Offener Brief

Familie des Amokläufers spricht ihr Mitgefühl aus

Ausland
18.03.2009 13:48
Sechs Tage nach der schrecklichen Bluttat im deutschen Winnenden hat die Familie des Amokläufers Tim K. am Dienstag erstmals ihr Schweigen gebrochen und den Angehörigen der Opfer ihr Mitgefühl ausgesprochen. In einem offenen Brief, der vom Anwalt der Familie am Nachmittag in Stuttgart verbreitet wurde, schreiben sie: "Ihnen wurde das Wertvollste und Wichtigste, ein geliebter Mensch, durch die entsetzliche und unbegreifbare Tat unseres Sohnes und Bruders, genommen. (...) Wir hätten Tim so etwas nie zugetraut und kannten ihn anders. (...) Alle unsere Gedanken sind auch bei den körperlich und seelisch Verletzten."

"Immer und immer wieder fragen wir uns, wieso dies geschehen konnte. Warum wir seine Verzweiflung und seinen Hass nicht bemerkt haben. Bis zu dem furchtbaren Geschehen waren auch wir eine ganz normale Familie. Wir hätten Tim so etwas nie zugetraut und kannten ihn anders. Wir sind bestürzt und stehen weinend und stumm vor der unfassbaren Tragödie. Unser tiefstes Mitgefühl möchten wir den Opfern, Angehörigen und Freunden aussprechen", heiß es weiter in dem Schreiben.

Amokläufer richtete sich durch Schuss in Stirn
Am Dienstag gab die Staatsanwaltschaft auch das vorläufige Obduktionsergebnis für den 17-jährigen Tim K. bekannt: Der Amokläufer tötete sich durch einen Nahschuss in die Stirn. Seine Leiche wurde freigegeben, wann er beerdigt wird, ist bisher nicht bekannt. 

Unter großer Anteilnahme von Schülern, Kollegen, Freunden und Angehörigen sind am Dienstag zwei Lehrerinnen und ein Schüler beigesetzt worden, die von dem Amokläufer erschossen worden waren.

Schweigeminute für Opfer von Winnenden
Eine Woche nach dem Amoklauf hat das süddeutsche Bundesland Baden-Württemberg am Mittwoch um 10.00 Uhr mit einer Schweigeminute der 15 Opfer gedacht. Viele Rathäuser, Schulen, Institutionen, kulturelle Einrichtungen und Unternehmen setzten ihren Betrieb kurzzeitig aus. In einigen Städten blieben Straßenbahnen stehen. Hörfunksender unterbrachen ihre Sendungen. Beim Autobauer Daimler standen die Bänder in Stuttgart, Sindelfingen und Rastatt für eine Minute still. Auch der Verwaltungsgerichtshof in Mannheim und Amtsgerichte wie in Stuttgart beteiligten sich an der Gedenkminute. Vor dem Tatort, der Albertville-Realschule, gedachten 200 Menschen, darunter viele Helfer des Deutschen Roten Kreuzes, der Opfer.

Polizei nahm ursprünglich Unschuldigen fest
Die Polizei bestätigte unterdessen einen Bericht der "Stuttgarter Zeitung", wonach die Beamten in Winnenden vor einer Woche zunächst einen Unschuldigen festgenommen hatten: Der 18-Jährige war am Tag des Amoklaufs aus Neugier in die Nähe der Albertville-Realschule gekommen, wo er früher selbst Schüler war. Wegen seiner Kleidung schöpften die Ermittler Verdacht und hielten ihn für den Amokläufer. Nach einer ersten Befragung durchsuchten die Beamten sein Zimmer nach Waffen. Nachdem der echte Täter am Mittag in Wendlingen gestellt worden war, kam der 18-Jährige frei.

Staatsanwalt ermittelt gegen Vater von Tim K.
Tim K. hatte an seiner ehemaligen Schule insgesamt neun Schüler und drei Lehrerinnen getötet. Auf der Flucht erschoss er einen weiteren Mann, nach einer Irrfahrt mit einer Geisel in Wendlingen  noch zwei Männer und schließlich sich selbst. Für den Amoklauf benutzte er eine Waffe seines Vaters, die frei verfügbar im Schlafzimmer der Eltern lag. Gegen den Vater wurde deshalb ein Ermittlungsverfahren wegen fahrlässiger Tötung in 15 Fällen eingeleitet (Bericht in der Infobox).

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