28.09.2018 09:20 |

100 ungeklärte Fälle

Ein Friedhofsgärtner als möglicher Serienmörder

Fünf Morde soll ein Friedhofsgärtner in Deutschland begangen haben, doch es könnten viel mehr sein, darunter auch die sogenannten Göhrdemorde, die 1989 bei unseren Nachbarn bundesweit für Schlagzeilen sorgten. Die Polizei prüft mögliche Zusammenhänge mit rund 100 ungeklärten Verbrechen und Vermisstenfällen. In Lüneburg im Bundesland Niedersachsen laufen die Fäden zusammen, dort wurde vor einem Jahr eine Leiche gefunden. Der Gärtner selbst wird sich nicht mehr zu den Morden äußern, er nahm sich 1993 selbst das Leben. Fest steht: An dem Fall werden die Ermittler weiterarbeiten, möglicherweise Jahre.

Eine gediegene Wohngegend am Stadtrand von Lüneburg, das Einfamilienhaus steht am Ende einer Sackgasse. Ein Rotklinkerbau mit Hecke und Wintergarten, dahinter eine kleine Anhöhe mit Bäumen. Unter der Garage des Hauses ist vor einem Jahr die Leiche der seit 1989 vermissten Birgit Meier gefunden worden. Ihr Bruder - der ehemalige Leiter des Landeskriminalamts Hamburg, Wolfgang Sielaff, - hat die Suche nie aufgegeben.

Privat hat der Kriminalist weiter ermittelt. Am Mittag des 29. September 2017 machen er und sein Team den grauenvollen Fund, der nach Jahrzehnten Gewissheit bringt. Mit Erlaubnis der Eigentümer hat Sielaff das Haus erneut untersucht und den Betonboden der Garage aufgestemmt. Er will sich nach dem Fund nicht in der Öffentlichkeit äußern. Der einstige Besitzer des Grundstücks war schon früh in den Fokus der Ermittler gerückt. Doch der Friedhofsgärtner nahm sich 1993 das Leben, da saß der 40-Jährige wegen anderer Vorwürfe in Haft. Bereits damals hatte die Polizei das Haus durchsucht und war auf Waffen, Fesseln und anderes verdächtiges Material gestoßen.

„Verbindungen zu rund 100 ungeklärten Taten“
„Derzeit werden mögliche Verbindungen zu rund 100 ungeklärten Taten überprüft“, sagte Mathias Fossenberger, Sprecher der für den Fall zuständigen Polizeidirektion Lüneburg. Hatte das Landeskriminalamt Niedersachsen zunächst zwei Dutzend Fälle in Betracht gezogen, haben sich mittlerweile 42 Dienststellen gemeldet, „die ungefähr 100 verschiedene interessante Fälle geliefert haben“, so der Polizeisprecher. Darunter seien auch Vermisstenfälle.

Hintergrund: Die Polizei hat in Lüneburg eine sogenannte Clearingstelle eingerichtet, dort laufen die Fäden zusammen. „So sollen andere Dienststellen im In- und Ausland in die Lage versetzt werden, ihre Fälle anhand der sogenannten Göhrdemorde abzugleichen“, sagte Fossenberger. Der Fall hatte 1989 bundesweit für Schlagzeilen gesorgt, in dem Waldgebiet östlich von Lüneburg waren zwei Paare ermordet gefunden worden. Sie waren erschossen, erschlagen und stranguliert worden.

Die Polizei hat nun ein Bewegungsbild des Gärtners erstellt, der längere Zeit auch in Karlsruhe im Bundesland Baden-Württemberg gelebt hat. Alle denkbaren Verbindungen zu nicht aufgeklärten Morden sollen nun untersucht werden. „Aufgrund des aktuellen Ermittlungsstandes müssen wir von der Möglichkeit einer Vielzahl von Taten in Deutschland und vielleicht auch darüber hinaus ausgehen“, sagte Lüneburgs Polizeipräsident Robert Kruse.

„Sollte er wirklich für so viele Tötungen verantwortlich sein, dann gibt es zumindest in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg kaum Fälle, die daran hereinreichen“, sagte Kriminalist Stephan Harbort, Experte für Serienmorde. „Nur wenn man serielle Patiententötungen mit betrachtet, kommt man auf ähnliche Opferzahlen.“ So muss sich der ehemalige Krankenpfleger Niels Högel ab Ende Oktober vor dem Landgericht Oldenburg wegen Mordes an 98 Patienten verantworten. Wegen sechs Taten wurde er bereits verurteilt und sitzt lebenslang in Haft.

Blutstropfen brachte Ermittler erneut auf die Spur
Im Fall von Birgit Meier hat ein Blutstropfen an einer Handschelle aus dem Haus des Gärtners im Herbst 2016 die Ermittler erneut auf die Spur gebracht. DNA-Treffer weisen auch auf den Friedhofsgärtner als Verantwortlichen für die „Göhrdemorde“ hin.

Im vergangenen April hat die Polizei in dem ehemaligen Haus des Mannes eine wochenlange Suche gestartet, auch Bagger und Hunde kamen dabei zum Einsatz. „Es wurden etwa 400 Spuren und Gegenstände sichergestellt“, sagte Fossenberger. Davon sei ungefähr die Hälfte dem Landeskriminalamt Niedersachsen zur weiteren Untersuchung zugesandt worden. „Zu einigen dieser Spuren liegen bereits Gutachten vor“, sagte Fossenberger. „Hier sind jedoch in mehreren Fällen Anschlussuntersuchungen erforderlich.“ Geprüft wird, ob darunter möglicherweise auch Gegenstände der Opfer der „Göhrdemorde“ sind.

An dem Fall werden die Ermittler weiterarbeiten, möglicherweise Jahre. „Angesichts der Rückmeldungen der anderen Dienststellen wird der Fall die Polizei nüchtern betrachtet noch eine lange Zeit beschäftigen“, sagte Fossenberger. Auch andere Fragen müssen die Ermittler noch klären: Bisher sind die Motive des Verdächtigen offengeblieben. Dabei könnte der Mann zumindest in einigen Fällen von einem als Beschuldigten geführten möglichen Komplizen unterstützt worden sein.

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