Stunde Null für GM
US-Autobauer GM hat Insolvenz angemeldet
Gut 100 Jahre nach seiner Gründung steht der führende US-Autokonzern damit am Scheideweg zwischen Neustart und Untergang. Mit General Motors und dem Rivalen Chrysler sind binnen eines Monats zwei der drei großen US-Hersteller in die Pleite gerast. Nur die Nummer zwei - Ford - will trotz Milliardenverlusten ohne Staatshilfe weitermachen. Die Entscheidung über die Zukunft von GM liegt nun in der Hand des Insolvenzrichters, für das Verfahren wird eine Dauer von 60 bis 90 Tagen angepeilt, hieß es von US-Regierungsbeamten.
Aktionäre gehen praktisch leer aus
Die US-Regierung übernimmt rund 60 Prozent an dem Konzern, Kanada 12 Prozent. Die Autogewerkschaft UAW erhält für Milliarden-Zugeständnisse knapp 18 Prozent an GM. Die Chancen für ein Überleben von GM stiegen zudem am Wochenende in fast letzter Minute durch eine Einigung mit den Zehntausenden Gläubigern. Für den Verzicht auf 27 Milliarden Dollar (19,2 Milliarden Euro) an Schulden sollen die Kreditgeber zehn Prozent am neuen Konzern bekommen, später können es bis zu 25 Prozent werden.
Die US-Regierung springt mit weiteren rund 30 Milliarden Dollar ein, um die Insolvenz zu finanzieren, Kanada ist mit knapp 10 Milliarden dabei. Damit haben die US-Steuerzahler rund 50 Milliarden in GM gepumpt. Die verbliebenen Aktionäre gehen praktisch leer aus.
Sofortige Finanzhilfe genehmigt
Ein Insolvenz Gericht hat inzwischen eine sofortige Finanzspritze der US-Regierung für den insolventen Autobauer in Höhe von 15 Milliarden Dollar (rund 10 Milliarden Euro) genehmigt. Mit der jetzt für die kommenden drei Wochen genehmigten Summe soll unter gerichtlicher Aufsicht die Restrukturierung vorangetrieben werden.
Das Gericht genehmigte außerdem vorläufig eine Gesamtsumme von 33,3 Milliarden Dollar für das Unternehmen. Endgültig soll darüber am 25. Juni entschieden werden. Eine Anhörung zu den Verkäufen von GM-Tochterunternehmen und Konzernteilen wurde für den 30. Juni angesetzt.
Autobauer soll gesundschrumpfen
Nach der de facto Verstaatlichung soll sich GM - geschützt vor dem Zugriff der Gläubiger - in der Insolvenz ("Chapter Eleven") gesundschrumpfen - der Konzern wird in einen "guten" und einen "schlechten Teil" aufgespalten. GM soll künftig schon in die Gewinnzone fahren, wenn in den USA lediglich zehn Millionen Autos aller Hersteller pro Jahr verkauft werden. Bisher liegt die Schwelle bei 16 Millionen.
US-Präsident Barack Obama hatte dem Traditionsunternehmen ein Ultimatum bis zum 1. Juni gestellt: Entweder legt GM einen überzeugenden Sanierungsplan vor oder als einzige Überlebenschance bleibt die Insolvenz nach US-Muster. Nun wird der Konzern radikal umgekrempelt: Laut Regierung sollen elf Werke geschlossen und drei weitere nicht mehr genutzt werden. Berichten zufolge sollen erneut Zehntausende Stellen wegfallen - auf weit unter 100.000 allein in Nordamerika. 1979 hatte General Motors noch 618.000 Amerikaner beschäftigt, mehr als jedes andere Unternehmen in den USA.
Zahl der US-Marken wird halbiert
Die Zahl der US-Marken wird auf vier halbiert - es bleiben GMC, Chevrolet, Cadillac, Buick. Für die schwedische GM-Tochter Saab gab es zuletzt noch zwei bis drei mögliche Käufer. Auch die US-Marke Saturn wird losgeschlagen, Pontiac muss überhaupt sterben. "Während des Insolvenzverfahrens wird GM wie gewöhnlich arbeiten", hieß es aus dem Weißen Haus.
Käufer für Marke Hummer gefunden
Für seine Geländewagenmarke Hummer hat GM laut einem Zeitungsbericht indes einen Käufer gefunden. Der Autobauer werde den vorläufigen Abschluss an diesem Dienstag bekanntgeben, berichtete die Online-Ausgabe des "Wall Street Journal" unter Berufung auf informierte Personen. Den Namen des Käufers und den Preis wolle GM aber vorerst nicht nennen. Ohne eine gesicherte Übernahme stünde die Marke Hummer im GM-Insolvenzverfahren wohl bald vor dem Aus, so die Zeitung weiter.
Von Anfang 2005 bis heute hat GM ein Minus von insgesamt 88 Milliarden Dollar eingefahren. Allein in den ersten drei Monaten dieses Jahres klaffte ein sechs Milliarden Dollar großes Loch - es war der achte Quartalsverlust in Folge.
Verfehlte Modellpolitik und zu hohe Kosten
Zum Verhängnis wurden GM in den vergangenen Jahren weit zu hohe Kosten und eine verfehlte Modellpolitik. Viel zu lange setzte der Traditionskonzern fast ausschließlich auf bullige Geländewagen und spritfressende Limousinen. Die Konkurrenz vor allem asiatischer Hersteller wie Toyota und Honda wurde völlig unterschätzt. 2008 stießen die Japaner GM nach mehr als einem Dreivierteljahrhundert vom Thron als weltweit absatzstärkster Autobauer.
Der Konzern durchlitt in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder neue Sanierungswellen mit drastischem Stellenabbau. Die Talfahrt beschleunigte zuletzt der dramatische Einbruch des Autoabsatzes erst auf dem Heimatmarkt USA und später wegen der Wirtschaftskrise auch in Europa und anderen Teilen der Welt.
Obama und Henderson zuversichtlich
Obama hat sich am Montag zuversichtlich geäußert, dass GM den Gläubigerschutz schnell wieder verlassen kann. Der Plan zur Umstrukturierung sei "glaubhaft und vielversprechend", sagte Obama. Gleichwohl müsse die bisherige Opel-Mutter Entscheidungen über Fabriken, Produkte und andere Bereiche treffen. Der Chef des insolventen Autobauers, Fritz Henderson, setzt auf einen schnellen Neustart des Konzerns. GM solle schnell und dauerhaft saniert werden. "Der neue GM-Konzern soll aus den stärksten Teilen unseres bisherigen Unternehmens gebaut werden", sagte Henderson. "Das ist nicht das Ende von GM, sondern der Start eines neuen und besseren Kapitels."
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