Jaroslaw Kaczynski jedenfalls genau in diese Kerbe: "Polen ist unsere gemeinsame große Verantwortung", schrieb Kaczynski in einer Mitteilung auf seiner Website zur Bekanntgabe seiner Kandidatur. "Weggegangen ist mein beliebter Bruder und seine Ehegattin, weggegangen sind meine herzlichen, langjährigen Freunde und Mitarbeiter aus unserer Partei Recht und Gerechtigkeit, die ich nie vergessen werde", schrieb Kaczynski in seiner Erklärung weiter

Das "persönliche Leid" müsse jedoch überwunden und "trotz einer persönlichen Tragödie" gehandelt werden. Er wolle die Lebensaufgabe seines Bruders sowie der anderen Absturzopfer zu Ende führen, so der um eine Stunde ältere Kaczynski-Zwilling. 

Kaczynski weckt Emotionen - bei Fans und Gegnern
Der Parteichef der PiS hatte die Trauerfeierlichkeiten für seinen Bruder mit eiserner Miene absolviert, ohne in der Öffentlichkeit eine einzige Träne zu vergießen. Sogar nachdem er die Leiche seines Bruders identifiziert hatte, zeigte er keine Regung, hieß es. Kaum ein anderer Politiker weckt im heutigen Polen so heftige Emotionen bei Anhängern und Gegnern wie der Oppositionschef. 

Sein eigenes Lager bewundert bei Jaroslaw Kaczynski seinen scharfen Verstand und seine unnachgiebige Haltung, seine heute schwerkranke Mutter, vor der die Nachricht über den Flugzeugabsturz ihres Sohnes noch immer geheim gehalten wird, sagte einmal: "Jaroslaw wird immer derjenige sein, der die besseren Strategien wählt". Seine Gegner aus dem liberalen und sozialdemokratischen Lager verabscheuen den kleinen Mann mit dem runden Gesicht hingegen so sehr, dass sie ihn früher gelegentlich sogar mit Stalin verglichen.

Ein "Haider-Effekt" in Polen?
Aus österreichischer Sicht erinnern diese Konstellationen in Polen stark an die Kärntner Landtagswahlen im Jahr 2009, ein Jahr nach dem Tod des ehemaligen Landeshauptmannes Jörg Haider. Das von ihm vier Jahre zuvor gegründete BZÖ führte damals seinen Wahlkampf unter dem Namen "Die Freiheitlichen in Kärnten – BZÖ Liste Jörg Haider" und stellte auf Plakaten und mit seinen Slogans bewusst Bezüge zu dem verstorbenen Politiker her. 

Die Partei ging am Ende mit 45 Prozent der Stimmen als absoluter Überraschungssieger der Wahl hervor. Beobachter führten den Sieg dabei keineswegs auf die politischen Errungenschaften der Kandidaten, sondern großteils auf den Glanz und die Beliebtheit Jörg Haiders zurück, die nach seinem Tod - ähnlich wie bei Lech Kaczynski - noch größer geworden zu sein schien. BZÖ-Politiker beschwören noch heute immer wieder "das Erbe Jörg Haiders". 

Als bizarrer Nebeneffekt in Polen kommt hierbei aber noch hinzu, dass Jaroslaw Kaczynski seinem Zwillingsbruder Lech geradezu wie aus dem Gesicht geschnitten ist. Experten schätzen Jaroslaw Kaczynski als den einzigen Kandidaten der PiS ein, der Komorowski die Stirn bieten könnte. Es gebe keinen anderen von der PiS, der "mindestens den ersten Durchgang überstehen" könne, sagte der Politologe Stanislaw Mocek der Nachrichtenagentur AFP. 

Die Zeit drängt
Die polnischen Parteien haben aber extrem wenig Zeit, ihre Wahlkämpfe zu planen und zu organisieren. Für den Kandidaten müssen bis 6. Mai 100.000 Unterschriften gesammelt werden. Seit voriger Woche dürfen Kandidaten auch Spenden sammeln. Jeder von ihnen darf maximal zwölf Millionen Zloty (3,1 Millionen Euro) ausgeben. Für die Parteien dürfte es aber schon schwierig werden, ausreichend Werbefläche zu bekommen. "Die besten Werbeflächen für Mai und Juni sind längst ausverkauft", schilderte Grazyna Golebiewska von der Warschauer Werbeagentur AMS der Tageszeitung "Rzeczpospolita".

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