Mi, 14. November 2018

"Sitz gerade!"

23.06.2009 13:15

Porsche 911 Carrera 4S im Test

Mancherorts könnte man fast auf die Idee kommen, einen Porsche 911 zu fahren sei nichts Besonderes. In München zum Beispiel. Dort prägen sie in manchen Gegenden (wie etwa Schwabing) schon fast das Straßenbild, so „inflationär“ kurven sie dort herum. Okay, es mag zwar so sein, dass man da nicht auffällt, das Besondere an einem Neunelfer ist aber auch nicht die Exklusivität, sondern das Auto an sich.

Puh, wo sind wir hingekommen, wenn man in einem Auto, für das 126.220 Euro überwiesen wurden, nicht auffällt. Trösten wir uns damit, dass in München wohl die größte Porsche-Dichte Deutschlands herrscht. Apropos: Auch der 911 Carrera 4S ist ziemlich verdichtet, ebenso wie der Fahrer, der hinterm Steuer Platz nimmt. Der kann sich nämlich nicht gerade exzessiv ausbreiten in der engen Kanzel, der asketische Ledersitz weckt Erinnerungen („Sitz gerade!“). Beinahe möchte man denken, man sei ja nicht zum Spaß hier, aber wozu sonst?

Es geht eher ernst zu im 911, vielleicht kommt genau deshalb der Spaß nicht zu kurz. 385 PS und 420 Nm entspringen dem 6-Zylinder-Boxer. Der säuselt nicht, der brüllt nicht, nein, der faucht! Warum hat Peugeot den Löwen im Wappen, wenn doch der Porsche wie einer klingt! Und sich auch so verhält: bullig, antrittsstark, besonders mit dem Doppelkupplungsgetriebe (PDK) extrem geschmeidig, jederzeit zum Spurt bereit. So bereit, dass das PDK im manuellen Betrieb direkt vom 7. auf den 3. Gang runterschaltet, wenn man das Gaspedal auf den flauschigen Velours-Boden drückt. Darauf muss man erst mal gefasst sein.

Maximale Beschleunigung auch für Anzugträger
Aus dem Stand vergehen im Testwagen, der mit PDK und „Sport Chrono Paket Plus“ ausgestattet ist, vergehen 4,3 Sekunden für den Standardsprint von 0 auf 100, und das schafft dank Launch Control jeder (wie das geht, erklärt das Video). Wer nicht rechtzeitig vom Gas geht, fährt nach insgesamt 9,7 Sekunden schon 160 und nach nicht allzu langer Zeit 295 km/h, wenn es der Verkehr zulässt (was mir jedoch nicht beschert war).

Mit gedrückter Sport-Plus-Taste ist das adaptive Fahrwerk dabei beinhart, es kann aber auch ganz anders. In Normalstellung überrascht der 911er mit relativ komfortabler Abstimmung. So ganz entspannt cruisen ist aber trotzdem ein wenig anstrengend, weil die Muskeln in Motor und PDK irgendwie ständig unter Spannung stehen. Weich sind da höchstens die Knie der Beifahrerin, wenn dem Typen am Lenkrad das Adrenalin in die Adern schießt (sie findet übrigens „das 70er-Jahre-Velours furchtbar, weil‘s so langhaarig ist“).

Dank Allradantrieb, mechanischer Hinterachs-Quersperre und 305/235er-Mischbereifung kommt die Kraft komplett auf der Straße an. Trotz 4x4: Das Heck lebt!

Das PDK sorgt immer für die richtige der sieben Fahrstufen, und das mit einer Effizienz, die im Handbetrieb kaum zu machen ist. Das wirkt manchmal etwas hektisch, vor allem auf der Autobahn: Der 7. Gang ist als Spargang ausgelegt, was zur Folge hat, dass ständig runtergeschaltet wird, wenn man ein bisschen aufs Gas geht. Dadurch entsteht am Beifahrersitz gerne der Eindruck, der Fahrer würde rasen. Wer schnell fahren möchte, ohne böse Blicke von rechts zu ernten, sollte die perfekten Schaltpaddles ins Vertrauen ziehen und der Automatik eine Pause gönnen.

Erstaunlich genügsam!
Echt überrascht hat mich der Verbrauch des 3,8-Liter-Sportlers: Einigermaßen charakterstarke Personen kommen mit 12 l/100 km über die Runden, von der Passauer Grenze über Krems und Tulln bis nach Wolkersdorf (Weinviertel) habe ich es sogar mit durchschnittlich 10 Litern geschafft und hab’s zwischendurch „auch mal wissen wollen“. In der Münchner Innenstadt hat der Bordcomputer aber auch mal 24,8 Liter angezeigt. Man hat es also in der Hand, ob man ein schlechtes Gewissen haben muss oder nicht.

Auszeichnung als "Best New Engine 2009"
Dass der Motor echte Qualitäten hat, wurde den Zuffenhausenern auch vom britischen Fach-Magazin „Engine Technology International“ bescheinigt - mit der Auszeichnung "Best New Engine 2009". Immerhin wurde die Leistung bei dem Triebwerk um 8,5 Prozent gesteigert, während der Verbrauch (mit PDK) um 13 Prozent sank.

Alles perfekt?
Der Porsche ist ein Fahrzeug wie aus einem Guss, im Detail gibt es aber noch Potential für Verbesserungen. So müssten etwa die Memory-Knöpfe für die elektrische Sitzverstellung anderswo platziert werden, beim Rückwärts-Rangieren verstelle ich mir regelmäßig mit dem Knie den Sitz. Nicht die einzigen Tasten, die ich manchmal unbeabsichtigt drücke: Die Sport-Tasten am oberen Rand des Mini-Faches (sogar zu klein für die Sonnenbrille) streift man gerne, wenn man etwas herausnimmt. Überhaupt ist die Bedienung der Knopferlansammlung schon beinahe selektiv zu nennen. Außerdem dürfte der Verstellbereich des Lenkrades gerne größer sein. Es ist mir immer etwas zu weit weg, und meine Hand streift den Oberschenkel, was aber wiederum an der Enge des Cockpits liegt.

Herren mittleren oder höheren Alters werden gerne belächelt, wenn sie sich einen 911er zulegen. „Aha, midlife crisis, jaja…“, aber – das ist es wert!

Stephan Schätzl

Warum?

  • Ein 911er ist ein 911er ist ein 911er

Warum nicht?

  • Kein Bedarf für einen Zweitwagen (vom Geld wollen wir an dieser Stelle nicht sprechen)

Oder vielleicht …

  • … den 911 Targa 4S: wegen Glasdachöffnung und praktischer Heckklappe.

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