Skandal in England

“Baby Ps” Tod schockiert britische Öffentlichkeit

Ausland
19.11.2008 07:03
Das Schicksal von "Baby P" erschüttert - mehr als ein Jahr nachdem der damals 17 Monate alte Bub von seiner Mutter zu Tode gequält wurde - die britische Öffentlichkeit. Nachdem ein Londoner Gericht die Mutter, ihren Ex-Freund sowie den leiblichen Vater des Buben schuldig gesprochen hat, sind jetzt Gerichtsakten aufgetaucht, die den tragischen Misshandlungsfall zum Behörden-Skandal werden lassen. Mehrere Ärzte hatten "Baby P" demnach mit deutlichen Spuren von Misshandlungen untersucht, aber nichts gemeldet. Die heute 27-jährige Mutter war zwischendurch sogar von der Polizei verhaftet worden. Versagt hat auch die Fürsorge: Bei über 60 Besuchen wurde über die Verletzungen des Buben hinweggesehen.

Britische Zeitungen berichteten am Dienstag über das aufgetauchte "Baby P"-Dossier mit Titeln wie: "Die Wahrheit über Baby P", "Der Leidensweg von Baby P" und "Baby Ps Leben - 294 Tage Schmerzen". Erst nach der Verurteilung der Mutter und den beiden Männern - die zu erwartenden langjährigen Haftstrafen werden erst am 15. Dezember verkündet - wurde das wahre Ausmaß der Tragödie bekannt. Der Fall hat Parallelen zum Schicksal des kleinen Luca, das Österreich über Monate bewegte und unter anderem auch die Behörden in Bedrängnis brachte. Der britische Premierminister Gordon Brown verspricht "volle Aufklärung".

Das Schicksal von "Baby P"
"Baby P" - aus rechtlichen Gründen nennen britische Zeitungen weder den Namen des Babys noch den der Mutter - wird am 1. März 2006 in London geboren. Dem Dossier ist zu entnehmen, dass er bereits im Alter von sieben Monaten zum ersten Mal mit blauen Flecken und Schürfwunden im Gesicht ins Krankenhaus muss. "Sturz über die Treppe" wird als Verletzungsursache vermerkt. "Baby P" lebt zu diesem Zeitpunkt mit seinen Geschwistern, seiner Mutter und deren Lebensgefährten in Nordlondon.

Im Dezember wird "Baby P" von seiner Mutter wieder ins Krankenhaus gebracht. Nachdem mehrere Ärzte die blauen Flecken und das geprellte Brustbein des Säuglings untersuchen, wird zum ersten Mal ein "Child Abuse Investigation Team" eingeschaltet. Am 19. Dezember 2006 wird die Mutter verhaftet. Sie kommt auf Kaution frei, eine Untersuchung wird eingeleitet. In den folgenden Monaten erhält die Mutter öfter Besuch von Sozialarbeitern, die in ihren Aufzeichnungen immer wieder kleinere Verletzungen und - aus heutiger Sicht - verdächtige Erklärungen wie "hat sich bei einem Freund am Wohnzimmertisch verletzt" notieren. Seine ersten Weihnachten erlebt "Baby P" bei einer Bekannten, die das Baby vorübergehend zu sich genommen hat. Sie verlangt von der Jugendwohlfahrt allerdings 320 Pfund im Monat für die Betreuung. Anfang 2007 kommt "Baby P" zurück zu seiner Mutter.

Ab Februar bekommt die Mutter eine fixe Sozialarbeiterin zugeteilt. In den nächsten sechs Monaten gibt es acht angekündigte und zwei unangekündigte Besuche allein von ihr. Immer wieder werden kleine Verletzungen notiert; "rough play", "ungestümes Spielen", heißt es dazu als Erklärung im Akt. Die heute 27-jährige Mutter sucht zwischendurch wegen Depressionen Rat bei einem Arzt, ein anderes Mal wegen "Beziehungsproblemen". 

"Regelrechte Gewaltorgie" führte zum Tod
Bis zu seinem Tod am 3. August, der laut Dossier durch schwere Verletzungen aufgrund einer "regelrechten Gewaltorgie", durchgeführt vom Lebensgefährten und der Mutter, erfolgt, wurde "Baby P" zahlreiche Male von Ärzten untersucht. Brandwunden ließen sich Mediziner und Sozialarbeiter damit erklären, dass der Bub beim Spielen von einem Freund zu nah an den Kamin gedrängt worden sei. Auch der leibliche Vater ignorierte die Verletzungen, er wurde vom Gericht verurteilt, weil er den Tod des 17 Monate alten Buben zuließ.

Sozialarbeiterin schlug vergeblich Alarm
Britische Medien berichteten in den letzten Tagen von mehr als 60 Sozialarbeiterbesuchen, in denen die systematische Misshandlung des Buben nicht aufgefallen war. Brisant: Rund ein halbes Jahr vor "Baby Ps" Tod, wendete sich eine Sozialarbeiterin aus der Region an die britische Sozialministerin. In einem Brief klagte sie Missstände in der betreffenden Wohlfahrtsstelle an. "Selbst Pädophile werden so gut wie gar nicht kontrolliert", hieß es in dem Schreiben. Der britische Premierminister Gordon Brown hat "volle Aufklärung" des Falles zugesagt: "So ein Fall darf sich nicht wiederholen!" Mit den Worten "Das System hat hier versagt" kommentierte Tory-Parteichef David Cameron den Skandal.

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