Di, 21. August 2018

Alltag in Afghanistan

10.06.2018 12:18

Sex-Terror und Gewalt lassen Online-Shops boomen

Die schlechte Sicherheitslage in Kabul beschert dem Online-Handel ein blühendes Geschäft: Um der Gefahr von Anschlägen und der weit verbreiteten sexuellen Belästigung in der afghanischen Hauptstadt zu entgehen, kaufen viele Afghanen und Afghaninnen lieber im Internet ein. Dutzende Start-ups haben die Chance erkannt.

Unter Adressen wie AzadBazar.af, afom.af, JVBazar.com oder zarinas.com verkaufen sie online Waren von Kosmetikprodukten über Computer, Geschirr und Möbel bis hin zu Autos, Teppichen und Wohnungen. Eine Webseite hat sich auf ausländische Marken wie Rolex, Adidas und Zara spezialisiert.

„Wer wagt heute noch, draußen einkaufen zu gehen?“
Die Studentin Asila Sulaimani beschreibt den Einkauf im Internet als gute Erfahrung in einem Land im Krieg, in dem mehr als 60 Prozent der Bevölkerung unter 25 Jahre alt und begeisterte Smartphone-Nutzer sind. „Wer wagt heutzutage noch, draußen einkaufen zu gehen?“, fragt sie. „Ich bin sicher, dass es solche Leute gibt, aber für mich war das immer schwierig. Die Furcht vor einer Explosion, einem Anschlag oder der üblichen Belästigung verfolgt mich wie ein Schatten.“

Tamim Rasa ist der Gründer von Rasa online. Der 28-Jährige begann sein Geschäft vor acht Monaten mit einem Startkapital von 30.000 Dollar (rund 25.000 Euro). Seither hat er Verträge mit mehr als 60 Läden und Händlern abgeschlossen. Frauen machen 80 Prozent seiner Kunden aus, nachgefragt wird von ihnen vor allem Kosmetik. Rasas Laden verfügt noch nicht einmal über ein Lager, es gibt nur ein Büro mit acht Beschäftigten. „Wir verstehen uns als Brücke zwischen den Leuten und den großen Läden und Händlern“, sagt er. „Vor einem Monat konnten wir kaum unsere Kosten decken, inzwischen schaffen wir einen Profit von 1000 bis 3000 Afghanis am Tag (rund zwölf bis 36 Euro). Es zeigt, dass wir wachsen.“ Rasa plant mittlerweile die Expansion - nach Herat im Westen, Kandahar im Süden, Balkh im Norden und Nangarhar im Osten.

Afghanen müssen über Schleichwege einkaufen gehen
Esmatullah ist 27 Jahre alt und der Besitzer von Afghan Mart. Das größte Problem ist für ihn die schlechte Sicherheitslage in der Stadt. Viele Einwohner, die ihr Haus verlassen müssen, wählen Schleichwege durch enge Seitenstraßen und schlagen sich manchmal durch anderer Leute Grundstücke und Gärten durch, um die Gefahr auf den großen Straßen und Kreuzungen zu meiden. „Wir beobachten mehr Bombenanschläge, was unseren Lieferservice in Kabul behindert“, berichtet Esmatullah. „Im Falle eines Anschlags stoppen wir die Auslieferung im betroffenen Teil der Stadt.“ Andererseits sei die schlechte Sicherheitslage einer der Gründe, weshalb sich sein Geschäft überhaupt rentiere. „Abgesehen von der Gewalt sind unsere Frauen in den Städten alltäglich miesen Belästigungen ausgesetzt.“

Die Waren werden mit dem Motorrad, oder - wo dies möglich ist - mit dem öffentlichen Nahverkehr transportiert. Die Paketboten verdienen bis zu 8000 Afghanis (rund 95 Euro) pro Monat. Die Regierung in Kabul ermutigt zur Gründung weiterer Online-Shops. Der Sprecher des Wirtschaftsministeriums, Musafer Kokandi, sagt, inzwischen tummelten sich in dem Bereich etwa 50 Firmen, die meisten von ihnen ohne eine Lizenz. „Weltweit machen Online-Shops jedes Jahr Milliarden von Dollar an Umsatz. Es ist an der Zeit für uns, dass wir auch dabei sind“, erklärt der Sprecher. Die Studentin Roya Shakeb stimmt ihm zu. „Ich brauchte einige Bücher für meine Prüfung. In den Buchläden und Bibliotheken hatte ich keinen Erfolg, aber dann habe ich mich im Internet umgeschaut“, sagt sie. „Am nächsten Tag war das Buch bei mir zu Hause. Es ist unglaublich.“

 krone.at
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