04.07.2019 18:03 |

Auf die Schnelle

Ford Focus ST: Ein echter Sportfahrer-Versteher

Der Ford Focus ST macht schon beim Losfahren deutlich, dass er es ernst meint mit der Sportlichkeit. Das Kupplungspedal verlangt nach Beinkraft wie ein Rennwagen, die Lenkung erfordert durchaus beherztes Zupacken und beim Anfahren macht der Kompaktsportler gleich mal einen Satz nach vorn. Doch sobald sich der Körper an die Bedienung gewöhnt hat, verwächst man geradezu mit dem Fahrzeug. So erging es jedenfalls mir, und das war erst der Anfang einer fulminanten Fahrerei in den französischen Seealpen.

Damit jetzt keine Missverständnisse aufkommen: Wir haben es hier nicht mit einem knallharten Halbstarken zu tun, der mit überhartem Fahrwerk und Geballer-Getöse auf Dauer jeden nervt, der älter als, sagen wir, 25 ist. Nein, bei Ford wissen sie, dass Härte überschätzt wird und alleine noch kein sportliches Auto macht. Der neue Hothatch ist fein komponiert und technisch so ausgefeilt, dass er den Fahrer jederzeit gut aussehen lässt. Da ist es zu verschmerzen, dass sein Navigationssystem eines der unübersichtlichsten ist, die ich kenne. Im Idealfall ist jeder Kilometer Umweg ein Kilometer Freude.

Los geht‘s, erst einmal im Normalmodus. Unter dezenter akustischer Unterstützung aus den Lautsprechern kommt der 2,3-Liter-Vierzylinder munter zur Sache. Das aus dem Mustang bekannte Triebwerk mit TwinScroll-Turbolader löst den Zweiliter-Motor des Vorgängers ab und stellt hier beachtliche 280 PS sowie mächtige 420 Nm zur Verfügung - das sind deren 30 bzw. 60 mehr als im Vorgänger. Danke, Ford, dass bei euch Downsizing kein Thema ist, jedenfalls im Focus ST! Auch wenn die seligen Fünfzylinder-Zeiten leider vorbei sind.

In 5,7 Sekunden sprintet der (nach DIN, also ohne Fahrer) 1433 kg schwere Fronttriebler von 0 auf 100 km/h, bei 250 km/h wird offiziell abgeregelt (man sollte sich aber nicht wundern, wenn er 260 läuft).

Der Motor hängt sauber am Gas und zieht dafür, dass er sein maximales Drehmoment erst bei 3000/min. abliefert, ganz brav von unten heraus. Mit dem geschmeidigen Sechsganggetriebe ist er dank der im Vergleich zum Standard-Focus kürzeren Schaltwege besonders leicht bei Laune zu halten (Siebengang-Automatik optional). Ebenso geschmeidig fühlt sich das serienmäßig um einen Zentimeter tiefergelegte Sportfahrwerk an. Dafür sorgen die adaptiven Dämpfer, die alle zwei Millisekunden überprüfen, was Sache ist, und umgehend ihren Ventilquerschnitt anpassen. Sie erkennen sogar Schlaglöcher und reagieren entsprechend. So flutscht der Focus erstaunlich komfortabel über schlechten Asphalt drüber.

Erstmals bei Ford: Elektronisch geregeltes Sperrdiff
Die Lenkung ist ein Ausbund an Gefühl, Präzision und Verbindlichkeit. Das Lenkgefühl übertrifft auch das von manchen deutlich teureren, deutlich stärkeren Sportwagen. Die Lenkkraft ist bereits um die Mittellage relativ hoch, bleibt aber dann konstant. Und das Beste: Auch bei beherztem Tritt aufs Gas aus Kurven heraus halten sich Antriebseinflüsse in der Lenkung in engen Grenzen. Um das zu erreichen, treibt Ford einigen Aufwand: An der Vorderachse kommt ein elektronisch geregeltes Sperrdifferenzial zum Einsatz, das (wie beim Allradantrieb im leider ausgelaufenen Focus RS) mit zwei Kupplungen arbeitet und bereits reagieren kann, BEVOR Schlupf entsteht. So kann man sehr früh aufs Gas, der Wagen zieht sich herrlich aus der Kurve. Zusätzlich schickt die Elektronik zusätzliches Drehmoment in die Lenkung, um Antriebseinflüsse wirksam zu unterbinden.

Das Lenkrad an sich ist zwar mit Bedienknöpfen überladen, aber sehr griffig, auch die serienmäßigen Recaro-Sportsitze sind erstklassig und bieten guten Seitenhalt.

Und dann entdeckte ich den Sportmodus
Bis hierhin hat mir nichts gefehlt, ich bin nur so durch das Kurvengeschlängel im Hinterland von Nizza gezogen und habe mich immer gewundert, wie komfortabel und zugleich präzise und schnell der Focus zu bewegen war. Hat mich an die Alpine A110 erinnert. Doch erstmals gibt es im Ford Focus ST nun Fahrmodi, abzurufen über zwei rot markierte, aber dennoch unauffällige Tasten am Lenkrad.

Der Sportmodus eröffnet so etwas wie eine neue Welt. Alles schärft sich, das Gas reagiert direkter, die Lenkung erfordert noch etwas mehr Kraft und agiert noch gefühlvoller, auch die Dämpfer straffen sich (was sich zusätzlich in einem noch spontaneren Einlenkverhalten äußert). Das bedeutet konkret: Die variablen Ventile in den Stoßdämpfern gehen von einem engeren Grunddurchmesser aus, passen sich aber weiterhin alle zwei Millisekunden den Anforderungen an. Zudem wird die Differenzialsperre aggressiver. Auch das (künstliche) Motorgeräusch wird lauter und dezent werden ab und zu ein paar Tröpfchen Benzin extra eingespritzt, um ein Poppen aus dem Auspuff ertönen zu lassen.

Technische Feinspitze und Sportfahrer erfreuen sich an einer Funktion, die nun im Motor aktiviert ist: die „Anti-Lag“-Funktion, wie sie auch bei der Straßenversion des Ford GT sowie im F-150 Raptor zum Einsatz kommt. Sie bewirkt, dass beim kurzzeitigen Vom-Gas-Gehen (etwa beim Raufschalten) die Drosselklappen offen bleiben, stattdessen wird über die Zündung Gas weggenommen. Das bewirkt, dass der Turbolader schneller wieder anspricht, wenn man wieder ans Gas geht. Beim Runterschalten sorgt die Zwischengasfunktion für die richtige Drehzahlanpassung (ohne dass man Hacke-Spitze beherrschen muss).

Was sich beim Umschalten auf den Sport-Modus nicht ändert, ist die Programmierung des DSC. Aber es ist auf trockener Straße ohnehin schwierig, in den Regelbereich zu geraten. Per Tastendruck ist das DSC aber jederzeit komplett deaktivierbar. Bei Ford nimmt man den Fahrer noch richtig ernst.

Dieser Modus ist der Modus der Wahl, wenn man es wirklich laufen lassen will und engagiert durch kurviges, holpriges Geläuf galoppiert. Doch wer das Performance-Paket wählt (zu dem u.a. eine Launch Control gehört), bekommt noch einen mehr:

Race-Track-Modus
Der Race-Track-Modus ist genau dafür gedacht, wie er heißt: für die Rennstrecke. Das Sperrdifferenzial arbeitet hier derart aggressiv, dass die Vorderräder wild zerren, wenn man in der Kurve aufs Gas steigt und der Asphalt uneben ist. Auf der Rennstrecke ist der Belag in der Regel glatt, hier zieht sich das Auto regelrecht in die Kurve hinein.

Ansonsten werden die im Sportmodus veränderten Parameter weiter geschärft, also Gasannahme, Lenkung, Dämpfer. Das Verbrennungspoppen drängt sich auch etwas mehr in den Vordergrund, wird aber noch immer nicht lästig. Zusätzlich verändert sich das Verhalten der Bremse im Grenzbereich: An der Schwelle zum Regelbereich des ABS gibt sie dem Fahrer die Möglichkeit, feiner zu modulieren.

Zahmer Rennwagen für die Familie
Bisher haben wir nur über die fahrerischen Qualitäten des neuen Ford Focus ST gesprochen, aber er kann auch den braven Familienfreund geben. Das geschmeidige Fahrwerk habe ich bereits angesprochen. Aber auch das Platzangebot macht ihn zum Freund der Familie. So viel Platz auf der Rückbank ist in der Klasse nicht üblich. In den Kofferraum passen bis zur Hutablage 375 Liter, umgeklappt sind es bis zu 1354 Liter. Der Kombi fasst 608 bis 1653 Liter, er muss aber auf die adaptiven Dämpfer verzichten.

Auch die (teilweise optionale) Assistenzarmada geht schwer in Ordnung. Insofern: Alles, was die Familie braucht.

Die Preisliste beginnt bei 41.000 Euro für den Hatchback-Benziner, der Kombi namens Traveller kostet 1500 Euro mehr. Ab 38.250 Euro ist der Focus ST mit einem 2,0 Liter großen Turbodiesel zu haben, der 190 PS und 400 Nm (bei 2000/min.) zur Verfügung stellt und einen Normverbrauch von 4,8 l/100 km aufweist. Marktstart ist Ende Juli 2019, im November wird für den Benziner eine Siebengang-Automatik nachgereicht.

Unterm Strich:
Es ist schwer, dem neuen Ford Focus hinterherzukommen, dafür ist es umso leichter, mit ihm schnell zu sein. Und das, obwohl er wirklich gute Manieren hat und vor allem im Normalmodus guten Fahrkomfort bietet. Die Fahrmodi sind klar abgegrenzte Eskalationsstufen.

Trotz der vielen ausgefeilten Technik wirkt alles sehr natürlich. Das Einzige, was ich als synthetisch empfinde, ist der Motorsound, der je nach Fahrmodus mehr oder weniger laut aus den Lautsprechern zugespielt wird. Aber sogar der wirkt authentischer als bei vielen, sogar teureren anderen Autos. Well done, Ford. Wenn das ein Vorgeschmack auf den RS-Nachfolger ist (kommt, wenn, dann in zwei Jahren), dann darf man sehr gespannt sein - und sich bis dahin schon mal richtig austoben.

Warum?
Herausragende Fahreigenschaften, sehr sportlich, aber nicht zu hart
Familientaugliches Platzangebot

Warum nicht?
Unübersichtliches Navi
Fahrmodi nicht individualisierbar

Oder vielleicht …
… Volkswagen Golf GTI TCR, Peugeot 308 GTI, Hyundai i30N

Stephan Schätzl
Stephan Schätzl
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