Merkel hielt bei der Verleihung des Potsdamer M100- Medienpreises die Hauptrede und überreichte gemeinsam mit dem ehemaligen Chef der Stasi- Unterlagenbehörde, Joachim Gauck, den Preis an Westergaard, der seit der Karikaturen- Veröffentlichung vor fünf Jahren nur mehr unter Polizeischutz (über)leben kann.
Bei der Preisverleihung unter einem Christus- Gemälde sagte Merkel, dass die Pressefreiheit ein wichtiges Gut sei, das "alle Menschen in diesem Land als eine Säule unserer Freiheit genießen". "Niemals dürfen wir dieses hohe Gut als selbstverständlich ansehen. Der heutige Preisträger Kurt Westergaard muss für das Zeichnen und Veröffentlichen seiner Karikaturen im Jahr 2005 heute um sein Leben bangen."
Am 30. September 2005 erschien Westergaards Mohammed- Karikatur zusammen mit elf Zeichnungen von Kollegen zum gleichen Thema in der dänischen Zeitung "Jyllands- Posten". Seine von Muslimen als beleidigend empfundene Darstellung des Propheten, der eine Bombe mit brennender Zündschnur als Turban trägt, hat bis heute brisante Wirkung. Westergaard entkam mehreren Mordversuchen.
Er sei nur ein Karikaturist, der seine Arbeit getan und dabei dänische Grundwerte verteidigt habe, sagte Westergaard in Interviews. Und stets fügt der in seiner Jugend vor "fundamentalistischen Christen" in seiner Nachbarschaft Geflohene, hinzu: "Ja, ich würde es wieder machen." Westergaard sieht den Islam nach wie vor sehr kritisch. "Nach meinem Empfinden kann man den Islam nicht mit dem Christentum vergleichen. Es ist keine sympathische Religion, sondern in vielerlei Hinsicht eine reaktionäre Religion", sagte Westergaard am Mittwoch dem "Kölner Stadt- Anzeiger". Der Zeichner begründet seine Meinung unter anderem mit den Strafen für Homosexuelle in islamischen Ländern. Trotz dieser Vorbehalte werde er "immer dafür eintreten, dass Menschen das Recht darauf haben, auch diese Religion auszuüben", betonte der Karikaturist.
Monate nach der Veröffentlichung der Mohammed- Karikaturen war es in der islamischen Welt zu Ausschreitungen gekommen. Dabei sollen bis zu 150 Menschen getötet worden sein. Gerne würden Extremisten auch Westergaard zu den Todesopfern zählen: Auf den heute 75- jährigen Zeichner ist angeblich ein Kopfgeld von mehreren Millionen Dollar ausgesetzt. Im November 2007 vereitelte der dänische Polizeigeheimdienst einen Mordanschlag auf ihn. Mit seiner sechs Jahre jüngeren Ehefrau Gitte ist er anfangs im Wochenabstand umgezogen. "Für uns ist es, als wäre eine Art dunkler Depression über uns hereingebrochen", sagte der Zeichner.
Im Februar 2008 nahm die Polizei in Aarhus drei Männer fest. Die zwei Tunesier und der Däne marokkanischer Abstammung sollen die Ermordung Westergaards geplant haben. Am Neujahrsabend 2010 zerschlug ein gebürtiger Somalier mit einer Axt eine Fensterscheibe und drang in Westergaards Haus ein. Westergaard konnte sich mit seiner fünfjährigen Enkelin in seinem zum Sicherheitsraum umgebauten Badezimmer einschließen und von dort per Alarmanlage die Polizei verständigen. Seit dem Vorfall ist der inzwischen pensionierte Zeichner nach "irgendwo in Südeuropa" umgezogen.
Dass der Auftritt Merkel, die als mächtigste Frau der Welt gilt, in muslimischen Länder kritisch aufgenommen werden wird, ist zu erwarten. Dass er in Deutschland bereits im Vorfeld für heftige Wortmeldungen sorgte, überrascht. Der deutsche Zentralrat der Muslime wollte im Vorfeld keinerlei Verständnis zeigen. Merkel ehre den Karikaturisten, der "unseren Propheten in unseren Augen mit Füßen getreten hat und uns alle Muslime eigentlich mit Füßen getreten hat", sagte ZMD- Generalsekretär Aiman Mazyek. Die Auszeichnung Westergaards sei in dieser "aufgeladenen und erhitzten Zeit" "hochproblematisch".
Die Kanzlerin entgegnete dem in ihrer Rede: "Europa ist ein Ort, an dem ein Zeichner so etwas zeichnen darf. Das ist kein Widerspruch dazu, dass Europa auch ein Ort ist, in dem die Freiheit des Glauben und der Religion eine hohes Gut ist." Merkel ging auch auf die Diskussion um die Äußerungen des Bundesbank- Vorstands Thilo Sarrazin ein. Diese Debatte sei nicht ein Problem der Meinungsfreiheit, sagte die Kanzlerin, sondern ob jemand in herausragender Position solche Äußerungen tätigen dürfe. Merkel verurteilte in diesem Zusammenhang auch die Ankündigung radikaler Christen in den USA, den Koran öffentlich zu verbrennen. "Das ist schlicht respektlos. Abstoßend - einfach falsch."
Den Medienpreis M100 erhalten während der alljährlichen Medienkonferenz "M100 Sanssouci Colloquium" europäische Persönlichkeiten, die durch ihr Schaffen Spuren in Europa und der Welt hinterlassen haben. Im vergangenen Jahr erhielt der ehemalige deutsche Außenminister Hans- Dietrich Genscher den erstmals im Jahr 2005 verliehenen Preis, im Jahr davor die Franko- Kolumbianerin Ingrid Betancourt, die jahrelang in Kolumbien als Geisel gehalten wurde.
Die Auszeichnung bedeute ihm sehr viel, sagte Westergaard am Mittwochabend. "Das ist die größte Anerkennung, die ich bekommen habe, und ich glaube, sie ist gut für die Meinungsfreiheit."