Mi, 19. Juni 2019
29.05.2019 10:44

Live in der Stadthalle

Backstreet Boys: Nostalgie mit einigen Schwächen

Gewisse Dinge ändern sich wohl nie: Wenn die Backstreet Boys auf einer Bühne stehen, dann setzt sich ihr Publikum nicht nur zum größten Teil aus Frauen zusammen. Es wird auch immer noch gekreischt, was das Zeug hält. 23 Jahre nach ihrem Durchbruch gastierte die Band Dienstagabend in der Wiener Stadthalle, und 15.000 Fans waren aus dem Häuschen. Am Gebotenen konnte es aber nicht liegen.

AJ McLean, Howie Dorough, Nick Carter, Kevin Richardson und Brian Littrell sind wohl so etwas wie die Blaupause aller Boybands. Gegründet 1993 unter den Fittichen des später wegen Betrugs verurteilten Musikmanagers Lou Pearlman, setzte das Quintett in den späten 90ern zu einem beeindruckenden Siegeszug rund um den Erdball an und verkaufte bis heute mehr als 100 Millionen Platten. Klar, Take That waren schon früher da, und N*SYNC konnten besser tanzen. Aber die Backstreet Boys trafen ganz einfach einen Nerv.

Wieder an die Spitze
Dass ihre Masche immer noch funktioniert, bewies die Gruppe in den vergangenen zwei Jahren mit einer Residency in Las Vegas. Die 80 Shows waren größtenteils ausverkauft und dürften sich kommerziell mehr als gelohnt haben. Dennoch ging es Anfang des Jahres mit der mittlerweile neunten Platte „DNA“ zurück zu den Wurzeln, nun eben mit dazugehöriger Welttournee. In Österreich erreichte das Album sogar wieder die Spitze der Charts - und wer es nicht gekannt haben sollte, wurde in der Stadthalle ein halbes Dutzend Mal darauf hingewiesen.

So funktioniert eben Marketing: Während der Sound unbarmherzig aus den Boxen hämmerte und die mittlerweile bis auf Nick alle in den 40ern angekommenen Boys mit Stücken wie „I Wanna Be With You“ oder „The Call“ in den zweistündigen Abend starteten, entfaltete sich eine minutiös ausgeklügelte Choreografie, um Altes und Neues zu verbinden. Bloß keine Zeit zum Nachdenken! Jeder bekam seinen Solomoment, um kurz mit dem Publikum zu plaudern (Brians Fazit: „You guys look wunderbar.“), einen neuen Song anzuteasen und - erraten - auf „DNA“ hinzuweisen.

Gemeinsames Schwelgen
Ob das Publikum wirklich Interesse daran hatte, war kaum zu beurteilen. Einerseits blieb die Lautstärke der Performance, die bis auf die Stimmen komplett aus der Konserve gespeist wurde, den ganzen Verlauf über im beinahe schmerzhaften Bereich, was jegliche Nuancen im Keim erstickte. Andererseits wurde sowieso jede Geste, jedes Lächeln und jeder Wink in die Ränge entsprechend gewürdigt: Hier kamen Helden und Anbetende in fröhlicher Eintracht zusammen, um sich gegenseitig an alte Zeiten zu erinnern.

Denn musikalisch hat sich nur wenig getan - und würden die Backstreet Boys heutzutage wohl auch kaum reüssieren können, hätten sie nicht die Nostalgie auf ihrer Seite. Die paar Tanzschritte, die gemeinsam gesetzt wurden, wirkten eigenwillig komisch (War das in den 90ern wirklich cool?), große kompositorische Unterschiede waren noch nie ihr Ding und selbst so manchen Hit setzte man aufgrund mutwillig neumodisch gedachter Arrangements in den Sand, wie das als stumpfer Discoreißer verhunzte „Everybody“ zeigte.

Gut, aber gezwungen
Aber es gibt ja andere Gestaltungsmöglichkeiten: AJ und Kevin sorgten mit einem Kostümwechsel auf der Bühne für Schnappatmung, die Fans in den ersten Reihen durften sich um diverse Textilien streiten, und bei Nick reicht es offenbar immer noch, wenn er einfach ins Publikum grinst. Davon abgesehen haben die Hits natürlich funktioniert. Egal, ob „Quit Playing Games“, „As Long As You Love Me“ oder das das reguläre Set beendende „I Want I That Way“ - gesanglich konnten man den Fünf wenig vorwerfen. Es scheint nur alles eine Spur anstrengender geworden zu sein.

Am Ende war es eine überraschend kurzweilige Zeitreise, bei der die Backstreet Boys allem Anschein nach viel Spaß hatten. Sie scherzten und lachten ausgiebig miteinander, während eher die Musik denn der Effekt im Vordergrund stand. Neben großen Videoscreens, reichlich Lichtunterstützung und ein paar Outfitwechseln gab es diesbezüglich nämlich kaum etwas zu bewundern. Für spektakuläre Shows sind ganz offensichtlich andere zuständig. Diese Band zehrt lieber von einem Status, den sie in Jugendtagen erreicht hat. Die Darbietung selbst wird dabei zur Nebensächlichkeit. Kreisch!

APA/Christoph Griessner

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