Samoa-Flutwelle
Österreicher erlebten Tsunami in der Südsee
Dirnberger und sein 14-jähriger Sohn Markus befanden auf der Insel Savai’i als der Horror begann. Beide lagen noch in ihren Betten, plötzlich bebte die Erde. "Eine Minute lang", schildert der Linzer, der seit Jahren in Australien arbeitet und lebt. "Das Zittern der Erde hat mich aus dem Schlaf gerissen." Dann ging alles Schlag auf Schlag: Das Meer zog sich immer weiter zurück, kehrte als Flutwelle wieder.
"Die Evakuierung des Hotels ging rasch voran. Wir wurden in einer Schule auf einem Vulkan in etwa 100 Meter Höhe untergebracht", schildert der Familienvater. "Die Leute waren, wie wir auch, verängstigt. Aber zum Glück ist keine Massenpanik entstanden." In dieser Schule schossen dem Linzer und seinem Sohn dann die Fernseh-Tsunamibilder aus dem Jahr 2004 in den Kopf. Die vielen Toten, die zerstörten Gebäude, die tonnenschweren Schiffe, von den Wellen auf die Inseln getragen, als wären sie aus Sperrholz.
Aber die beiden Österreicher hatten großes Glück. Das Meer stabilisierte sich wieder, alle konnten das schützende Gebäude auf dem Vulkan unverletzt verlassen. Dann trudelten schon die Meldungen von Menschen ein, die nicht so viel Glück hatten: Mehr als 100 Tote, ganz in der Nähe auf Samoas zweiter Hauptinsel Upolu, ausgelöschte Dörfer, weggeschwemmte Häuser, ins Meer gerissene Urlauber. Weil Claus Dirnberger für das australische Außenministerium tätig ist, muss er statt weg sogar näher hin: "Das ist mein Job. Ich muss sehen, ob ich dort jemandem helfen kann."
Gewaltiges Beben um 06.48 Uhr morgens
Das Beben hatte nach unterschiedlichen Messungen eine Stärke von 8,0 bis 8,3. Das Zentrum des Erdstoßes um 06.48 Uhr Ortszeit (19.48 Uhr MESZ Dienstag) lag 32 Kilometer unter dem Meeresboden, etwa 190 Kilometer von der nächsten Insel entfernt. Die zwischen Hawaii und Neuseeland gelegene Inselgruppe hat rund 245.000 Bewohner in zwei Staaten: Samoa im Westen und Amerikanisch-Samoa im Osten. Für den gesamten Südpazifik bis nach Neuseeland wurde eine Tsunami-Warnung ausgelöst. Auch in Japan und selbst in Kalifornien wurden die Behörden in Alarmbereitschaft versetzt. Dem Erdstoß folgten mindestens drei schwere Nachbeben mit einer Stärke von mindestens 5,6.
Die Flutwellen machten mehrere Ortschaften dem Erdboden gleich. Menschen und Fahrzeuge wurden ins Meer gespült, Häuser zerstört. Wer sich retten konnte, floh in höher gelegene Gebiete. Insgesamt gibt es rund 100 Todesopfer. Schätzungen des Roten Kreuzes zufolge sind rund 15.000 Menschen direkt von den Auswirkungen der Flutwelle betroffen, Tausende von ihnen sind obdachlos.
Der Ministerpräsident von Samoa, Tuilaepa Sailele Malielegaoi, zeigte sich erschüttert. "So viel ist zerstört. So viele Menschen sind tot", sagte der Regierungschef an Bord eines Fluges aus Neuseeland nach Apia. "Ich bin so schockiert, so traurig."
Einige Dörfer nun bis Oktober ohne Strom
Bewohner der Hauptstadt von Samoa, Apia, flohen nach dem Beben im Morgengrauen in Panik aus ihren Häusern. "Es war das stärkste Erdbeben, das ich erlebt habe, und wir sind nach draußen gerannt", sagte Sulili Dusi einem lokalen Radiosender. "Man hat gesehen, wie die Bäume und Häuser schwankten. Alles ist auf den Boden gefallen, und wir dachten, das Haus stürzt auch ein." Apia war am Mittwochnachmittag praktisch menschenleer. Lokale Medien berichteten von mehreren Erdrutschen in der Region Solosolo auf Upolu. Einige Gebiete haben bis Ende Oktober keinen Strom.
In Pago Pago, der Hauptstadt von Amerikanisch-Samoa, waren die verschlammten Straßen voll mit umgestürzten Autos und Booten. Mehrere Gebäude wurden zerstört. Die USA riefen den Notstand für Amerikanisch-Samoa aus. Die Maßnahme von Präsident Barack Obama macht den Weg frei für Bundeshilfe in dem zu den USA gehörenden Gebiet. Dort gab es nach Angaben von Gouverneur Tulafono mindestens 30 Tote, die Zahl dürfte weiter steigen.
Kritik an Warnsystem: SMS kam zu spät
Der deutsche Honorarkonsul auf Samoa, Arne Schreiber, äußerte am Mittwoch Kritik am Tsunami-Warnsystem im Pazifik. Es funktioniere nämlich nicht über Sirenen, sondern über Textnachrichten auf dem Handy. Zentrale Stellen wie Bürgermeister und Hotelleitungen erhalten eine Warnung und geben diese dann weiter. Da aber das Epizentrum des Seebebens nur 100 Meilen entfernt gewesen sei, war der Tsunami in nur 15 Minuten auf Samoa angekommen. "Die Warnung kam eigentlich zu spät", sage Schreiber dem Westdeutschen Rundfunk.
Das vorausgegangene Erdbeben hatte laut dem Honorarkonsul in der ehemaligen deutschen Kolonie keine Schäden verursacht. Die Samoa-Inseln bestehen aus Vulkan-Gestein, das recht nachgiebig sei und ein Beben abpuffere. So seien durch das Beben keine Gebäude beschädigt worden. Erst der Tsunami sei an der Südküste "verheerend" über das Land hinweg gegangen.
Das Südseeparadies Samoa
Der Westteil Samoas war früher eine deutsche Kolonie und ist heute unabhängig. Der Ostteil gehört zu den USA. Auf den Inseln leben insgesamt rund 220.000 Menschen. (West-)Samoa machte zuletzt Anfang September Schlagzeilen, als die dortige Regierung gegen den Protest der Bevölkerung von Rechts- auf Linksverkehr umstellte. Die Inseln liegen auf halbem Wege zwischen Hawaii und Neuseeland, allerdings hinter der Datumsgrenze im Pazifik. Das Gebiet des Südseeparadieses umfasst rund 3.000 Quadratkilometer mit zwei Hauptinseln und acht kleineren Inseln. 99 Prozent der Einwohner leben auf den Hauptinseln Upolu mit der Hauptstadt Apia und Savai'i.







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