Mo, 24. September 2018

Tiefgehendes Adventure

24.05.2018 16:46

Detroit: Become Human: Viele Fragen, keine Antwort

Mit „Detroit: Become Human“ präsentieren die französischen Entwickler von Quantic Dream nach „Heavy Rain“ und „Beyond: Two Souls“ ihr nächstes interaktives und tiefgehendes Spiel-Film-Adventure für die PS4. Für Gamer bedeutet das vor allem eines: unbequeme Entscheidungen zu Fragen zu treffen, auf die es aktuell noch keine Antworten gibt. Ein Spiel, das nachdenklich stimmt.

Detroit im Jahr 2038. Die US-Metropole hat sich vom Joch der Arbeit befreit, Androiden der Firma Cyberlife kümmern sich stattdessen um nahezu sämtliche Belange des Alltags. Wer es sich leisten kann, widmet sich fortan den schönen Seiten des Lebens. Doch nicht wenige Menschen haben durch die Maschinen ihren Job verloren. Entsprechend groß ist ihr Hass auf die Roboter. Nicht selten werden diese misshandelt und erniedrigt, bis sie eines Tages aufbegehren - und die größte Errungenschaft der Menschheit plötzlich droht, ihr Untergang zu werden.

„Detroit: Become Human“ erzählt dabei die Geschichten dreier ganz unterschiedlicher Androiden, deren Schicksale jedoch miteinander verknüpft sind und sich im späteren Verlauf auch kreuzen. Da wäre zum einem die Haushalts-Androidin Kara, die nach Jahren der Ausbeutung nach einem Leben in Freiheit sinnt. Zum anderen Markus, dem die „Gnade der Geburt“ zuteil wurde, in behüteten Verhältnissen „aufzuwachsen“. Und schließlich wäre da noch Connor, ein fortschrittlicher Detektiv-Androide, bei dem das Gelinger der Mission vor allem anderen steht. Gemein sind ihnen zutiefst menschliche Emotionen wie die Sehnsucht nach Freiheit und Selbstbestimmung, aber auch Selbstzweifel und innere Widerstände sowie die Suche nach einem Platz in der Gesellschaft.

Wie diese in Zukunft aussehen soll, ist allerdings eine der großen Fragen, die die Entwickler von Quantic Dream („Heavy Rain“, „Beyond: Two Souls“) aufwerfen. Denn was unterscheidet die Maschine noch vom Menschen, wenn sie nicht nur aussieht, sondern auch denkt und fühlt wie dieser und ihr eigenes Bewusstsein hat? Hat der Mensch dann noch das Recht, der Maschine Unrecht zu tun oder müssten nicht beide Spezies gleichberechtigt miteinander leben? Andererseits, wenn die Maschine dem Menschen ebenbürtig oder gar überlegen ist, wie ist es dann um dessen - unsere - Zukunft bestellt? Ist der künstlich intelligente Androide die nächste logische Entwicklungsstufe in der Evolution, die den Homo Sapiens verdrängt?

Doch wer ist hier das Monster?
Unter dieser erzählerischen Meta-Ebene, die sich mit Fragen der künstlichen Intelligenz, der Zukunft der Arbeit und den Folgen der Digitalisierung befasst, gibt es allerdings noch eine weitere, offensichtlichere Ebene im Spiel, die ein weitaus mittelbareres Problem thematisiert. Denn vordergründig geht es um Ausgrenzung, Unterdrückung, Verfolgung und die Angst vorm Fremden, kurzum: Rassismus.  
Wenn Androiden von ihren „Meistern“ geschlagen werden, im Bus nur hinten stehen dürfen oder am friedlichen Demonstrieren gehindert werden, dann weckt das unweigerlich Erinnerungen an die afroamerikanische Geschichte in den USA, an Rosa Parks und Martin Luther Kings Marsch über die Brücke von Selma. „Die Welt wird von Angst regiert, Angst vor anderen“, sagt einer der Protagonisten - „doch wer ist hier das Monster?“, fragt ein anderer.

Das zu entscheiden, liegt in den Händen des Spielers. Wählt man wie Martin Luther King den Weg des gewaltfreien Widerstands oder strebt man wie Malcolm X „by all means necessary“, also mit allen erforderlichen Mitteln nach dem Recht auf Selbstbestimmung? Und welche Motive liegen dabei dem eigenen Handeln zugrunde: das eigene Wohl oder das der Gemeinschaft? Anders gefragt: Ist man bereit dazu, sich für die Sache zu opfern - und zwar mit sämtlichen sich daraus ergebenden Konsequenzen? „Zum ersten Mal sagte mir niemand, was zu tun war“, sagt einer der „Abweichler“ genannten Androiden, die gegen das herrschende System aufbegehren - und bringt damit zum Ausdruck, dass aus großer Freiheit auch große Verantwortung folgt.

Unbequeme Entscheidungen
Die spielerische Herausforderung ist denn auch weniger motorischer Art, wenngleich auch „Detroit: Become Human“ von den für Quantic Dream typischen Quick-Time-Events Gebrauch macht und mitunter sekundenschnelle Entscheidungen abverlangt - zum Beispiel, wenn es sich während einer Verfolgungsjagd zwischen dem langsameren, aber sichereren Umweg oder dem direkteren, aber riskanteren Weg zu entscheiden gilt. 
Die eigentliche Herausforderung des Titels liegt vielmehr darin, moralische und zumeist unbequeme Entscheidungen zu treffen, die den Spielverlauf teils entscheidend beeinflussen.

Das weitverzweigte Ablaufdiagramm am Ende eines jeden Abschnitts zeigt, wie sehr selbst kleinste Elemente Auswirkungen auf das große Ganze haben können und an welchen Momenten im Spiel der Verlauf der Geschichte eine bedeutsame Wendung genommen hat. Wer möchte, kann selbst durchprobieren bzw. -spielen, wie sich andere Entscheidungen auf den Spielverlauf auswirken und wahlweise die gesamte Geschichte oder auch nur einzelne Kapitel erneut durchleben. Vorher, empfehlen die Entwickler, sollte man „Detroit: Become Human“ aber einmal durchgespielt haben, was im Test um die zehn bis zwölf Stunden in Anspruch genommen hat.

Fazit: „Detroit: Become Human“ ist ein cineastisch inszeniertes und packend erzähltes „Drama-Adventure“, das - Anleihen bei Science-Fiction, klassischen Detektiv-Storys und auch dem Horror-Genre nehmend - beim Spieler vor allem eines schafft: Fragen aufzuwerfen und damit zum Denken anzuregen. Fragen, die brandaktuell sind und von uns als Menschheit in den kommenden Jahren dringend Antworten verlangen - sei es, was das Thema Migration betrifft, oder wie wir auf Fortschritte im Bereich der künstlichen Intelligenz reagieren.  Dass sich der Titel in spielerischer Hinsicht - wie bereits seine Vorgänger - zuweilen im Banalen verliert (Wäsche abhängen, Essen servieren etc.), ist angesichts daraufhin wieder volle Aufmerksamkeit und Reaktionsschnelligkeit abverlangender Momente verzeihbar. Gerade das Wechselspiel aus actiongeladenen und nachdenklichen, ruhigen Momenten trägt letztlich positiv zur Identifikation des Spielers mit den handelnden Figuren bei. Im besten Falle gelingt (nicht zuletzt dank hervorragender Motion-Capture-Arbeit teils prominenter Schauspieler), was in naher Zukunft auch uns Menschen passieren könnte: dass wir Empathie für die Maschinen empfinden.

Sebastian Räuchle
Sebastian Räuchle

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