"Ich hätte mit den Studierenden gesprochen", meint Beatrix Karl im Gespräch mit der "Krone" nach ihrer Präsentation als neue Wissenschaftsministerin am Montagvormittag. "Als langjährige Universitätsprofessorin sehe ich Polizisten nicht gerne an der Uni", sagt sie im Hinblick auf die Räumung des Audimax.
Sie werde daher auf den Dialog mit den Hochschülern setzen - die sie am Montag zwar nicht sehr freundlich begrüßten, aber mit einer Einladung zu einem Diskussionsabend im Audimax aufwarteten.
Auch von der Möglichkeit eines Lastenausgleichs mit Deutschland, wie ihn die Bundesregierung samt Hahn während dem Höhepunkt der Proteste anstrebte, hält sie nicht viel. Dass das Nachbarland für seine nach Österreich "flüchtenden" Studenten zahle, sei "wohl nicht durchsetzbar", so Karl zur "Krone".
Für Studiengebühren, Beschränkungen und Bologna
In einem weiteren Interview, das die Austria Presseagentur führte, outete sich Karl am Montag als Anhängerin von Studiengebühren, des neuen Bologna-Systems und Fächer-Zugangsregelungen. Im Folgenden das Gespräch in Frage-Antwort-Form:
Frage: Es hat in den vergangenen Wochen zahlreiche Absagen für den Posten des Wissenschaftsministers gegeben, sehr früh auch eine von Ihnen. Ist das ein so unattraktiver Job?
Beatrix Karl: Meine Absage kam, als ich noch gar nicht konkret gefragt worden bin und ich mich mit diesem Gedanken noch nie auseinandergesetzt gehabt habe. Eines ist natürlich klar, es gibt im Bereich der Hochschul- und Forschungspolitik viele Baustellen. Es ist hier einiges zu tun und eine große Verantwortung, die ich aber sehr gerne übernehme.
Wo würden Sie hier gerne den Spaten ansetzen, auch im Rückblick auf 23 Jahren Erfahrung an der Uni?
Karl: Die größten Baustellen sind derzeit in der Umsetzung des Bologna-Modells - wobei ich das Bologna-Modell selbst begrüße. Denn es kommt europaweit zu einer Vereinheitlichung der Studien und der Anerkennung der Leistungen. Damit wird Studenten erleichtert, im Ausland zu studieren und nach dem Studium zu arbeiten. Es kommt zu Studienzeitverkürzungen und ermöglicht eine flexiblere Gestaltung des Studiums. Wo ich das Problem sehe, ist die Umsetzung in Österreich. An manchen Unis ist diese sehr gut erfolgt, da wurde tatsächlich über neue Studienpläne nachgedacht. An anderen wurde aber der Fehler begangen, keine neuen Studienpläne zu entwickeln und achtsemestrige Diplom- einfach in sechssemestrige Bachelorstudien zu ändern. Dass das nicht funktionieren kann, liegt auf der Hand, dass hier die Studenten unzufrieden sind, verstehe ich. Es wird meine Aufgabe sein, mich mit den Verantwortlichen zusammenzusetzen und ihnen diese Fehlentwicklungen zu reflektieren. Und dann muss man darüber sprechen, wie wirklich gute Bachelor-Studienpläne aussehen können. Mir geht es darum, das Bologna-Modell in Österreich dazu zu machen, was es sein soll. Denn es bietet Chancen für unsere Studierenden.
Wie haben Sie die Studenten-Proteste im Herbst erlebt, halten Sie die Anliegen für legitim?
Karl: Es ist völlig legitim, dass sich Studierende aufregen und zu Protestmaßnahmen greifen. Ich verstehe den Unmut der Studierenden bezüglich der Umsetzung des Bologna-Modells oder was die Massenstudien betrifft. Es ist klar, wenn in einem Hörsaal Hunderte Studenten sitzen, leidet die Qualität, und die Leidtragenden sind die Studenten und die Lehrenden.
Es gibt zwei Möglichkeiten, Massenstudien zu begegnen: Studiengebühren und Zugangsbeschränkungen. Was halten Sie davon?
Karl: Ich stehe dazu, dass ich Studiengebühren für sinnvoll halte. Diese müssen an den Unis bleiben, und das Geld muss für den Ausbau des Stipendiensystems verwendet werden. Studiengebühren darf es nur mit einem effizienten, funktionierenden Stipendiensystem geben.
Und Zugangsbeschränkungen?
Karl: Ich bin auch für Zugangsregelungen, wobei die Möglichkeiten dafür sehr vielfältig sind. Wir haben ja schon an vielen Universitäten, Fachhochschulen und Pädagogischen Hochschulen Zugangsregelungen, das geht von Aufnahmeprüfungen bis zu Bewerbungsgesprächen. Hier muss man sich die Bandbreite ansehen. Es wäre nicht sinnvoll, ein Modell für alle Unis vorzusehen. Das ist überhaupt ein großer Fehler in der Hochschulpolitik, dass alle 21 Unis über einen Kamm geschoren werden. Unis sind sehr unterschiedlich, eine Kunstuniversität hat andere Bedürfnisse und Voraussetzungen als eine technische oder medizinische Uni. Es wäre nicht gut zu sagen, es muss ein Modell für Zugangsregelungen geben, da muss man eine Vielfalt zulassen.
Glauben Sie, dass Sie für diese Anliegen die notwendige Zustimmung der SPÖ erhalten werden?
Karl: Ich hoffe und werde die notwendigen Gespräche führen.
Apropos SPÖ. Wie verstehen Sie sich mit Ihrer "Spiegelministerin" in der Koalition, Unterrichtsministerin Claudia Schmied?
Karl: Ich habe als ÖAAB-Generalsekretärin einmal ein Gespräch mit ihr gehabt, das war sehr gut, und ich freue mich auf die Zusammenarbeit.
Sie gelten gemeinhin als Befürworterin einer gemeinsamen Schule der Zehn- bis 14-Jährigen, ich habe aber noch kein Zitat gefunden, das das belegen würde. Sind Sie tatsächlich für die Gesamtschule?
Karl: Ich wurde einmal dazu befragt, und meine Antwort war damals wie heute: Wir haben eine Gesamtschule, das ist am Land die Hauptschule und im Stadtgebiet das Gymnasium. Die Frage ist, verstehen wir das unter Gesamtschule, oder soll das etwas anderes sein? Für mich geht es nicht um Ja oder Nein, die Frage ist vielmehr, welche Gesamtschule, wie sieht ein konkretes Modell aus, über das wir diskutieren können? Hier gibt es so breite Möglichkeiten, dass ich weder Ja noch Nein in dieser Allgemeinheit sagen kann. Ich müsste da ein konkretes Modell vor Augen haben.
Das gibt es bereits mit der "Neuen Mittelschule".
Karl: Die "Neue Mittelschule" begrüße ich sehr als Aufwertung der Hauptschule. Was mich stört dabei, ist, dass "Neue Mittelschulen" mehr finanzielle und personelle Mittel bekommen. Würden wir wirklich für Ressourcengerechtigkeit sorgen und einer normalen Hauptschule auch diese Mittel zur Verfügung stellen, würde diese ähnliche Erfolge erzielen. Das wäre interessant, das auszuprobieren, weil dann wirklich Vergleichbarkeit da wäre. Wenn wir in die Evaluierungsphase kommen, wäre es unfair, zwei Modelle zu vergleichen, die unterschiedliche Ressourcen haben.
Ist für Sie vorstellbar, dass die "Neue Mittelschule" die AHS-Unterstufe ablöst?
Karl: Das könnte ich mir zum momentanen Zeitpunkt nicht vorstellen. Aber man muss schauen, wie sich das alles entwickelt, wir kommen ja erst in die Evaluierungsphase.
Sie haben den Vorteil, dass Ihr Bundesparteiobmann auch Finanzminister ist. Gab es zu Ihrer Bestellung auch eine Morgengabe?
Karl: Die Morgengabe ist im Zivilrecht abgeschafft worden. Über finanzielle Dinge wurde überhaupt noch nicht verhandelt. Aber natürlich würde ich mir mehr Geld für die Unis wünschen.
Steckbrief und Lebenslauf
Mag. Dr. Beatrix Karl
geboren am 10. Dezember 1967 in Graz, ledig
Studium in Graz, ab 1991 Universitätsassistentin
1996 Doktorat Rechtswissenschaften in Graz
2001 Assistenzprofessorin in München
ab 2003 außerordentliche Universitätsprofessorin in Graz, Habilitationsschrift: "Die Auswirkungen des europäischen Wettbewerbsrechts sowie der Freiheiten des Waren- und Dienstleistungsverkehrs auf die Sachleistungssysteme am Beispiel der sozialversicherungsrechtlichen Krankenbehandlung in Österreich"
ab 2006 Abgeordnete zum Nationalrat
ab Anfang Dezember 2008 Sprecherin der ÖVP für Wissenschaft
ab Juli 2009 Generalsekretärin des ÖAAB
ab Ende Jänner 2010 Ministerin für Wissens
Da dieser Artikel älter als 18 Monate ist, ist zum jetzigen Zeitpunkt kein Kommentieren mehr möglich.
Wir laden Sie ein, bei einer aktuelleren themenrelevanten Story mitzudiskutieren: Themenübersicht.
Bei Fragen können Sie sich gern an das Community-Team per Mail an forum@krone.at wenden.