"Wollen keine Worte"
Missbrauchs-Opfer enttäuscht über Papst-Brief
"One in Four" ließ kein gutes Haar am Hirtenbrief des Papstes, denn das Schreiben konzentriere sich zu stark auf die rangniederen irischen Priester, ohne die Verantwortung des Vatikans zu unterstreichen.
"Wir wollen endlich von der Kirche Taten sehen. Dazu gehört die Auslieferung aller Täter, Mitwisser und Helfershelfer an staatliche Gerichte ebenso wie eine Entschädigung und Wiedergutmachung, welche diesen Namen auch verdient", erklärt der Österreicher Klaus F., der Opfer von sexueller Gewalt in kirchlichen Einrichtungen war, in einer Aussendung von "Betroffene kirchlicher Gewalt". Klaus F. hat mit der Erzählung seiner Erlebnisse die jüngste Debatte in Österreich ausgelöst. Die Plattform, die bald einen Verein gründen will, fordert von der Kirche Schadenersatz und hat eine Sammelklage angedroht.
"Schweigen des Papstes kommt nicht gut"
Die deutsche Reformbewegung "Wir sind Kirche" teilte in einer Stellungnahme mit, es sei sehr schade, dass sich der Papst nicht zu den Missbrauchsfällen in Deutschland geäußert hat. "Das Schweigen des Papstes kommt nicht gut. Es wird sicher nicht seine Autorität und sein Ansehen in der Kirche erhöhen. Dabei hätte ihm schon ein Wort des Mitgefühls an die Opfer Sympathien eingebracht", sagte Christian Weisner, Sprecher der Initiative. Der Brief vermittle den Eindruck, es gehe dem Papst hauptsächlich um das Ansehen der Kirche.
Problematisch sei, dass der Papst am traditionellen Priester-Bild festhalte. "Der Priester hält den Schlüssel zu den Schätzen des Himmels: Er ist es, der die Tür öffnet; er ist der Statthalter des guten Herrn; der Verwalter seiner Güter", zitiert Benedikt XVI. in dem Hirtenbrief einen heiliggesprochenen katholischen Priester aus dem 19. Jahrhundert. "Mit so einem Priester-Bild kommen wir nicht weiter", so Weisner.
Papst: "Vertrauen verraten und Schande gebracht"
In dem von Opfern kritisierten Hirtenbrief hat der Papst jene Geistlichen und Priester, die des Missbrauchs schuldig sind, aufgefordert, "sich vor Gott und den Gerichten für die schändlichen und kriminellen Taten, die sie begangen haben, zu verantworten". Sie hätten ein heiliges Vertrauen verraten und Schande über ihre Mitbrüder gebracht.
Auszüge aus dem Hirtenbrief findest du in der Infobox!
"Ein großer Schaden ist verübt worden, nicht nur an den Opfern, sondern auch an der öffentlichen Wahrnehmung des Priestertums und dem religiösen Leben in Irland gegenüber. Während der Papst von ihnen verlangt, dass sie sich der Justiz beugen, erinnert er sie daran, dass sie auf die Barmherzigkeit Gottes vertrauen müssen, die er freiwillig auch den größten Sündern angeboten hat, wenn sie ihre Taten bereuen und mit Demut um Verzeihung bitten", heißt es in einer vom Vatikan veröffentlichten Zusammenfassung des Hirtenbriefes.
Österreich und Deutschland, wo zuletzt ebenfalls Missbrauchsfälle in kirchlichen Einrichtungen bekannt wurden, erwähnte der Papst in dem Schreiben nicht explizit.
Tausendfacher Missbrauch in Irland
Die katholische Kirche in Irland war im vergangenen Jahr durch zwei Untersuchungsberichte schwer erschüttert worden, die den jahrzehntelangen tausendfachen Missbrauch von Kindern unter dem Dach der Kirche dokumentiert hatten. Mehr Infos dazu findest du in der Infobox.
Schönborn: "Brief auch an uns in Österreich geschrieben"
Kardinal Christoph Schönborn sieht in dem Hirtenbrief des Papstes auch eine klare Maßgabe für Österreich. "Man spürt in diesem Brief, dass der Papst die Enttäuschung und auch den Zorn sehr wohl wahrgenommen hat - und es ist ihm klar, dass der nicht nur auf Irland beschränkt ist", sagte Schönborn am Samstag gegenüber Kathpress. "Dieser Brief ist auch an uns in Österreich geschrieben", so der Wiener Erzbischof und Vorsitzende der Österreichischen Bischofskonferenz.
Für Schönborn hat der Hirtenbrief die "erhoffte und wünschenswerte Klarheit", die nichts diplomatisch verschleiere. "Die Klarheit, mit der der Papst von der Verantwortung spricht, tut uns allen gut. Sie ist unbedingt notwendig und eine klare Maßgabe, an die wir uns unbedingt halten müssen." Nach Ansicht des Kardinals passen die einzelnen Punkte, die Benedikt XVI. anspricht, "eins zu eins" auf die österreichische Situation.
Kapellari: "Brief ist klarer Auftrag"
Der steirische Diözesan-Bischof Egon Kapellari hat Hirtenbrief als "klare Unterstützung der offensiven Linie der österreichischen Bischöfe in ihrer jüngsten Erklärung" gewertet. Weiters sei der Brief ein "klarer Auftrag, den eingeschlagenen Weg einer umfassenden Aufklärung, Hilfe für alle Opfer und bestmöglichen Prävention für die Zukunft konsequent weiter zu verfolgen".
"Der Papst sucht keine Entschuldigungen"
Der vatikanische Pressesprecher Federico Lombardi betonte, dass der Hirtenbrief "eine Etappe auf einem Weg" sei, damit wolle der Papst nicht alle Probleme beseitigen, die mit den Missbrauchsfällen verbunden seien. Wer die Geschichte und die Arbeit des Papstes kennt, wisse, dass er seit jeher eine Führungsposition bei der Suche nach Klarheit und Kohärenz innegehabt habe und stets gegen Schweigen oder Verstecken bei Missbrauchsfällen gewesen sei. "Der Papst sucht keine Entschuldigungen", so Lombardi.
Auf die Frage, warum der Papst im Hirtenbrief nicht die Missbrauchsfälle in anderen Ländern erwähnt habe, antwortete Lombardi, der Papst habe sich in seinem Schreiben ausschließlich auf die Lage in Irland konzentrieren wollen. Sollte er es für notwendig halten, so werde sich der Papst auch mit den Problemen in anderen Ländern befassen. "Die Situation ist von Land zu Land sehr unterschiedlich, und für jede Kirche muss die Lage auf spezifische und tiefgründige Weise in Angriff genommen werden."







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