Kunduz-Angriff
Planten Taliban mit Tanklastern Sturm auf ISAF-Lager?
Nach den Geheimdienstinformationen hätten die Aufständischen mit Tanklastwagen den ersten Ring des Feldlagers sprengen wollen. Danach hätten Selbstmordattentäter in Kleinwagen den zweiten Ring brechen sollen. Im dritten Schritt hätten viele Dutzend bewaffnete Kämpfer dann in das Feldlager eindringen sollen. Mit dem Angriff hätten die Taliban eine spektakuläre Wirkung wie mit der Erstürmung eines Gefängnisses 2008 in Südafghanistan erzielen wollen. Der Geheimdienst BND und die Eliteeinheit KSK hätten die Rekrutierung von Selbstmordattentätern in der Region und Bewegungen größerer Gruppen bewaffneter Taliban beobachtet.
Mit der Kaperung der dann in einem Flussbett steckengebliebenen Tanklaster und Informationen, dass dort vier führende Taliban seien, habe Klein den Angriffsplan erfüllt gesehen. Für die Bundeswehr habe sich die Frage gestellt, wie der Plan vereitelt werden könne, wenn die Tanklaster wieder fahrbereit gemacht und in das nächste Dorf gelenkt worden wären. Eine Bombardierung in einem Dorf sei ausgeschlossen worden. Klein habe außerdem berücksichtigen müssen, dass ein Teil seiner Soldaten in anderen Gefechten und das Feldlager dadurch verwundbarer gewesen sei.
Politisches Köpferollen nach dem Angriff
Nach Mitternacht am 4. September gab Klein den Befehl zum Luftangriff. Bis zu 142 Menschen starben oder wurden verletzt, darunter viele Zivilisten. Bei der Anweisung von US-Kampfjets zur Bombardierung soll Klein gegen Regeln der internationalen Schutztruppe ISAF verstoßen haben. So soll er wahrheitswidrig angegeben haben, dass eigene Truppen Feindberührung hätten. Deutsche Soldaten waren aber nicht in der Nähe.
Laut dem Nachrichtenmagazin "stern" soll Oberst Klein außerdem die anschließenden Ermittlungen aktiv behindert haben. Das Blatt berichtete am Mittwoch im Voraus, Klein habe nach dem Angriff Anfang September angeordnet, Ermittler vom Regionalkommando aus Mazar-i-Sharif nicht mit den ersten deutschen Soldaten zum Tatort zu lassen. Zudem habe er Untergebene im Feldlager Kunduz angewiesen, bei Ermittlungen nicht zu kooperieren.
Die Kunduz-Affäre hat bereits Ex-Verteidigungsminister Franz-Josef Jung, seinen Staatssekretär Peter Wichert sowie Armeechef Wolfgang Schneiderhan ihre Ämter gekostet. In den vergangenen Tagen war auch Jungs Nachfolger als Verteidigungsminister, Karl-Theodor zu Guttenberg, immer mehr unter Druck gekommen, nachdem jüngste Informationen den Eindruck entstehen ließen, beim Luftangriff ging es nicht um die Abwehr eines unmittelbar drohenden Anschlags auf das deutsche Armeelager, sondern um eine gezielte Tötung von Taliban-Führern.
"Militärisch ein Erfolg, strategisch ein Desaster"
In der Bundeswehr heißt es, "militärisch-taktisch sei der Angriff ein Erfolg, strategisch aber ein Desaster". Der Afghanistan-Einsatz habe durch die hohe Zahl der Toten national und international Schaden genommen und belaste darüber hinaus das Verhältnis von Deutschland zu Bündnispartnern. Im Nachhinein sei eindeutig, dass Klein den Angriffsbefehl in dieser Abwägung nicht hätte geben dürfen. Die Geheimdienstinformationen über den Drei-Stufen-Plan sollten angeblich zum Schutz der Aufklärungsarbeit von BND und KSK nicht an die Öffentlichkeit gelangen.
Unter dem Eindruck der neuen Informationen konstituiert sich am Mittwoch der Untersuchungsausschuss des deutschen Bundestags, der die Vorgänge um den Luftangriff klären soll. SPD, Grüne und Linke wollen insbesondere die Informationspannen rund um das Bombardement aufklären. Der Verteidigungsausschuss des Bundestags wandelt sich dafür in einen Untersuchungsausschuss um. Er soll nach dem Willen der Opposition in der Regel öffentlich tagen.
Merkel erst spät über Details informiert?
Als erster Zeuge soll im Jänner Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) geladen werden. Die Opposition will auch Kanzlerin Angela Merkel (CDU) befragen. Diese wurde nach Informationen der "Süddeutschen Zeitung" erst mit vier Tagen Verzögerung über die Details des Luftschlags unterrichtet. Der erste ISAF-Bericht und die Angaben des deutschen Kommandanten Georg Klein seien zwar am 6. September im Verteidigungsministerium eingetroffen, allerdings erst am 10. September an das Kanzleramt weitergeleitet worden, heißt es in einer Vorausmeldung. Merkel hatte am 8. September eine Regierungserklärung zu dem Thema abgegeben.







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